Kreuzberger Chronik
März 2004 - Ausgabe 55

Kohlenh?ndler Machule Kreuzberger
Kohlenhändler Machule

»Sonst nützt doch die janze Arbeit nischt!«


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von Hans W. Korfmann

Fotos: Michael Hughes

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Er ist so etwas wie ein alter Kreuzberger. Obwohl er schon seit vielen Jahren nicht mehr in Kreuzberg, sondern in Lichtenrade wohnt. Aber das Geschäft war immer hier im Eck: Ganz am Anfang, im »vorvor’jen Jahrhundert«, stand die Großmutter mit ihrem Gemüseladen und dem Kohlenschuppen im Hinterhof in der Reichenberger 142. Dann war es in der Lausitzer Straße, dann am Paul-Lincke-Ufer, und seit 30 Jahren ist Machule in der Mariannenstraße. In den Siebzigern wollten sie die Altbauten abreißen und die Straße verbreitern. Auf der linken Seite stehen jetzt blau gestrichene Sozialbauten. Aber die andere Straßenseite ist erhalten geblieben. Wegen der Proteste gegen die »Kahlschlagsanierung«. Auch das Eckgrundstück ist geblieben, das so günstig war, weil jeder wußte, daß hier die breite Straße durchgehen sollte. Machule kaufte es trotzdem. Umziehen war er gewohnt. Machule ist Reisen gewohnt.

Mit dem acht Meter langen Boot, das er sich Anfang der sechziger Jahre zur Verlobung schenkte, ist er im Süden bis zur albanischen Grenze vorgestoßen und im Norden bis nach Kristiansand. Er schwärmt von den Wasserflugzeugen, mit denen die Norweger mal kurz zum Picknick auf die kleinen Inseln fliegen, und beim sechsstündigen Motorbootrennen unterm Eiffelturm belegte sein Team Platz 2. Mit dem Fahrrad erforschte er schon als Fünfjähriger die Welt, und als Sechzigjähriger überquerte er die Alpen. Bis ihm auf der Tour von Berlin nach Garmisch – 27 Radfahrer in einer Reihe – plötzlich ein Auto entgegenkam. Als seine Frau im Krankenhaus eintraf, waren sie gerade dabei, den alten Machule zu entmündigen. Die Ärzte schüttelten den Kopf: »Das wird nichts mehr!« – Seine Frau sagte: »Aber der doch nich!« Nach fünf Tagen im Koma schlug er die Augen wieder auf.

Denn Machule ist Kohlenhändler. Und Kohlenhändler sind aus an-derem Holz. Hart wie Steinkohle. »Muß ja!«, sagt Machule. Wer einmal Kohlensäcke auf dem Buckel hatte, der läßt sich so schnell nicht unterkriegen. Der geht weiter. Auch wenn der Vater im Krieg an einer Fleischvergiftung
»Wieviele Handgriffe
das waren, nur damit’s
ein bißchen warm wird!«

stirbt, der Bruder von einem acht Tonnen schweren Kohlenhänger überrollt wird. Auch wenn die Nazis dem Vater drei der vier Lastwagen nahmen, und den einen nur ließen, weil sie den Rückwärtsgang nicht reinbekamen. Auch, wenn die Nazis dem Vater die Heirat mit der Mutter verboten, weil die mit 40 eben schon zu alt sei für die Erzeugung des Herrenmenschen. Und vielleicht, weil »Machule« eben doch sehr jüdisch klang.

Der Kohlenhändler steht am Fenster und blickt zurück, die karierte Schirmmütze locker auf dem großen Schädel, eine Hand in der Tasche der Schreinerhose, die andere auf einem großen Brocken glänzenden Anthrazits, der dort liegt, wo andere ihre Geranien haben. Obwohl er eigentlich genug Kohle gesehen hat. Obwohl das nicht eben leicht war. Es war staubig und dreckig, es war mühselig, das Leben mit der Kohle: Zuerst von den Waggons am Bahnhof »Kohlegrabbeln«, dann in die Kästen stapeln, auf den Lkw laden, zum Lager fahren, abladen, im Hof stapeln, zu den Kunden fahren, in den Keller tragen, »und am Ende muß der Kunde sie in die Wohnung tragen! Wieviele Handgriffe das waren! Nur damit’s ein bißchen warm wird!«

Zwar konnte man sich schon im Vorkriegsberlin die Kohlen von arbeitslosen Schlesiern und Pommern in den vierten Stock tragen lassen, und auch Machule machte sich das Leben leichter, als er 1976 als erster Berliner Kohlenhändler die handlichen Bündelbriketts einführte und den staubigen Kohlehaufen im Hof durch sauber gestapelte Paletten ersetzte. Aber der Handel mit Kohlen blieb immer eine Schinderei, »und wenn mich einer fragt, was ich an dieser Arbeit liebe, kann ich nur sagen: Nischt!« Doch Aufhören geht auch nicht. »Das Geschäft läuft so gut wie lange nicht mehr!« Denn Machule ist einer der letzten Kohlenhändler von Berlin.

