Kreuzberger Chronik
Februar 2004 - Ausgabe 54

Der Kommentar

In eigener Sache


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von Michael Unfried

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Natürlich sind das schwere Zeiten. Und mit der Not wächst der Neid, mit der Not wachsen Konkurrenz, Kriminalität, Betrug. Da greift man schon einmal nach fremdem Eigentum. Manchmal auch nach geistigem Eigentum.
Das ist weniger auffällig als der Griff in die Geldbörse des anderen. Und schwerer zu beweisen. Obwohl gute Ideen Geld wert sind. Denn es stimmt zwar, daß Not erfinderisch macht, doch kommen manche selbst in der Not auf keine eigenen Ideen!

Diesen Einfallslosen bleibt gar nichts anderes übrig, als sich der Einfälle anderer zu bedienen. Also bedienen sie sich ohne eine Spur von Scham. Als wäre der Gebrauch einer fremden Idee kein Diebstahl, sondern so etwas wie geistiger Mundraub. In Krisenzeiten.

Doch Ideen sind geschützt. Es gibt Patente, Rechte, Urheber. Denn gute Ideen sind Geld wert. Auch die Kreuzberger Chronik war zuerst eine Idee. Im Gegensatz zu anderen guten Ideen allerdings hatten Stadt, Land oder Bezirk nichts für diese Idee übrig. Keine eine Mark. Obwohl es viele Programme und viel Geld für ähnliche Projekte gab. Und nach einem halben Jahr ging der Kreuzberger Chronik dann das Geld aus. Die Idee schien gescheitert, das »letzte Heft« war schon erschienen. Dann plötzlich, mit der Geschichte über einen Copyshop-Besitzer, ging es bergauf.

Und jetzt, nach fünf Jahren einsamer Existenz, nach ein oder zwei oder drei Fehlgeburten in anderen Bezirken, ist es endlich gelungen: Der Zwilling der Kreuzberger Chronik ist da! Man sieht es auf den ersten Blick: das gleiche Format, das gleiche Papier, die gleiche Seitenzahl. Sogar ein ähnliches Rot wie die Kreuzberger Chronik hat das Heft aufgetragen. Nur etwas schamloser eben.

Und nicht nur äußerlich, auch inhaltlich bemüht sich das sogenannte »Tempelhofer Journal«, es seiner älteren Schwester gleichzutun: Das Inhaltsverzeichnis mit dem Editorial steht an der gleichen Stelle der gleichen Seite, es gibt ein mehrseitiges Porträt, es gibt die »Kiezgeschichte« und den Plan im Innenteil. Sogar das Impressum sieht aus wie in der Kreuzberger Chronik. Nur die Namen haben sie ausgetauscht. Immerhin! Obwohl sich auch die Namen manchmal deutlich ähneln: Wo auf der letzten Seite der Kreuzberger Chronik stets die Geschichten vom Herrn D. erzählt werden, tritt im »Tempelhofer Journal« ein gewisser Herr M. auf und erzählt »Zum Guten Schluß« eine kleine Episode.

Doch ob es mit dem »Guten Schluß« ein gutes Ende nehmen wird, ist fraglich. Auch alle anderen Versuche, die Kreuzberger Chronik nachzubauen, sind gescheitert. Vielleicht, weil eine Zeitschrift eben aus mehr besteht als nur aus Werbung. Vielleicht, weil eine Zeitschrift eben doch aus Worten besteht. Gebündelten Worten, die wie Schiffe sind. Schiffe, die ausfahren, ein Ziel haben, und ankommen wollen. Auf der anderen Seite. Beim Leser. Und wer kennt so ein kleines Schiffchen besser als sein Erbauer. Wer könnte es besser durch die unruhigen Zeiten lenken.

Vielleicht aber auch verschwinden die anderen Chroniken so schnell wieder, weil es Leser gibt, die Imitate und Plagiate nicht akzeptieren. Die Originale zu schätzen und Arbeit zu würdigen wissen. Denn in diesem kleinen, unscheinbaren Heft stecken viel Zeit und Arbeit. Es war nicht so einfach, wie es vielleicht aussieht, dieses papierene Schiffchen auf den Weg zu bringen. Aber jetzt ist es soweit in Fahrt gekommen, daß es in seinem Fahrwasser sogar dilettantische Nachahmer noch ein Stück weit mit sich reißen kann. <br>

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