Kreuzberger Chronik
Juli / August 2004 - Ausgabe 59

Kreuzberger Legenden

Kreuzberger Legenden (6):
Die Mauer in memoriam zum 13. August



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von Dr. Seltsam

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Drei Jahrzehnte lang lag Kreuzberg, der östlichste Stadtbezirk des Westens, von der Mauer wie von einem sanften Boxerhandschuh fest umschlossen, derart in die große Mauerbeuge eingefügt, daß zu Zeiten politischer Aufregung, etwa beim Berlin-Besuch des geisteskranken US-Präsidenten Reagan, ein Dutzend Polizeiwannen reichten, um den verdächtigen SO36-Pöbel entlang des Landwehrkanals einen ganzen Tag lang einzusperren.

Aber wer da ein- und wer ausgesperrt war, ist nicht immer klar gewesen. Ich erinnere mich mit Freude an eine Aktion des BUM (Büro für ungewöhnliche Maßnahmen) mit dem humorvollen Event-Erfinder Kurt Jotter. Die Kottbusser Brücke wurde mit Mauer-Attrappen abgesperrt, Pässe gestempelt bei Aus- und Einreise, und mehr oder weniger ernsthaft die Ausrufung der Kommune Kreuzberg erwogen – eine auch heute noch verlockende Idee!

Jedenfalls hatte die Grenze für Kreuzberger wenig Schrecken, im Gegenteil. Die Mauer der letzten Jahre, das war der einzige ruhige Platz in Berlin. Stundenlange Spaziergänge, unbelästigt von kontrollierenden Zivilstreifen, das war im Zuge der präventiven Straßensäuberungen, die Innensenator Kewenig zur Vorbereitung der IWF-Gipfel oder der Reagan-Besuche durchzog, nur noch auf dem schmalen Grenzstreifen vor der Mauer möglich, überall sonst wurde gefilzt, geschlagen, wegverhaftet, wer nicht gerade Schlips und Anzug trug und wie ein Banker aussah. Bekanntlich verlief die Mauer nicht genau auf der Grenzlinie, sondern ca. fünf Meter nach Osten versetzt, und da durfte kein Westpolizist seinen Fuß hinsetzen. Ich wüßte nicht, wo man sich so ruhig nackt sonnen konnte, ein Haschpfeifchen reinziehen oder andere kleine illegale Sachen machen wie auf der Lohmühleninsel oder an den Treptower Ufern. Einmal gab es in der Zimmerstraße eine mörderische Prügelei von Kreuzberger Autonomen mit der Moon-Sekte, in Todesangst flohen unsere »Antifas« auf den Mauerstreifen und wurden von den DDR-Grenzern vor den rechten Schlägern beschützt. Ausgerechnet die ehemals linke taz mokierte sich über dieses »groteske Bündnis«; dem Redakteur wurde für diese Gemeinheit im Waldekiez sein Auto demoliert, allerdings während er drinsaß …

Schön war der Mythos vom Kubat-Dreieck: Tausende junge Menschen aus ganz Europa hatten im Sommer 1987 mehrere Monate lang ein großes Stück Niemandsland am Potsdamer Platz besetzt, das die DDR an den Berliner Senat verkauft hatte, aber noch bewachte. Unter dem Schutz der Grenzer, die auf Leitern kletterten, um über die Mauerkrone hinweg alles neugierig zu registrieren, entwickelte sich eine Art alternatives Leben, von dem die Dabeigewesenen heute noch träumen. Die Westpolizei tobte, schikanierte und provozierte und wollte täglich »das Gesocks da« abräumen, aber die Ostgrenzer verwiesen sie stets strenge von ihrem »Derridorium«. Über die Mauer lächelnd schützten sie das wilde gute Leben. Am 1. Oktober stürmte endlich die Polizei kriegsmäßig das Gelände, riß Häuser und Zelte mit Bulldozern ein, vernichtete Kunstwerke, Tiere und von manchem das letzte Eigentum. Zweihundert junge Leute flüchteten vor dem CS-Gas über die Mauer, erhielten Kaffee, Zigaretten und Asyl.

Aber diese Erinnerung ist der Weltpresse keine Zeile wert. Es ist für die Antikommunisten aller Schattierungen ja auch zu und zu peinlich, daß ausgerechnet das Prunkstück ihrer Kalte-Kriegs-Hetze gegen sie zeugt: Tatsächlich ist es ein unumstößliches historisches Faktum, daß über die Mauer mehr Leute von West nach Ost geflüchtet sind als umgekehrt!

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