Kreuzberger Chronik
Juni 2004 - Ausgabe 58

Strassen, Häuser, Höfe

Die Geibelstraße


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von Arnulf Siebeneicker

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»Ziehende Schwäne droben im Blauen, / Drunten die quellende Blütenlust. / Ach, und im Garten hinab zu den Auen / Wandelt mein Weib mit dem Kind an der Brust.« Solchen Versen verdankte Emanuel Geibel seinen Ruhm. Als er 1884 in seiner Vaterstadt Lübeck starb, verehrten ihn die Zeitgenossen als den bedeutendsten deutschen Poeten nach Goethe. Ein Dichterkollege erinnerte sich bei der Todesnachricht wehmütig an seine eigenen Jugendjahre: »Geibel war auf der Schulbank unser Gott – seine ersten sentimentalen Liedergaben waren in Aller Händen, und unser jugendlicher Pegasus, schüchtern und doch selbstbewußt, nährte sich an diesen melodischen Strophen einer blonden Muse.«

Die prägenden Jahre seines Lebens verbrachte Geibel in Griechenland. Der 23jährige Jungdichter reiste 1838 nach Athen, um eine Stelle als Hauslehrer bei dem russischen Gesandten Katakazis anzutreten. Diesen Posten verdankte er Bettina von Arnim, die er in Berlin kennengelernt hatte, wo er an der Universität die klassischen Sprachen studiert und sich in literarischen Kreisen einen Namen gemacht hatte. In den Salons der preußischen Hauptstadt war ihm nicht nur die bekannte Schriftstellerin begegnet: »Er schwärmte für Bettinas schöne Töchter, deren freundlicher Antheil ihn zu rüstigem Fortstreben ermuthigte. Es konnte nicht fehlen, daß ihm, dem neuen Frauenlob, dem modernen Romeo, die Mädchenherzen heiß entgegenschlugen.« Dennoch hatte er der Stadt an der Spree nie viel abgewinnen können: »O Sand und Staub und Sand ohn’ Unterlaß!« Erst in Griechenland blühte er auf. Mit seinem Freund, dem Archäologen Ernst Curtius, bereiste er den Peloponnes und die ägäischen Inseln. Die lichtüberflutete Landschaft inspirierte ihn zu elegischen Gesängen, das klassische Schrifttum prägte die strenge Form seiner Lyrik. Die Sehnsucht nach Hellas durchzieht sein gesamtes literarisches Werk: »Ich weiß ein Land, wo aus sonnigem Grün / Um versunkene Tempel die Trauben glühn, / Wo die purpurne Woge das Ufer beschäumt, / Und von kommenden Sängern der Lorbeer träumt. / Fern lockt es und winkt dem verlangenden Sinn, / Und ich kann nicht hin!«

Nach Deutschland zurückgekehrt, entschied er sich 1840 für eine Existenz als freischaffender Schriftsteller. Ein solcher Entschluß war damals noch schwieriger zu verwirklichen als heute. Geibel tingelte von einer Einladung zur nächsten, ließ sich mal von einem hessischen Freiherrn, mal von einem schlesischen Grafen durchfüttern. Die Leichtigkeit, mit der er seine Reime schmiedete, verblüffte seine Gastgeber: »Freunden ist ein Abend unvergeßlich, an dem er, besonders angeregt, eine neben ihm liegende weiße Rose in sein Champagnerglas eintauchte und, den Schaumwein aus den Kelchblättern schlürfend, wohl eine Viertelstunde in den wundervollsten, mannichfaltigsten Versen fortsprach.«

Seinen Lebensunterhalt sicherte eine Jahrespension von 300 Talern, die ihm 1842 der preußische König gewährte. Geibel bedankte sich huldvoll: »Du gabst ein Leben mir vom Staube / Des niedern Marktes unberührt, / Ein Leben, wie’s im grünen Laube / Der freie Vogel singend führt.« Schon bald hatte er Gelegenheit, seine Königstreue zu beweisen. Der republikanische Eifer der Revolution von 1848 schockierte ihn: »Die Freiheit hab’ ich stets im Sinn getragen, / Doch hass’ ich eins noch grimmer als Despoten: / Das ist der Pöbel, wenn er sich den roten / Zerfetzten Königsmantel umgeschlagen.« Friedrich Wilhelm IV. enttäuschte den national denkenden Dichter allerdings, als er die deutsche Kaiserkrone ablehnte, die ihm das Frankfurter Paulskirchenparlament überreichen wollte.

