Kreuzberger Chronik
April 2004 - Ausgabe 56

Strassen, Häuser, Höfe

Die Forster Straße


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von Werner von Westhafen

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Goethe schrieb mit einer Mischung aus Überheblichkeit und Einfühlsamkeit, Forster habe »seine Irrtümer mit dem Leben bezahlen müssen, wenn er schon einem gewaltsamen Tode entging.« Als hätte er im Grunde den Galgen verdient. Dabei war der vermeintliche Irrtum nichts als jene Begeisterung für die Ideale der Französischen Revolution, die Tausende nach Paris gelockt hatte. Auch Georg Forster, der immerhin an der Spitze der revolutionären Bewegung in Mainz gestanden hatte und »der erste aktive deutsche Republikaner« gewesen war.

Nun liegt er seit Wochen krank in einer armseligen Mansarde in der Rue de Moulins. Frau und Kinder haben ihn verlassen, der eigene Vater wünscht ihm den Galgen, und auf seinen Kopf ist ein Preis ausgesetzt. »Hundert Dukaten nur auf meinen Kopf? Der arme Schelm von einem General, da er nicht besser weiß, was so ein Kopf wert ist. Ich gäbe keine sechs Kreuzer für den seinigen. Es ist nicht aller Tage Abend und vielleicht sprechen sich die Köpfe noch auf ihren Rümpfen!«

So ist Forster immer guten Mutes, bis zum 10. Januar 1794. Der Tod quält ihn furchtbar, doch Forster glaubt nicht an ihn. Kaum ist er verstorben, stürmen Arzt und Apotheker ins Zimmer und fordern ihre Rechnungen. Doch auf dem Tisch liegen nur einige Karten und ein Manuskript: »Dunkelblau – wie der Saphir – des Meeres unendliche Fläche…« Als habe Forster noch einmal auf Reisen gehen wollen. Als gäbe es vielleicht eine Zukunft auf Tahiti oder Hawaii, »diesem glücklichsten Winkel der Erde«. Denn Forster war kein buckliger Bibliothekar in Mainz, kein namenloser Revolutionär. Er war einer der ersten Weltreisenden.

Er war das erste von sieben Kindern schottischer Einwanderer, und der Vater, ein ehrgeiziger Pfarrer, der siebzehn Sprachen beherrschte, kümmerte sich persönlich um die Bildung seines Sohnes und nahm den Achtjährigen zu den Sitzungen der »Naturforschenden Gesellschaft« in Danzig mit. Doch lebte die Familie bescheiden. Und als der russische Gesandte Reinhold Forster fragte, ob er nicht nach Rußland fahren und über die Situation der deutschen Auswanderer an den Ufern der Wolga berichten wolle, nahm der Pfarrer aus Nassenhuben seinen zehnjährigen Sohn mit auf die erste große Reise.

Ein halbes Jahr sind sie unterwegs. Im Herbst 1765 überreicht der Vater der Zarin einen ebenso detaillierten wie kritischen Bericht über die deutschen Siedler. Forster wird mit einem Folgeauftrag belohnt, Geld jedoch erhält er keines. Monatelang wartet er auf den Lohn, und als Vater und Sohn nach beinahe zwei Jahren in St. Petersburg wieder aufs Schiff steigen, ist die Pfarrstelle in Nassenhuben verloren. Der Vater segelt gleich weiter nach London. Und der Sohn muß mit.

Während der alte Forster in der Weltstadt Kontakte knüpft, übersetzt Georg die »Kurze russische Geschichte« und geht als 13jähriger in die Annalen der weltberühmten »Antiquarischen Gesellschaft« ein. Als der Vater endlich eine Anstellung als Lehrer findet, und die Mutter ihren Sohn nach vier Jahren der Trennung in London wiedersieht, ist sie über dessen Zustand entsetzt: Ihr Kind leidet an Tuberkulose und ist auf die Knochen abgemagert. Immerhin bleibt die Familie für drei Jahre zusammen.

