Kreuzberger Chronik
September 2003 - Ausgabe 50

Anna Prinzinger Kreuzberger
Anna Prinzinger, Tochter

»Ich verstehe nicht, weshalb es immer noch Leute gibt, die meinen, es gäbe zu wenig Spielplätze in Kreuzberg.«


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von Anna Prinzinger

Fotos: Privat

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Also, über Kreuzberg soll ich jetzt was erzählen! Gut, da kann ich was zu sagen. Ich bin ja schon ein bißchen rumgekommen in unserm Kiez. Wobei ich sagen muß, daß mich dieses Wort »Kiez« irgendwie irritiert, ich denký da immer an Mietze. Aber das interessiert euch ja nicht so. Ihr wollt was über Kreuzberg hören. OK. Wo fang wa an? Am besten am Anfang!

Also, ich bin sozusagen ein waschechter Kreuzberger. Im Gegensatz zu meinen Alten. Die sind ja erst 1999 nach Kreuzberg gezogen, also sozusagen Zugereiste. Aber ich bin ein Kreuzberger Urgestein. Im »Urban« zur Welt gekommen. Wo man, wie sie alle immer erzählen, eigentlich nur zum Sterben hingehen sollte. Aber Mama und Papa haben nicht viel gegeben auf das Geschwätz der Leute, und ich muß auch sagen, das war schon O.K. da im Urban! Die Ärztin war ýne ganz nette, eine Blonde, wenn ich mich recht erinnere. Wir waren uns irgendwie gleich sympathisch. Kaum hatte sie mich in der Hand, rief sie: »Na, das ist aber auch ýne Süße!« Und ich glaub, das hat die nicht nur so dahingesagt. Um vier Uhr morgens sagt man das nicht mehr einfach so dahin. Außerdem hat sie sich wahrscheinlich riesig gefreut, daß alles noch mal gutgegangen ist. Die hatten ja ganz schön um mich gezittert. Aber ich hab dann eben ein bißchen mitgeholfen, weil die alle schon so fertig waren. Die Ärztin, die Hebamme, Mama sowieso, und Papa hat ja auch glatt geheult, als ich endlich losquiekte. Naja. So gingýs los.

Also, das Urban war O.K., kann ich jedem empfehlen, wenn er mal zur Welt kommen muß. Wir waren dann auch gleich spazieren, im Urbanhafen trieben die Schwäne und die Schiffe und die Bierbüchsen, auf der Wiese lagen junge Leute und lasen Bücher, Hunde sprangen herum, und ein Stück weiter stand der Eismann. Ich mein, ich kann mich natürlich nicht so ganz genau an alles erinnern, aber wenn ich heute dort vorbeifahre und das alles sehe, dann bin ich sicher, daß es so war.

Im Garten
Drei Tage später sind wir dann also umgezogen, vom Urbankrankenhaus in das Haus am Kreuzberg. Genau gegenüber vom Spielplatz. Find ich super. Im Grunde könnte man eine große Rutsche von unserm Balkon über die Straße zum Spielplatz bauen. Aber die Stadt muß ja sparen. Also müssen wir immer rüberlaufen. Der Spielplatz ist einwandfrei. Viel Sand, zwei Rutschen, Wippen, Karussells, zwei Seilbahnen ý Ich verstehe nicht, weshalb es immer noch Leute gibt, die meinen, es gäbe zu wenig Spielplätze. In Kreuzberg gibtýs jedenfalls genug!