Geibel sehnte einen Krieg herbei, um die deutsche Einheit zu befördern: »O säh’ ich morgen schon den Sonnenschein / Sich spiegeln auf den Helmen der Geschwader! / Ging’s morgen schon in Feindes Land hinein!« Die Dänen, die sich Schleswig-Holstein einzuverleiben suchten, beschimpfte er als »fremde Zwerge«, die es wagten, »ein deutsch Geschlecht zu schänden«. Auch die Nachbarn im Osten bekamen ihr Fett ab: »Wem je bei deutschem Weh und Wohle / Das rote Blut ins Antlitz schoß, / Der schlägt mit drein, eh’ der Mongole / Im Strom der Eider tränkt sein Roß.« Am meisten aber haßte er die Franzosen: »Es zog von Westen / Der Unhold aus, / Sein Reich zu festen / In Blut und Graus; / Mit allen Mächten / Der Höll’ im Bund / Die Welt zu knechten / Das schwur sein Mund.« Gern und häufig sprach er vom »Erbfeind«. Er hat dieses schlimme Wort zwar nicht erfunden, aber wie kaum ein anderer dazu beigetragen, es populär zu machen.

Der bayerische König Maximilian II. berief Geibel 1852 nach München, wo er zum Mittelpunkt eines literarischen Kreises wurde, dem auch der Romanautor Felix Dahn (»Ein Kampf um Rom«) und der Novellenschreiber Paul Heyse angehörten. Der Vater des Königs hatte München mit vielen klassizistischen Bauten in ein Isar-Athen verwandelt, und der Bruder des Königs saß auf dem griechischen Thron. Die Leidenschaft Geibels für die Antike war in Bayern also sehr willkommen, während seine nationale Gesinnung in den Hintergrund rückte. Als der Poet jedoch 1868 die Hoffnung aussprach, der preußische König Wilhelm I. möge bald von den Alpen bis zur Nordsee regieren, nahmen ihm die Bayern dies übel. Er verlor umgehend seine gut dotierte Ehrenprofessur und mußte München verlassen. Umso größer war seine Freude, als es nach dem deutschen Sieg über Frankreich ausgerechnet der bayerische König Ludwig II. war, der seinem preußischen Gegenspieler Wilhelm I. die Kaiserwürde anbieten mußte.

Zu den sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen seiner Zeit hatte Geibel nichts zu sagen. Eine Ausnahme ist nur sein »Mythus vom Dampf«, in dem die nutzbar gemachten Naturkräfte den Menschen Rache für ihre Versklavung androhen: »Wenn ihr dereinst in Eisenbande / Des letzten Eilands Wildnis schlugt, / Wenn prunkend ihr durch alle Lande / Die Fackel stolzer Weisheit trugt, / Wenn dann von euren Königsesseln / Ihr greifet nach des Himmels Schein: / Dann springen jählings unsre Fesseln, / Dann bricht der Tag des Zorns herein.« Heute ist der zu Lebzeiten so gefeierte Dichter komplett in Vergessenheit geraten, nur gelegentlich erinnert sich noch ein Männerchor an einstige Ohrwürmer wie »Der Mai ist gekommen« oder »Wer recht in Freuden wandern will«.

Verheiratet war Geibel nur kurz. Die achtzehn Jahre alte Amanda Trummer, die der doppelt so alte Schriftsteller 1852 zum Traualtar führte, starb schon nach dreijähriger Ehe. Kein Wunder also, daß die anfangs zitierte Geschichte vom »Weib mit dem Kind an der Brust« tragisch endet: »Der Schnee fällt draußen auf ein Grab, / Da schläft, die ich geliebet hab’. / Die mich geliebt, wie keinen, keinen / Ein Weib geliebt – o, könnt’ ich weinen!« <br>

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