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Doch London ist die Hauptstadt einer Seemacht, die gerade dabei ist, die Welt zu erobern und die letzten weißen Flecken auf der Weltkarte zu schwärzen. Im Mai 1772 taucht ein Abgesandter der Admiralität bei Forster auf. Ein gewisser Captain Cook sucht für seine zweite Weltumseglung einen wissenschaftlichen Begleiter. Johann Reinhold Forster, der sich inzwischen als Übersetzer von Reiseberichten einen Namen gemacht hat – alle Übersetzungen stammten aus der Feder seines Sohnes! – soll den offiziellen Reisebericht verfassen. Der Sohn darf den Vater als »wissenschaftlicher Assistent« begleiten.

Doch am Ende wurde Reinhold Forster die Veröffentlichung untersagt. Der alte Cook und der alte Forster waren in Streit geraten. Cook, ein »dürrer, hagerer Mann«, der, »wie alle Seefahrer von beträchtlicher Leibesgröße«, auch unter freiem Himmel noch mit gebücktem Gang durch die Welt lief, war Forster nicht unähnlich. »Der herrschende Charakter seines Gesichts war ein finsteres, störrisches, zurückhaltendes Wesen (…) Man hat ihn auf einer Reise von drei Jahren ein einziges Mal singen und ein Mal pfeifen hören!« (Georg Christoph Lichtenberg). Doch dieser Kapitän war auf Erfolgskurs, ein Entdecker und Eroberer. Wissenschaftler waren für ihn Gesindel und Ballast. Cook beschloß, den Reisebericht selbst zu verfassen, und verlangte, Forster müsse mit seiner Veröffentlichung warten, bis Cooks Bände erschienen wären. Woraufhin der junge Georg Forster einen fertigen Reisebericht aus der Tasche zog und in Berlin veröffentlichte – sechs Wochen vor Cook!

Zwei Jahrhunderte lang ignorierten die Cook-Forscher das Werk des jungen Forster, das bald zum Prototyp des modernen Reiseberichtes avancierte: Die »Reise um die Welt« war eine ebenso wissenschaftlich genaue wie poetische Schilderung. Und anders als der begeisterte Südseereisende Rousseau blickte Forster skeptisch in die Zukunft der Paradiese. »Wenn die Wissenschaft und Gelehrsamkeit einzelner Menschen auf Kosten der Glückseligkeit ganzer Nationen erkauft werden muß, so wär’ es, für die Entdecker und die Entdeckten, besser, daß die Südsee den unruhigen Europäern ewig unbekannt geblieben wäre!«

Georg Forster war kein ewig Irrender, wie Goethe meint. Der einzige Biograph des Captain Cook, der ihn zu Lebzeiten kannte, bewahrte stets einen distanzierten Blick. Als Cook wieder einmal mit roher Gewalt gegen die Eingeborenen vorgeht, schreibt Forster: »Ich meines Theils kann mich noch immer nicht überreden, daß diese Wilden, als sie unser Boot aufhielten, die geringste Feindseligkeit im Sinn gehabt haben! Nur das mochte sie aufbringen (…), daß auf sie mit einem Gewehr gezielt ward.«

Wenn also einer, wie Goethe schrieb, seinen Irrtum gerechterweise mit dem Tod bezahlte, dann war es der große Cook, der Entdecker Hawaiis, der am friedlichen Strand mit Gewehren aufmarschierte und in einer »höchst erbärmlichen Szene« sein Leben ließ.

Georg Forster starb am 10. Januar 1794, keine vierzig Jahre alt, ein Dutzend Trauergäste folgte dem Sarg. Auch die Forster Straße in Kreuzberg ist nicht nach dem Weltumsegler und Revolutionär benannt, sondern nach dem Lausitzer Städtchen Forst. April April.

Literaturnachweis: Georg Forster – Revolutionsbriefe, Malik Bücherei, 1981; Alois Prinz, »Das Paradies ist nirgendwo«, Belz Verlag 1997; »Reise um die Welt«, Georg Forster, Insel Verlag, 1983 <br>

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