Kreuzberger Chronik
Juni 2004 - Ausgabe 58

Kreuzberger Legenden

Kreuzberger Legenden (5):
König Rio der Erste



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von Dr. Seltsam

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Die Zeit nach 1970, als die Unibewegung in »Kapital«-Studien zur Ruhe kam und stattdessen die jungen Arbeiter aktiv wurden, läßt sich kaum beschreiben. Wer es erlebte, ist heute fünfzig und wirkt wie ein Märchenerzähler: Damals hielten noch alle zusammen.

Ich sah Rio Reisers Rote Steine zum ersten Mal beim total verregneten Fehmarn open air am 5. September 1970 als Vorgruppe von Jimi Hendrix. Wer ein wenig Ahnung von Musikgeschichte hat, dem klingeln jetzt die Ohren. Es war Hendrix’ letztes Konzert, zwei Wochen später war er tot. Helden sterben jung. Sein Star spangled banner, die unter Gitarrenschlägen zu Bomben auf Vietnam mutierende US-Nationalhymne, löste das Ästhetik-Problem, ob es revolutionäre Musik überhaupt gibt.

Nach Rios Auftritt brannten die Zelte der betrügerischen Veranstalter -Fehmarn war gelaufen. In Ahrensburg, im Ruhrgebiet, selbst in Schwaben: Wo später TSS auftrat, wurden anschließend Häuser besetzt oder unliebsame Jugendverwalter in die Mangel genommen. Wenn sie spielten, gab es anschließend »Äktsch’n«. Nicht so bei Rockgruppen wie den Stones, die schon ihren Auftritt selbst für die Revolution hielten. Für die aufmüpfige Jugend hatte der Imperialismus weltweit einen prima Revolutionsersatz bereit, das war die Rockmusik. Aber Ton Steine Scherben, das waren die echten…

Und aus Kreuzberg. Am 14. Mai 1970 war mit der Baader-Befreiung die RAF gebildet worden, und wenig später lieferte der Waffennarr Urbach die Führungscrew ans Messer. Dennoch stand »Stadtguerilla« auf der »Agenda 70«, um es mal mit dem heutigen SPD-Unwort auszudrücken. Es gab hunderte junger Menschen, die »im Untergrund« bewaffnete Gruppen bildeten: Blues, Panthertanten, Haschrebellen. TSS spielte ihre Hymnen. Als erster wurde der lustige Georg von Rauch erschossen. Ein Verfassungsschützer »traf« ihn in der Eisenacher Straße, eine Schulfreundin von mir schaute gerade aus dem Fenster und schwört heute noch, daß er die Hände hochhielt, als er getötet wurde. Das war am 4. Dezember 1971, drei Tage später wurde nach einem TSS-Konzert das »Rauchhaus« besetzt und gegen alle Polizeiangriffe gehalten, weil dahinter die DDR mit der Mauer half.

Ein Wunschtraum: Orte, wo man hin kann. Rio führte ein offenes Haus, große Wohngemeinschaften, die für ausgerissene Schüler, Nutten, drogati offenstanden und derart regelmäßig Opfer polizeilicher Durchsuchung wurden, daß die Beamten aus der Friesenstraße zum Morgenkaffee eingeladen wurden und dafür die qualmenden Joints übersahen. Da war die »Oranienburg«, O-Straße 47, von der aus Rio barfuß nachts die Bars nach hübschen Jungs absuchte. Es folgte doppelstöckig mit einem Dutzend Zimmern das Tempelhofer Ufer 32, wo sich heute kein Nachmieter mehr erinnern mag. Die Telefon-Nummer war 251 69 61, unübersehbar auf jedes Plattencover gedruckt, und das hieß: Jede und jeder war zum Mitrauchen oder Diskutieren jederzeit willkommen. Unter dieser Nummer gibt es keinen Anschluß mehr, in doppelter Bedeutung.

Heute hat sich der Wind mehrfach gedreht. Rio wurde zum Schluß ein unkontrollierter Multi-User, der bei PDS-Konzerten seine bodyguards Künstlerfreunde verprügeln ließ, das weiß ich von Vanilla Gorgon. Die Ex-Managerin von TSS ist die schlimmste Schreckschraube der bundesdeutschen Politik: Claudia Roth. Rios Verwandte machen mit schlechten Nachahmungen Neue Kohle Aus Alten Scherben. Die Lieder sind der Hit bei Neonaziparties. Der König von Deutschland hatte das Kapital zu intim studiert. Als Rio Reiser starb, war er schon lange tot.

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