Natürlich hab ich auf dem »Spieli« auch meine ersten Zweikämpfe durchgestanden. Einmal, da konnte ich noch nicht mal laufen, hat mir einer eine Schaufel voll Sand in die Augen gestreut. So ein Halbstarker. Ein Deutscher. Die andern, also unsere ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, wie sie jetzt immer sagen, tun den Kleinen erst mal nichts, die haben so einen Beschützerinstinkt. Find ich ganz praktisch. Erst später werden die dann ungemütlich. Das mit dem Sand war ein prägendes Erlebnis, wenn ich das mit meinen 2 Jahren schon mal sagen darf. Denn seitdem ziehe ich alle, die mir zu nahe kommen, erst einmal an den Haaren. Und damit ist klar, wer hier der Chef ist. Das klappt ganz gut. Ich muß nur immer aufpassen, daß die Eltern der anderen Kleinkinder auch gerade wegschauen. Meine Alten sehen es natürlich auch nicht besonders gerne, wenn ich da blitzartig nach den blonden Schöpfen greife. Aber da müssen sie durch. Schließlich wohn ich hinterm Kreuzberg, da muß man sehen, wo man bleibt. Für Weicheier ist das nichts, Weicheier sollten sich in Braunschweig oder Bonn oder Mönchengladbach niederlassen. Hier gehtýs eben zur Sache.

Bei uns in der Kneipe zum Beispiel. Wir haben ja ýne eigene Kneipe im Haus, eine, die vierundzwanzig Stunden offen hat. So eine wie im Wedding oder in Reinickendorf, mein ich. Wie gesagt, ich bin ja schon rumgekommen in der Stadt. Und in unserer Kneipe, da wirdýs auch schon mal laut. Zum Beispiel, wenn einer von den Besoffenen morgens um drei den Mädchen hinterm Tresen wieder mal an die Wäsche will. Dann dauertýs keine drei Minuten, und es stehen zwei starke Typen mit zwei starken Motorrädern vor der Tür, die machen einen Lärm, daß oben bei mir die Fensterscheiben zu klirren anfangen. Das erste Mal war ich ja ein bißchen beunruhigt, aber inzwischen hab ich mich dran gewöhnt.

»Alptraum« heißt unsere Kneipe, und die Chefin hat ein Mundwerk, da »spricht das Volk«, wie der Thomas kürzlich sagte. Diese Stimme ist nichts für alternative Weicheier, die würden sich in die Windeln machen. Aber wenn die Chefin zu mir an den Tisch kommt und ich sie mal kurz anlächle, dann fängt sie an zu zwitschern und mit ihrem großen Busen zu schaukeln, wie eben nur Frauen zwitschern und Busen schaukeln können. Ich bin jedenfalls froh, daß ich nicht am Chamissoplatz wohne ý in diesem Reservat mit Töpferladen und Ökomarkt. Im Alptraum würde diese gesamte Müslifraktion verhungern, da gibtýs nur Würstchen und Buletten, und im Haus bei uns riechtýs sonntags noch nach Gulasch und Schweinebraten.

Anna spielt
Ich will ja nicht lästern ý aber ich bin eben nicht im Geburtshaus mit spiritueller Musikbegleitung auf die Welt gekommen, sondern im Urban, und ich wohn nicht in der schnieken Bergmannstraße, sondern ich wohn überm Alptraum. Auf der andern Seite vom Kreuzberg. Wo sie jetzt in den warmen Nächten immer im Kreis um ihre Teelichter herum sitzen. Früher hatten sie richtige Lagerfeuer, aber das hat man ihnen jetzt verboten. So ein Blödsinn! Als wären diese kleinen Lagerfeuerchen riesige Buschfeuer, die Groß-Berlin bedrohen. Ich fand das immer ganz toll, wenn die Funken in den Himmel aufstiegen. Die Leute waren auch immer lustig und haben Gitarre gespielt und getrommelt. Einmal hab ich getanzt, da haben alle geklatscht.

Der Park auf dem Kreuzberg ist sozusagen mein Garten. Mit Würmern, Käfern, Vögeln, Kastanien, Hunden und dem Eismann. Der wohnt eigentlich bei uns im Haus. Ich seh ihn immer, wie er seinen Eiswagen aus der Garage schiebt.

