Kreuzberger Chronik
Dez. 2004/Jan. 2005 - Ausgabe 63

Die Geschäfte

Im Vorweihnachtsrausch


linie

von Adolf Schönboom

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Kennen Sie das? Sie haben es eilig, stehen mit ihrem Bogen Geschenkpapier an der Kasse, vor ihnen nur noch drei Frauen. Und dann beginnen die auszupacken. Jede von ihnen hat mindestens sechs Kinder, und jede von ihnen hat für mindestens jedes dieser Kinder mindestens zwei Hosen eingekauft. Denn jeder, der für mehr als 20 Euro einkauft, bekommt einen Punkt. Und jeder Punkt ist bares Geld wert.
Sie starren auf die drei Kopftücher vor ihnen. Sie lächeln, ein bißchen gequält zwar, aber Sie lächeln. Sie haben ja auch einmal Kinder ge­habt. Aber nach den Hosen kommen die Hemden, und nach den Hemden kommen die rosafarbenen Unterhosen, und danach das Spielzeug, für jedes Kind ein kleines Mitbringsel im Wert von 50 Cent. Sie wippen jetzt ungeduldig mit dem Fuß, Sie murmeln, daß Sie es eilig hätten, aber niemand hört Sie, niemand läßt Sie vor. Sie haben natürlich nichts gegen Ausländer, Sie fahren ja schließlich jedes Jahr in den Urlaub, Griechenland, Türkei, Spanien, Italien … alles schon gesehen, und überall waren Sie nett, die Spanier, die Italiener, die Türken. Aber da sind sie höflicher. Lassen einen vor. Sind hilfsbereit! Und sind auch nicht so gierig wie hier, die räumen ja bald die ganzen Regale aus!
Und dann dreht sich eine von denen um, sieht Sie streng an und sagt: »Immer der Reihe nach, junge Frau, immer schön der Reihe nach!« – Genau so, wie Sie das vor dreißig Jahren zu den Kindern der italienischen Gastarbeiterfamilien gesagt haben. Genau so! In diesem Moment würden Sie am liebsten Ihr Geschenkpapier, wegen dem Sie ei­gens bis hierher gefahren sind, der Kassiererin in die Hand drücken und hinausstürmen, um nie mehr wiederzukommen. Aber das machen Sie nicht. Denn da ist die Inflation, das Leben wird immer teurer! Und außerdem haben Sie schon eine halbe Stunde gewartet, und wer wartet schon eine halbe Stunde umsonst?

Ja, das habe ich auch schon erlebt, werden Sie jetzt sagen, genau so!
Aber nicht im KaDeWe am Kudamm! Auch nicht bei Karstadt am Hermannplatz! Nicht einmal im Kaufhof am Alexanderplatz! Nein, so etwas gibt es nur bei Woolworth. Woolworth am Kottbusser Damm zum Beispiel. Woolworth, das war doch schon vor dem Krieg der billigste Laden in der Stadt. Erinnern Sie sich, dieser Ramschladen gleich neben Werthheim? Wer da kaufte, der mußte sparen. So wie wir alle jetzt.
weihnachtsmann
Foto: Dieter Peters
Aber wissen Sie was? Woolworth war gar nicht so schlecht. Wenn es Woolworthdamals nicht gegeben hätte, dann ständen Sie jetzt viel­leicht gar nicht hier. Wären erfroren, verhungert, ohne Seife an der Ruhr krepiert. Von Dieben erschlagen. Ausgeraubt. Und was glauben Sie denn, was passieren würde, wenn diese Leute nicht billig einkaufen könnten? Wenn die Klamotten aus den Ausverkaufskisten von Karstadt nach fünf Minuten wieder in ihre künstlichen Baumwollfasern zerfielen? Wenn die Schuhe nach zwanzig gemächlichen Metern ihre Sohle wieder verlieren würden?
Nein, Woolworth ist besser als sein Ruf. Wo bekommen Sie denn sonst einen Toaster für acht Euro? Edelstahltöpfe für drei Euro? Ein Klimakopfkissen für fünf, ein Radio für 1,75? Woolworth ist ein Segen. Ein wahrer Weihnachtssegen! Sehen Sie sich doch die Regale mal genau an! Glauben Sie, das Lego wäre anders als bei Karstadt oder in den Spielzeuggeschäften? Glauben Sie, die Schokoladenweihnachtsmänner, das Mars und das Nutella, fast ein Kilo für 2,59, wären schlechter als anderswo? Glauben Sie, man könnte mit dem Lederball für 5 Euro nicht genausogut Tore schießen wie mit dem für 28 Euro? Oder glauben Sie, daß die Kinder den Barbiepuppennachbau – übrigens Made in Germany – weniger lieb hätten, nur weil er ein Viertel des Originals kostet?

