Kreuzberger Chronik
März 2004 - Ausgabe 55

Die Literatur

Jacques Berndorf: »Die Raffkes«


linie

von Jacques Berndorf

1pixgif
Ziermann lachte. »Komm mit zu mir nach Haus. Hoffmanns Promenade achtzehn, tiefstes Kreuzberg. Meine Frau hat Tatar gemacht. Mit Eigelb, Zwiebeln und Tabasco. Das richtet dich wieder auf.«
»Ja, denn«, sagte Mann erleichtert.
Sie saßen in der Küche auf der Eckbank. Eine tief hängende Lampe beleuchtete allerlei Deftiges auf dem Tisch: verschiedene Sorten Wurst und Käse, Oliven, Weinblätter, und das gerühmte Tatar. Draußen vor dem Fenster rollte sanft und nicht allzu laut der Abendverkehr.
Aus dem Stock über ihnen hörten sie streitende Stimmen, die tiefe, raue und atemlose Stimme eines Mannes und die hohe, hysterische, angstvolle Stimme einer Frau.
»Gleich schlägt er sie wieder«, murmelte Erna Ziermann. »Es ist schrecklich und das geht jeden Tag so. Erich hatte ihm einen Job besorgt, aber er hört mit dem Trinken nicht auf. Er fängt sich einfach nicht.«
Erna Ziermann war eine dickliche Frau mit kurzem, grau gelocktem Haar und einem weichen, runden und hübschen Gesicht. Sie hatte Mann die Hand gereicht und in einem heiteren Ton gesagt: »Jetzt lerne ich Sie kennen, das ist schön. Mein Mann meint, dass Sie ihn rausgeholt haben aus all dem Unglück.«
»Ich habe nur ein bisschen geholfen!«, hatte er gemurmelt.
Sie hatten viel und geruhsam gegessen und Mann hatte nach einer Stunde in komischer Verzweiflung bemerkt: »Jetzt geht nichts mehr.«
»Wir haben ihnen eine Wohnung vermietet, um ihnen eine Chance zu geben. Doch sie zahlen seit sechs Monaten keine Miete mehr. Er vertrinkt das ganze Geld.«
»Es ist Euer Haus«, stellte Mann fest.
»Ja«, nickte die Frau lächelnd. »Wir haben es vor zwanzig Jahren gekauft. Alles ruhige Parteien. Nur die über uns, das ist wirklich kaum auszuhalten. Nehmen Sie noch ein Bier?«
»Gerne«, nickte Mann. »Eins darf ich noch.«
Es war das gemütliche Zusammensein in der Wohnung eines Arbeiters und Mann fühlte sich sehr wohl. Sie hatten bis jetzt noch mit keinem Wort über dienstliche Belange gesprochen.
»Haben die da oben Kinder?«, fragte er.
»Ja«, sagte Ziermann. »Das macht es ja so schwer. Zwei Mädchen, beide unter zehn, liebe Kinder. Ist klar, wie das enden wird. Er wird abstürzen, in irgendeiner Klinik aufwachen, und ich werde ihm verbieten müssen, hierher zurückzukehren. Dann werden wir versuchen, eine Arbeit für die Frau aufzutreiben.«»Und ich werde die Kinder hüten«, murmelte Erna Ziermann.
Ziermann nickte: »Und du wirst die Kinder betreuen. Natürlich.« Er schob den Teller beiseite und strahlte Mann an. »Erzähl uns von Frau Sirtel.«
»Ja, die Frau Sirtel. Das war ein chaotisches Gespräch, wobei ich den Eindruck hatte, dass sie alle wirklichen Probleme umging. Zunächst wirkte sie traurig, aber ruhig. Plötzlich explodierte sie. Sie redete von einem Mann, namens Sittko, der absolut skrupellos sei, und ich hatte nicht die geringste Ahnung, um was es ging.« Er gab den genauen Wortlaut des Gesprächs wieder und endete hilflos: »Ich habe nur noch sagen können: Liebe Frau Sirtel, ich kann Ihnen nicht helfen. Dann bin ich gegangen, eigentlich abgehauen. Ich wollte einfach weg, verstehst du?«
»Sehr gut«, nickte Ziermann und starrte aus dem Fenster. Er schien einer Musik zu lauschen, die niemand außer ihm hören konnte. Er schloß die Augen und seine linke Hand kroch langsam hinüber zu seiner Frau.
Mann, der das beobachtete, fühlte sich eigentümlich berührt.
»Diese Bankgeschichte macht eine Menge Leute meschugge.« Die Stimme von Frau Ziermann zitterte leicht.

(Entnommen aus Jacques Berndorf, Die Raffkes, erschienen im GRAFIT Verlag, 2003, 9,90 Euro, ISBN 3-89425-583-9) <br>

zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg