Kreuzberger Chronik
Dez. 2004/Jan. 2005 - Ausgabe 63

Kreuzberger Legenden

Kreuzberger Legenden (10):
Tim und Struppi in der Schenkendorf Nr. 7



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von Dr. Seltsam

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Comic-Alben gehören zum arrivierten Kreuzberger Linksintellektuellen ebenso untrennbar wie der »Kapital«-Kurs bei Altvater/Haug. Es ist sogar anzunehmen, daß in vielen Bibliotheken, soweit sie vom vergnügungssüchtigen Nachwuchs noch ungeplündert sind, die Meterzahl der Comicbücher die der Marxismus-Leninismus-Literatur regelmäßig übertrifft.
Lieferanten des Suchtstoffes sind bis heute die beiden Comicläden »Modern Times« auf dem Oranien-Boulevard und »Grober Unfug« in der Zossener Meile. Wer mit ethnologischem Feinwerkzeug daranginge, könnte im einen den Hang zu US-amerikanischem Untergrund-Trash belegen, in dem anderen den zu japanischem Manga-Schrott. Woraus sich wiederum Mentalitäts-Unterschiede der Stammesbevölkerung im Bezirk ableiten ließen. Die Massensucht begann Anfang der siebziger Jahre mit einem heute sehr gesuchten Raubdruck aus Asterix-Panels, die neu zusammengesetzt Propaganda für den Anti-Atom-Kampf betrieben. Da merkte man plötzlich, daß in Comic-Heften mehr steckte als bunter Kinderspaß, und die unvergessenen knallharten Bilder von Harald, Seyfried, Fuchsi und Tom haben sicher mehr zur Mobilisierung im Häuserkampf beigetragen als ein Theoriekurs über Immobilienrecht. Einen geringen Abglanz davon geben heute die Ausgaben der Zeitschrift Zitty. Kaum vorstellbar, daß es in der »wilden Zeit« Redaktionsbesetzungen, Weiberplena und wochenlange Debatten wegen eines umstrittenen Comic-Witzes gab.
Wie man den Erinnerungen von Till Meyer entnehmen kann, einem der entzückendsten Werke über Kreuzberger Untergrund-Geschichte, wurde 1975 der zum Zwecke des Gefangenen-Austausches entführte CDU-Politiker Peter Lorenz – (wer würde ihn ohne diesen Vorfall heute noch kennen?) – nicht nur wie Tim in Amerika in einem Kellerverschlag in der Schenkendorfstraße 7 gefangengehalten. Darüber hinaus gaben sich die beteiligten Entführer Tarnnamen aus der Tim-und-Struppi-Serie. Und ausgerechnet der belgische Nazi-Kollaborateur und Klerikalfaschist Hergé brachte mit Tim und die Piacaros 1977 einen Bilderreigen zu Che Guevaras Dschungelkrieg heraus und animierte zum lustigen Partisanenkampf. Auch er trug maßgeblich zur Erziehung der westeuropäischen Kinder zu kleinen Stadt-Guerilleros bei. Allerdings sorgten seine Erben später dafür, daß die jüdischen Partisanen der TerrorgruppeIrgun und die englischen Besatzer Palästinas aus dem politisch explosiven Nahost-Öl-Comic Im Reiche des Schwarzen Goldes herauszensiert wurden.
Der Comic jedoch lebt weiter. In den merkwürdigsten Formen. Zum Beispiel in einer hinreißend kitschigen Gruppe aus Kreuzberg und Friedrichshain. Die zehn bis zwanzig Sänger tragen bei ihren Auftritten quietschbunte Pastellklamotten und Frisuren der fünfziger Jahre. Sie singen deutsche Schlager der grauenhaftesten Sorte (Geh nicht vorbei, Es fährt ein Zug nach nirgendwo …). Wenn sich das Publikum etwas wünschen darf, offenbart es einen kulturellen Masochismus, der zu schauerlichen Zukunftsbefürchtungen Anlaß gibt. Entsprechend ihrem klangvollen Namen aber werden die grottigen Lieder in klassischem Chorsatz dargeboten. Die A-capella-Liedertafel Bianca Castafiore ist ein sympathischer Haufen ständig wechselnder Mitglieder, chronisch auf der Suche nach Alt- und Baß-Stimmen. Und schon jetzt ein Mythos.




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