Zugegeben, man muß nicht jede Hose bei Woolworth kaufen, Schnitt und Farben sind nicht immer auf dem neuesten Stand. Aber unsere ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger fühlen sich wohl in ihren rosa Blusen, und sie frieren nicht in den weiten Plastehosen. Sie haben nämlich lange Unterhosen an. Und wenn Sie unter die Oberhosen gucken könnten, dann würden Sie feststellen, daß die Socken und die Unterhosen auch nicht anders als bei C#0138; oder Strauss Innovation aussehen! Und davon, daß die Spitzenunterwäsche vom Kottbusser Damm bei unseren ausländischen Mitbürgern zu Impotenz und Kinderarmut führte, davon ist bislang auch noch nichts an die Öffentlichkeit gedrungen.
Sicher, Sie haben recht, ein gemütlicher Einkaufsbummel ist etwas anderes. Aber das ist eben der Preis, den Sie für die günstigen Preise zahlen. Schwimmbrillen à la Franzi für 99 Cent und eine Schnorchelausrüstung für 4,99, wenn es mit dem Luftholen noch nicht so klappt beim Urlaub auf den Malediven. Auch für die Reise eine Galerie mit Taschen, Rucksäcken und Koffern, die gut und gerne ihre fünfzehn Meter lang ist. Freie Auswahl sozusagen. Was macht es denn, wenn Ihnen auf der Suche nach dem Schnäppchen ein paar Kinder zwischen den Beinen herumlaufen und aus dem Kinderwagen plötzlich Schokoladenfinger nach ihrer Hose greifen. Waschmittel gibt es schließlich auch bei Woolworth. Es gibt so ziemlich alles bei Woolworth, was der Mensch zum Leben braucht. Von Töpfen und Tellern über Einwegkameras und Kassettenrecorder und Computertastaturen bis hin zur »Bubble-Eistüte«, der »verschüttsicheren« Seifenblasenlösung im praktischen Eistütenformat für nur einen Euro – »Tiefpreisalarm!!«

Selbst die Weihnachtsmänner der Firma Tusma kaufen Bonbons und Schokoladen vorzugsweise bei Woolworth, und auch, wenn es schönere Modellautos gibt auf der Welt als die am Kottbusser Damm, so halten sich in- und ausländische Familienväter im Monat Dezember auffällig häufig vor dem Regal mit den Formel 1-Boliden auf, die inzwischen eine Länge von vierzig Zentimetern erreichen. Auch der rote Ferrari aus Lego ist schon so gut wie ausverkauft, lediglich das Siegertreppchen mit den zwei Plastefiguren der »Lego Racers« und den Konterfeis von Schumacher und Barrichello auf dem Karton – Barrichello natürlich auf Platz Zwei! – scheint noch komplett im Regal zu stehen. Trotz eines selbst für Woolworth geradezu lächerlichen Preises.
Natürlich schreien die Kinder hier lauter als in anderen Kaufhäusern. Sie kratzen, heulen, werfen sich auf den Boden und wollen alles haben, was Woolworth in den Regalen stehen hat. Kleinkinder, die an der Kreuzung mit den Cremes und Parfums in ihren Kinderwagen vergessen wurden, schreien nach ihren Müttern, die aufgeregt angelaufen kommen und ihnen zum Trost eine grüne Stoffkröte vor das Gesicht halten, die plötzlich ein furchterregendes Quaken von sich gibt. Worauf das Kind gar nicht mehr zu beruhigen ist. Das alles müssen Sie in Kauf nehmen, wenn Sie günstig kaufen wollen. Machen Sie es so wie Irmgard, die Urkreuzbergerin, die Rentnerin vom Zickenplatz. Sehen Sie, wie sie schlurft. In Pantoffeln, ganz gemütlich. Fast so langsam wie die drei Türkinnen. So müssen Sie sich bewegen. Zeit haben wir doch jetzt genug. Denn Arbeit haben wir doch kaum noch. Vielleicht wird dann endlich etwas Frieden einkehren – bei Woolworth. In Kreuzberg. Oder zumindest eine Art weihnachtlicher Waffenstillstand. <br>

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