Kreuzberger Chronik
Juli / August 2004 - Ausgabe 59

Die Literatur

Fliegerschule aus »Kreuzberger Notizbuch«


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von Eike Stedefeldt

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»Diese Wohnung wird von Engeln überwacht.« Das Schild, bei dem ich im Zweifel bin, ob es als Drohung oder Beruhigung aufzufassen ist, hängt im Flur des Quartiers vis-à-vis. Welches wiederum, wie ich letzten Sommer beiläufig auf der Treppe erfuhr, keine normale Wohngemeinschaft beherbergt. Man habe teilgewerbliche Nutzung mit dem Vermieter vereinbart, wegen der Seminare: Fernöstliche Meditationen und Massagen. »Unser Zentrum steht nicht im Telefonbuch und wirbt auch nicht, das spricht sich von allein herum«, so einer der Bewohner damals zwinkernden Auges. Ich könne ja gelegentlich mal herüber kommen »auf ein Teechen«.

Das mit den Engeln haben die wahrlich nötig, kam mir Monate später in den Sinn. Der Nachbar hatte versprochen, einer Kollegin von mir das Billett für ein Konzert auszuhändigen. Als sie nicht pünktlich kam, schob der im entscheidenden Moment von allen guten Geistern Verlassene das Billett nicht, wie vereinbart, unter meine Fußmatte, sondern für die Kollegin unerreichbar in meinen Briefkasten. Sarkastisch merkte sie später an, er habe sich wohl in einer Sorte Realität befunden, wo der Verfall teurer Konzertkarten nicht ins Gewicht fällt. Ich indes mutmaßte, sein Schutzengel sei gerade auf dem Klo gewesen und habe folglich nicht einschreiten können.

Die Flucht in andere Dimensionen ist auch in Kreuzberg ein blühendes Geschäft. Zwar ist der Esoterische Buchladen im Souterrain des Hauses Mehringdamm 63 vor einiger Zeit geschlossen worden, aber dem Vernehmen nach lediglich umgezogen. Den ihr Seelenheil Suchenden werden einschlägige Energien gewiß den Weg zur neuen Adresse weisen – sofern sie sich nicht gleich den gut sortierten Esoterik-Regalen der »weltlichen« Buchhandlungen zuwenden.

Magischen Schwingungen folgend, stoßen sie unter Garantie auf »DesArt – Deko, Esoterik, Kunst« in der Gneisenaustraße. Arglos näherkommend, gewahrte ich Odeurs wie jene, die täglich durch die Türritzen unserer Nachbarwohnung in den Hausflur wallen: ein wahlweise die Sinne vernebelnder oder erweiternder Mix aus verbranntem Lampenöl und Räucherstäbchen. Beim Betreten erschloß sich mir das gesamte Inventar einer ganz anderen Welt: Unter der Losung »Alles ist ganz einfach« werden Flacons mit fraglos bedeutsamen, wenn nicht erlösenden Flüssigkeiten, tönerne Laternen sowie sonstiges, für Uneingeweihte wertloses, Zeug feilgeboten. »Alles ist ganz einfach« – und wird noch viel einfacher, wenn man’s ganz einfach bezahlen kann.

»Sei-glücklich-Kursus« nenne ich das Teilgewerbe auf unserer Etage inzwischen, was sich nicht zuletzt aufs Portemonnaie seiner Betreiber bezieht. Denn bereits früh am Morgen herrscht reger Betrieb in dieser »Fliegerschule«. Meist wohnen jüngere Damen den Seminaren bei, die zuweilen erst spät in der Nacht mit verklärtem Blick das Etablissement verlassen. Schwebende Jungfrauen sozusagen.

Unlängst kündigte ich am Küchentisch an, mich zwecks eingehender Erkundungen doch endlich mal »auf ein Teechen« einladen lassen zu wollen – oder auf eine eventuell sogar gewöhnliches Rheuma lindernde fernöstliche Massage. Das verbot mein Freund strengstens: »Die Gurus dreh’n dich bloß um«, warnte er. Und für Rheuma gebe es Physiotherapeuten.

Schade, dachte ich, wäre bestimmt interessant geworden. Aber neulich abend drang mit den ätherischen Schwaden erstmals ein monotoner Singsang durch Ritzen und Wände. Da verging mir auch so der Appetit auf aromatische Heißgetränke zweifelhafter Herkunft und Wirkung.

Eike Stedefeldt: Kreuzberger Notizbuch. Mit Ilustrationen von Tatjana Miller. Verlag Ossietzky, Hannover 2003. 152 Seiten, 13,00 Euro; ISBN 3-9808137-6-2 <br>

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