Kreuzberger Chronik
Dez. 2004/Jan. 2005 - Ausgabe 63

Essen, Trinken, Rauchen

Der Bäcker und der Suppenkoch


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von Jürgen Funk

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Suppen sind auch nicht mehr das, was sie früher einmal waren. Als vor knapp hundert Jahren in Kreuzberg die erste Suppenküche für die Ärmsten in der Stadt eröffnet wurde, standen vor allem deftige Eintöpfe auf dem Speiseplan. Heute sind die Spinat-Kokos- oder die Apfel-Curry-Suppe ein Renner, wie geschaffen für die unter notorischem Bewegungsmangel leidenden leitenden oder weniger leitenden Angestellten, die in der Mittagspause ein leichtes Süppchen dem ewigen Döner oder der fettigen Currywurst, ganz zu schweigen von Grillhähnchen und Pommes unter schleimigen Mayonnaisebergen, vorziehen. Das soupigé in der Friesenstraße hat figurbewußte Stammkunden.

Aber natürlich gibt es auch Hungrige, die von schlanken Suppen mit zwei Stückchen Vollkornbrot wenig halten und auf der Suche nach einer Kartoffelsuppe mit Würstchen, der guten alten Erbsensuppe oder Linsen mit Speck in die Friesenstraße kommen, weil sie irgendwo gelesen haben, daß es den Nachschlag umsonst gibt. Man kann sich bekanntlich auch an Suppen sattessen.

Auf jeden Fall scheinen die Suppen auf dem besten Wege zu sein, von der Vorspeise zum Hauptgericht zu avancieren – wie das erste Kreuzberger Suppenfestival im September bewiesen hat, bei dem alle an den Start gehenden Suppenköche sich verpflichteten, mindestens 20 Liter Suppe kostenlos unter die Kreuzberger zu verteilen. Eine echte Alternative der 36er zum umstrittenen Meeting der Kreuzberger Spitzenköche auf dem Chamissoplatz, in dem Hardliner eine bösartige Ausgeburt des Kapitalismus und die fortschreitende Dekadenz der Genußsüchtigen vermuteten.

Den Suppenköchen in der Friesenstraße mit ihren kleinen Speiseschalen für drei Euro wird man keine Vorwürfe machen können. Gleichwohl betrachtet die gastronomische Konkurrenz die neue Küche mit Argusaugen. Nicht, daß Türken keine Suppen essen würden – aber merkwürdig war es schon, als eines Tages zwei Männer in das Lokal kamen, sich an den Tisch setzten und begannen, die kleine Speisekarte rauf und runter zu studieren, als handele es sich um die Hürriyet. Sie runzelten die Stirnen, als brüteten sie über einem Kreuzworträtsel, und murmelten Worte vor sich hin, als bemühten sie sich, ein Gedicht auswendig zu lernen. Am Ende bestellten sie die berühmte Spinat-Kokos- und eine Gorgonzola-Lauch-Mischung, ließen die Suppen auf ihren Zungen hin- und herschaukeln, schmatzten, schürzten die Lippen, nickten, bezahlten und gingen.

Verwundert trat nun auch der Suppenkoch ins Freie und sah, wie die beiden Männer die Straße hinunterliefen und beim türkischen Bäcker verschwanden. Als am nächsten Tag drei türkische Frauen in Begleitung eines Herren zum Suppenkosten erschienen und alle die gleiche Suppe löffelten, wobei die Frauen offensichtlich das Geheimnis der Rezeptur zu lüften versuchten, folgte der Suppenkoch der Gesandtschaft zum Bäcker.

Der Bäcker war ein überaus freundlicher Mann. Ein schlechtes Gewissen wegen der kleinen Betriebsspionage hatte er nicht. Er verheimlichte auch nicht, daß er neben seiner Bäckerei eine kleine Küche eröffnen wollte. Mit Nudeln und eben mit Suppen. Das wußte allerdings ohnehin schon jeder in der Straße. Nur der Suppenkoch nicht.

Abgesandte schickt der Bäcker nun keine mehr. Dafür kommt er manchmal selbst vorbei und fragt, wie die Geschäfte mit den Suppen laufen. »Nicht besonders!«, sagt der Suppenkoch, »drei, vier Suppen waren es heute!« Der Bäcker setzt eine mitleidige Miene auf – aber er weiß, daß der Suppenkoch blufft. Die Suppen sind im Vormarsch. In der Suppe liegt die Zukunft. <br>

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