Kreuzberger Chronik
Februar 2004 - Ausgabe 54

Kreuzberger Legenden

Kreuzberger Legenden (1):
Der Mythos kam später



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von Dr. Seltsam

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Die Eruptionen der Studentenrebellion 1965-70 in Westberlin kamen nicht aus Kreuzberg, von zwei sichtbaren Großereignissen abgesehen: die brennenden Springerzeitungs-Lieferwagen sowie die Besetzung des »Rauch-Hauses«. Das ist erstaunlich, denn gemessen an späteren Jahrzehnten, in denen der Bezirk das »Herz der Bewegung« war und weltweit zum Synonym für Aufstand und Polizei-Randale wurde, gibt es außer ein paar vergessenen Jazzkneipen wie dem legendären Leierkasten und Yorckschlößchen eigentlich kaum Orte der Erinnerung an die wilden Sechziger. Kreuzberg war traditionell versoffen, proletarisch und ruhig. Kreuzberg kam später.

Die Studenten stammten zumeist aus dem westdeutschen Mittelstand und hatten ihre Wohnungen noch brav in den isolierten Käfigbatterien der Studentenheime in Dahlem und Tiergarten oder als billige Zweck-Wohngemeinschaft in einigen überdimensionierten Stuck-Etagen der früheren Bürgerviertel Wilmersdorf und Charlottenburg.

Das SDS-Büro lag direkt am Ku’damm, und die spätere Kommune I logierte am Stuttgarter Platz inmitten der Halbwelt. Der »2. Juni 67«, die Protestdemonstration gegen den Staatsbesuch des Folterschah von Persien fand an der Deutschen Oper in der Bismarckstraße statt, und der erste Tote, der Student Benno Ohnesorg, wurde von dem Polizisten Kurras nicht in der Oranienstraße, sondern in der Krumme Straße erschossen, unweit der alten Schwimmhalle, den Hof gibt es heute nicht mehr.

Die erste siegreiche Schlacht gegen die »Bullen« war am Tegeler Weg, am anderen Spreeufer gegenüber vom Schloßpark Charlottenburg. Und die legendären Vollversammlungen, auf denen Marcuse sprach oder mit Rudi Dutschke debattiert wurde, warum man sich mit der Arbeiterklasse nicht »kommunikativ realisieren« konnte, waren an der FU in Dahlem.

Oder aber im neuen Audimax der Technischen Universität an der Straße des 17. Juni, gleich zum Entglasen um die Ecke das Amerika-Haus am Bahnhof Zoo. Im damals supermodernen grauen Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz residierte stolz die Verwaltung des alten Kriegswaffen-Hightech-Konzerns Telefunken, der aber nur noch langweilige Schwarz-Weiß-Fernseher herstellte und bald pleite ging.

Dann aber kam Ostern 1968.
demo bei springer
Foto: Michael Hughes
Und die spannenden Bilder von Straßenschlachten und umgekippten, brennenden Autos, die nun weltweit die Berliner Studentenrebellion repräsentierten, waren zufällig in Kreuzberg entstanden, die meisten von ihnen auf dem Parkplatz vor dem Springer-Hochhaus, der gerade jetzt, 2004, wieder zugebaut wird. Damals aber kamen plötzlich kampflustige und veränderungswillige junge Menschen oder Wehrdienstflüchtlinge aus der gesamten westdeutschen Provinz mit ihren alten Autos, Zügen und der legendären U-Bahn Linie 1 angefahren, auf der Suche nach dem wilden revolutionären Leben. Und die landeten folgerichtig da, wo sich laut der vielen Fernsehberichte alles abspielte: im Bezirk Kreuzberg. Die Musik aber spielte eigentlich ganz woanders. Der Mythos Kreuzberg war geboren – und von Anfang an ein Mißverständnis.

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