Kreuzberger Chronik
Februar 2004 - Ausgabe 54

Die Literatur

Buddy Giovinazzo: »Potsdamer Platz«


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von Buddy Giovinazzo

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Vita zog ein Handy hervor und fing an, irgendwelche Nummern einzuhämmern, doch Hardy riss es ihm aus der Hand und schleuderte es aus dem Fenster. Vita schnappte nach Luft und sah sich schockiert um. »Bring uns jetzt zu der Adresse, die Tony dir gezeigt hat«, blaffte Hardy und setzte sich aufrecht hin, wobei sein Kopf die gepolsterte Decke des BMW berührte. Vita flüsterte dem Bärtigen etwas zu, der, ohne den Blick auch nur kurz von der Straße zu lösen, vor sich hin brummte und in eine Seitenstraße einbog. In diesem Augenblick bemerkte ich zum ersten Mal, dass ihm die rechte Hand fehlte; säuberlich vom Handgelenk abgetrennt, das in einem offensichtlich noch blutenden, frisch bandagierten Stumpf mündete. Ich stieß Hardy an, der daraufhin am Fahrersitz vorbeilinste, um mir dann einen Blick zuzuwerfen, der zum Ausdruck brachte, wie schwer beeindruckt er war.

Wir fuhren vorbei an einem Park mit Büschen und Bäumen, an Kirchen mit hohen Türmen. Die Straßen waren voller Frauen mit Kopftüchern und in langen Gewändern, Kinder mit dunklem Teint spielten Fußball auf einem Platz, an dem auch alte Männer mit grauen Bärten Obst und Gemüse aus dem Kofferraum ihrer Autos verkauften. Überall liefen Hunde frei umher und vor jedem Lokal standen Tische und Stühle, saßen junge Leute, tranken Kaffee und unterhielten sich; es schien, als hätte die Welt ihre Geschäftigkeit für einen Moment eingestellt, um ein wenig Luft zu holen.

Hardy starrte aus dem Fenster und sagte: »Scheiße, wo zum Teufel sind wir? Downtown Kairo?« Vita drehte sich um und sagte verlegen: »In Kreuzberg. Türkisches Viertel.« Hardy und ich blieben im Wagen, während Vita und der Bärtige hineingingen. »Mir schmeckt das nicht«, nörgelte Hardy. »Warum diese Eile? Diese Geheimniskrämerei? Scheiße, wir haben hier nichts gecheckt, wissen nicht, wer diese Leute sind, ebenso gut könnte es eine abgekartete Sache sein.«

Er hatte Recht und es war verdammt blöd von mir gewesen, nicht mit hineinzugehen, denn wenn es eine Falle war, waren Hardy und ich bereits so gut wie tot. Die Wagentür wurde plötzlich aufgerissen und jemand ließ eine große Sporttasche vor unsere Füße fallen. Vita und der Bärtige stiegen wieder ein und wir fuhren los. Vitas perfekt geschnittener Haaransatz sagte mir, dass der kleine Wichser, kaum dass er unbeaufsichtigt war, seinen Vater angerufen hatte. Hardy öffnete den Reißverschluss der Sporttasche und zog ein ölig schwarzes Stück Stahl heraus.

»Was is ’n das für ’n Müll?«
Vita drehte sich auf seinem Sitz herum. »Alles nagelneu und probiert. Gibt keine Problem.«
Hardy checkte den Schlagbolzen und inspizierte das Magazin, zog mehrmals den Abzug durch und spuckte angeekelt aus. »Wir wollten Mac-10er.«
»AK-47 genauso gut.«
»Nein, nix genauso gut. Die sind scheiße. Ich kenn die, das sind russische. Habt ihr überhaupt ’nen Schimmer, was für beschissene Qualitätsstandards die in Russland haben?«
»Ist alles getestet worden.«
»Nur weil man mal den Abzug durchgezogen hat, heißt das noch lange nicht, dass es keine Ladehemmung geben kann oder der Hebel funktioniert. Das ist Bullshit!«

Ich sah Hardy an. Was die Hardware betraf, verließ ich mich auf seine Sachkenntnis und sein Urteil und ich hatte ihn bisher noch nie über die Macken einer Lieferung derart lamentieren hören, nicht mal, als seinerzeit ein billiges Modell Marke Eigenbau beim Abfeuern buchstäblich in seiner Hand explodierte. Ich flüsterte: »Sollen wir die Sache einen Tag aufschieben?«

Buddy Giovinazzo, »Potsdamer Platz«, Maas-Verlag, Berlin, 2003 <br>

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