Ein Kürschner, dem die Tierschützer zu schaffen machten, sagte mal zu ihm: »Eigentlich wollen wir ja beide, daß die Leute es warm haben. Aber Pelze kauft man eben nicht jedes Jahr neu!« So waren die Kohlen eben immer ein sicheres Brot. Vor dem Krieg, als die ganze Stadt damit heizte, und nach dem Krieg, als es die Kohlescheine gab, 12 Zentner für jeden Berliner im Herbst, und noch mal 7 Zentner im Frühjahr. Seit den Siebzigern gab es den Heizkostenzuschuß jedoch in bar, »und der überwiegende Teil der Kreuzberger hat sich davon mit Lambrusco eingedeckt!«

So verlor er seine Stammkunden. »Mit den ersten Türken konnte man ja noch gut leben, aber die Asozialen, die dann kamen«, die vertrieben ihm auch jene, die schon beim Großvater ihre Kohlen gekauft hatten. »Wenn wir früher lieferten, dann war der Kaffee heiß und die Schrippen waren geschmiert. Und wenn wir einen Automechaniker mit Brennstoff versorgten, versorgte der unsere Autos. Das war Ehrensache. Sogar Bilder von Künstlern haben wir gekauft, die wären sonst in ihren Ateliers erfroren. Und wir kauften bei dem Metzger, der bei uns Kohlen kaufte. Sogar dann noch, wenn wir wußten, daß er seine Zigarrenstummel immer in die Wurstsuppe spuckte und sagte. »Ein bißchen Würze muß sein!«

Kohlenh?ndler Machule
Der »alte Machule« und sein Sohn Foto: Michael Hughes
Die Leute, die heute zu ihm kommen, die kennt er kaum noch. Lauter wechselnde Gesichter. Wenn das Thermometer mal wieder unter zehn Grad Minus fällt, dann stehen sie samstags bei ihm Schlange wie im Winter ’47. Dann kommen die Türken mit ihren Autos auf den Hof gefahren und laden sich den Kofferraum mit dem fossilen Brennstoff voll, »weil der Radiator es nicht mehr schafft.« Oder es kommen die durchgefrorenen Haschischraucher mit ihren dicken Pudelmützen und den mit Klebeband ins Portemonnaie geklebten eisernen Reservefünfzigern. Oder es kommen dünne, zitternde Frauchen und sagen: »Eine gelbe und eine Ökotüte – für 5,45!« Dann freut er sich, daß sie die Preise so gut kennen, aber vorsichtshalber schaut er noch mal auf die Liste. »Frauen sagen ja auch nicht immer die Wahrheit!« Und lächelt.

Auch die Kunden lächeln, wenn sie aus dem warmen Bretterverschlag des Kohlenhändlers wieder in die Kälte hinaustreten. Weil sie Kohle haben, und weil es nichts Schöneres gibt als eine warme Wohnung im Winter. Und weil er nicht so ein alter Griesgram ist wie viele andere seiner Gattung. »Wie ist der werte Name?«, fragt er eine junge Frau. »Wohin sollen wir liefern?« – »Manteuffelstraße! Aber es gibt keine Klingel da!« – »Ham Se Telefon?« – »Ja, schon … – ne Handynummer. Aber das geht über Irland. Eine andere Nummer hab ich nicht!« – »Schönes Land, Irland!«, sagt Machule. »Also: Dienstag morgen, zwischen neun und zehn!«

»Ich bräuchte Anmachholz. Ach, da steht es ja schon!«, sagt ein junger Mann mit altem Schlapphut und deutet auf einen Sack mit Holzscheiten. »Nö!«, sagt Machule, »das ist Brennholz. Buche!« – »Macht nichts!«, sagt der Kunde, »ich wollte es sowieso ein bißchen zweckentfremden!« – »Künstler, was?« – »Genau!«, sagt der Künstler und fühlt sich geehrt. Manchmal allerdings kennt der Kohlenhändler einen Kunden auch schon länger. Der Mann, der gerade hereinkommt, sieht so aus, als hätte er die Nacht unter der Brücke verbringen müssen. »Ich hätt gern drei Gelbe!«, sagt er. »Siebenfünfzig. Ich mach’s ein bißchen billiger. Weil ich bräucht ne Auskunft von Dir!«, sagt Machule. Und dann erklärt er dem Kunden sein Problem mit dem Computer.