Und im Winter hab ich die Rodelbahn vor der Tür. Die find ich ja auch super. Obwohlýs ja immer ein bißchen kalt ist da oben auf dem Gipfel. Aber was da los ist! Und wie die Jungs sich da runterstürzen, mit ihren Schlitten in die Laubberge fahren und sich überschlagen. Einfach super. Und die »Kreuzberger Festlichen Tage« hab ich auch gleich vor der Haustür, lauter blinkende Ka-russells, überall süßer Kram ý ý also, für Leute in meinem Alter gibtýs überhaupt keine bessere Wohnlage als die hier. Aber wenn die jetzt auch noch den Rummel aus unserm Park vertreiben wollen, dann geh ich auf die Barrikaden, das schwör ich. Diese ewigen Nörgler gehen mir ganz schön auf die Nerven.

anna mit Hut
Aber im allgemeinen sind die Kreuzberger ja ganz nett und zufrieden. Das hab ich gleich gemerkt. Man brauchte die nur anzugucken, und schon haben sie gelacht. Im Bus zum Beispiel, da klettere ich auf den Sitz, leg den Kopf auf die Seite und zwinker der Frau hinter uns mit dem Auge zu ý und schon fängt sie an zu lachen. Dann mach ichýs bei der nächsten, und bald lacht der ganze Bus. Ich mein, inzwischen hab ich da ja so meine Tricks, wie ich die Leute zum Lachen bringe, und mir gelingt das ja auch in Marzahn oder Hellersdorf. Aber in Bonn oder Mönchengladbach oder Braunschweig klappt das nicht so gut. Komischer Name: Braunschweig! Schweig Braun. Braun, schweig!

Tja, und diese ganzen Politischen hier, die find ich auch ganz nett. Aber es gibt ja nicht mehr viele, und die, die es noch gibt, sind alle schon etwas debil. Nur diese Müslifraktion wird immer stärker, sogar die Teenies kaufen sich den Biokram, und ausgerechnet mit dieser Müslifraktion hab ich irgendwie Probleme. Ich steh halt auf Schokolade und Wurst. Ich mein, ich hab ja auch ne Menge Holzspielzeug, aber ich hab eben auch ne Wasserspritzpistole und Rennautos, und ich hab kein Rad aus Holz, sondern eins aus echtem Eisen, Kruppstahl sozusagen, blau und gelb, ein echter Renner. Es muß ja nicht alles aus Holz sein im Leben. Wir fahren auch am Wochenende nicht unbedingt ins Grüne, wir fahren zum Potsdamer Platz oder in den Wedding oder zum Flughafen Tempelhof. Den find ich ja auch ziemlich geil, wie da die dicken Propellerflugzeuge ganz knapp über unseren Köpfen hinwegfliegen! Ich mein, ich bin ja schon oft geflogen, Athen, Wien, Frankfurt, kenne ich alles. Als ich noch klein war, da hab ich mich immer ein bißchen gefürchtet, wennýs plötzlich losging. Dann wollte ich wieder aussteigen. Hab ich auch gesagt: »Aussteigen!« ý Aber es hat wieder mal keiner auf mich gehört.

Anna mit Freund
Naja, jetzt bin ich groß. Jetzt fürcht ich mich nicht mehr. Jetzt sag ich: »Jetzt fahrn wa aber los!« Und im Kindergarten bin ich auch schon. Da sind Kinder aus Indien, Türkei, England, Rußland ý ich weiß gar nicht, wo die alle herkommen. Weit her jedenfalls. Aber die Franka und der Paul, die kommen sogar aus unserm Haus. Und meine Freundin, die Larissa, kommt jetzt auch bald zu uns in den Kindergarten. Meistens sitz ich auf der Schaukel, oder ich dreh meine Runden auf dem Traktor, ziemlich viele. Dann parke ich an der Seite, vorschriftsmäßig, und sag: »Feierabend!« Manchmal sitz ich noch auf dem Schoß von der Nurgüll und lutsch Daumen. Wahrscheinlich, weil ich Hunger habe.

Naja, so ungefähr ist das also in Kreuzberg. Ganz O.K.! Für Leute in unserm Alter jedenfalls. Aber vielleicht ist´s woanders auch genausogut. Weil, für Leute in unserem Alter ist eben alles interessant. Ich könnte jetzt auch noch viel mehr erzählen. Aber ich muß los. Hab was zu tun. