Kreuzberger Chronik
Februar 2004 - Ausgabe 54

Die Geschichte

Aufbruch in bewegte Zeiten


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von Antonie Nagel

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Der Kiez um den Chamissoplatz war im Krieg aufgrund seiner Nähe zum Flughafen weit weniger zerstört worden als andere Viertel in Kreuzberg. Er befand sich bis in die Mitte der siebziger Jahre hinein in einem Zustand des Siechtums: kein Abriss, kein Neubau und auch sonst keine »Erschütterungen«. Die Mieten blieben preiswert, die Fassaden grau, die Hinterhöfe dunkel. Über alles legte sich der zarte Schleier von Ruß und Kohlenstaub.

Die Tendenz zur Verwahrlosung des Gebiets war unübersehbar, als man im Senat immerhin den historischen Wert des Stadtviertels erkannte und einen wesentlichen Teil 1964 als geschützten Baubereich auswies. Erst zehn Jahre später begannen vorbereitende Untersuchungen für eine Sanierung des Gebiets. Für die Anwohner verhieß die Erklärung zum »Untersuchungsbereich Kreuzberg-Chamissoplatz« 1974 allerdings zunächst nichts Gutes. Viele Hausbesitzer gaben nun – in Erwartung künftiger Senatszuschüsse zur Sanierung – erst recht kein Geld mehr für Instandsetzungen aus.

Engagierte Mieter gründeten daraufhin gemeinsam mit Mitgliedern verschiedener Institutionen und Parteien 1976 die erste Initiative gegen Haus- und Wohnungsverfall im Kiez, aus der ein Jahr später die Mieterinitiative Chamissoplatz hervorging. Die Bewohner sollten aktiviert und für die bevorstehenden Auseinandersetzungen sensibilisiert werden. Die Devise lautete: Instandsetzung vor Modernisierung!

Neben dem offiziellen Sanierungsbeirat, in dem Mietervertreter zusammen mit Hausbesitzern »mitbestimmen« sollten, organisierten die Anwohner selbständig Hausversammlungen, in denen jeweils ein Mieter als Interessenvertreter gewählt wurde. Diese Mietervertreter gründeten im Juli 1978 den Mieterrat Chamissoplatz, den der Senat schließlich offiziell als Gesprächspartner anerkennen mußte. 1979 erfolgte die förmliche Festlegung des Sanierungsgebietes Kreuzberg-Chamissoplatz. Als Sanierungsträger wurde die GEWOBAG bestimmt, die bereits durch den Ankauf zahlreicher Mietshäuser im Chamissokiez aktiv geworden war.

In den folgenden Jahren wurde um jedes zur Sanierung vorgesehene Haus gestritten: Es ging gegen sogenannte »Luxusmodernisierungen«, bei denen den Mietern nicht nur gekachelte Bäder, sondern auch Einbauküchen aufgedrängt werden sollten. Es ging gegen den anfangs noch grundsätzlich geplanten Abriß von Seitenflügeln und Hinterhäusern – »Entkernung« genannt – und unvertretbare Mieterhöhungen nach der Sanierung. Und es ging nicht zuletzt gegen Wohnungsleerstand, der aber offenbar nicht allein mit lautem Protest zu verhindern war: Im Mai 1980 wurde im Sanierungsgebiet am Chamissoplatz 3 das erste Haus besetzt.

Hier war es den Mietern nicht gelungen, die Modernisierung zu verhindern. Die GEWOBAG wollte eine teure, aufwendige Modernisierung und den Abriß des Seitenflügels. Das Haus war zu diesem Zweck schon seit Monaten bis auf zwei Mietparteien entmietet. Die Instandbesetzer traten in Verhandlungen mit der GEWOBAG, boten Mietzahlungen an und begannen mit der Renovierung der Wohnungen. Aber am 4. Juni 1980 räumte die Polizei; anschließend zerstörte ein Bautrupp im Auftrag der GEWOBAG die sanitären Anlagen und Elektroinstallationen. Das Hinterhaus wurde abgerissen. Ein Dialog fand nicht mehr statt.