Ganz selten kommt auch einmal jemand, der so aussieht, als habe er eine moderne Solaranlage auf seiner Villa. »Sie werden sich schon die besten draußen aussuchen, wa?«, sagt er zu dem Mann im feinen Jackett, der gerade bezahlt hat. Der dreht sich in der Tür noch einmal um und fragt: »Und woran erkenn ich die?« – »Reine Gefühlssache! Wenn Se noch Gefühl haben!« – »Hab ich schon!«, sagt der Kunde, »Allerdings weniger für Kohle!«

Aber die meisten, die zu Machule kommen, wohnen in den billigen Altbauwohnungen des Viertels, in denen seit ewigen Zeiten die Schornsteine so schwarz qualmen, wie sie nur mit Kohle qualmen können.
»Da fehlen ja noch
noch schlappe
250 Millionen Jahre!«

Mit rußiger Braunkohle. Union oder Rekord, Ruhrpott oder Lausitz, West oder Ost? Das ist die Frage. Machule hebt die Schultern. Er weiß es auch nicht. »Egal, ob Union oder Rekord: Auf jeden Fall fehlen da noch schlappe 250 Millionen Jahre, damit aus dem Torf mal was Richtges wird!« Harte, weißglühende, glänzende Steinkohle nämlich! Anthrazit! Alles andere ist Mist. Es gibt da zwar noch einen, der fährt jedes Jahr ins Ruhrgebiet und holt einen Lkw voll Ruhrkohle nach Berlin, erzählt Machule und verzieht die Unterlippe: »Aber das ist eher was für Nostalgiker.«

Ganz frei von Nostalgie ist auch der Kohlenhändler nicht. Neben dem Brocken Anthrazit im Fenster steht eine kleine Lore, geschnitzt aus Steinkohle! Und die Miniaturbriketts daneben tragen eine goldene Gravur: Braunkohlenkombinat Senftenberg. Eigentlich hat er wirklich genug Kohle gesehen in seinem Leben, aber er weiß eben, was er ihr zu verdanken hat. Dieser staubigen Kohle. Dieser Schinderei. Diesen ewigen schwarzen Fingern. »Dabei gab es so gute Jobs in den Siebzigern!«, und alle sahen auf die Kohlenhändler herab. Aber wie viele von denen, die damals in jedem Kohlenhändler einen Betrüger sahen, der bei einer Tonne um mindestens einen Zentner betrog, stehen jetzt auf der Straße!

Es ist eben alles endlich. Auch das Geschäft mit den Kohlen wird es nicht ewig geben. »Weil die ja 25 Jahre gebraucht haben, um endlich die Biobriketts zu erfinden. Dabei heizen die Schreiner in der Stadt schon seit ewigen Zeiten ihre Bolleröfen in den Werkstätten mit gepreßten Sägespänen! Jetzt sind die Kachelöfen fast alle abgerissen! Aber für meinen Sohn ist das der Renner. Die Zukunft der Briketts: Kachelofen und Biobriketts. Sauber, umweltfreundlich, guter Heizwert.«

Der Sohn ist jetzt Kohlenhändler in der 4. Generation. Eigentlich ist er Diplomingenieur für Heiz- und Klimatechnik. Aber auch er ist ja irgendwie »in den Kohlen großgeworden!«, sagt Machule. »Wahrscheinlich ist er der bestausgebildete Kohlenhändler von Berlin. Fehlt nur noch der Doktor! Das wär die Krönung!« Aber egal. Hauptsache Arbeit. Und solange in der Stadt noch Schornsteine rauchen, wird der Sohn wohl mit Briketts handeln. Wie die andern vor ihm. Wie der Vater vor ihm. Der will ja jetzt nur noch reisen, radeln, bootfahren. »Sonst nützt doch die janze Arbeit nischt!« – Aber jeden Samstag ist er wieder da, auf dem Kohleplatz an der Mariannenstraße. Der alte Machule. So ganz kann er eben doch nicht lassen, vom staubigen, legendären schwarzen Gold.

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