Im Frühjahr 1981 nahm die Hausbesetzerbewegung einen ungeahnten Aufschwung und wuchs bis Mai 1981 auf 169 besetzte Häuser an, davon ca. 80 in Kreuzberg. Unter Beteiligung des Mieterladens wurden auch im Chamissokiez Häuser besetzt und Verhandlungen mit den Eigentümern geführt. Anfangs wurden die Häuser sofort geräumt. Doch nach weiteren Besetzungen und heftigen Auseinandersetzungen gab es verstärkte Anstrengungen von beiden Seiten aus, friedliche Lösungen zu finden. Nach langwierigen Verhandlungen mit Senat und der GEWOBAG wurde einzelnen Hausgemeinschaften von Instandbesetzern das Wohnrecht garantiert.

Ingrid Mesin
Foto: Michael Hughes
Der Mieterrat sah seine Aufgabe damals darin, die Senatsvorstellungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und mit den Mietern zu diskutieren. Auf einer Bürgerversammlung im Januar 1981 im Gemeindesaal der Passionsgemeinde wurde das Senatskonzept fast einstimmig für schlecht befunden. Die Forderungen waren: weniger Abriß, mehr Modernisierungen in Eigeninitiative, keine Tiefgaragen, keine Streichung der Kinderspielplätze. Der Mieterrat engagierte sich deshalb besonders gegen den Leerstand und die Verdrängung von Mietern sowie für die Instandsetzung von Häusern. Dadurch konnte der Abriß zahlreicher Gebäude verhindert und vertretbare Mieten gehalten werden.

Da die Wahrnehmung von Mieterinteressen nie konfliktfrei vonstatten ging und Spekulantentum dringende Maßnahmen erforderlich machte, setzte sich der Mieterrat Anfang der 80er Jahre für die Einführung einer eigentümerunabhängigen Mieterberatung bei der Sanierung ein. Mit deren Einrichtung und der Beauftragung des Vereins für angewandte Sozialplanung und Stadtforschung (SPAS) wurden geplante Baumaßnahmen im Rahmen der Sanierung nun mit den Mietern erörtert; es wurden konkrete Maßnahmevereinbarungen geschlossen sowie Sozialpläne erstellt. Die Bereitschaft der Hausbesitzer und insbesondere der GEWOBAG, sich den Wünschen und Belangen der Mieter anzunähern, stieg.

Damit änderten sich Aufgaben und Betätigungsfelder des Mieterrats. Neue Schwerpunkte wurden Verbesserungsmaßnahmen im Wohnumfeld, wie die Unterstützung der Einrichtung des Wasserturms als Jugend-, Kultur- und Kommunikationszentrum, die Sperrung der Bergmannstraße und der Umbau des Marheinekeplatzes, die Neugestaltung des Chamissoplatzes und der Beginn von Hofbegrünungsmaßnahmen durch Mieter in Häusern, in denen die Hofbegrünung nicht in einem Modernisierungsprogramm vorgesehen war.

Mit der Änderung der Senatspolitik, die nun die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen erleichterte, rückte die mögliche Vertreibung der Mieterschaft in den Mittelpunkt der Arbeit. In den zahlreichen betroffenen Häusern wurden die Mieter in Versammlungen informiert.

1989 ging die Bautätigkeit im Gebiet stark zurück. Die Einforderung von weiteren Sanierungsmaßnahmen trat in den Vordergrund und gipfelte 2001 in dem Kampf um die Verhinderung des Verkaufs von GEWOBAG-Häusern, die aufgrund fehlender finanzieller Mittel nicht mehr in die Sanierung aufgenommen wurden. Seit Anfang 1990 ist außerdem zu beobachten, daß im Chamissokiez Häuser privater Eigentümer reihenweise umgewandelt und teuer modernisiert an Einzeleigentümer und Anleger weiterveräußert werden. Dieser Prozeß ist nicht abgeschlossen, immer wieder werden Mieter durch Luxussanierung und Umwandlung verdrängt.

Im September 2003 ist das Gebiet um den Chamissoplatz endgültig aus der Sanierung entlassen worden. Damit ist auch die Arbeit der Betroffenenvertretung offiziell beendet. Aber der Mieterladen Chamissoplatz wird sich auch künftig für die Interessen der betroffenen Mieter engagieren. Ausstellungen zum Thema im »Matto« (Chamissoplatz 4) und im »Heidelberger Krug« (Arndtstr. 15, Chamissoplatz) zeigen bis zum 4. März 2004 die Zeitzeichen im Sanierungsgebiet Chamissoplatz aus der Sicht des Mieterrats Chamissoplatz, der heute in der Fidicinstraße 36 zu finden ist. <br>

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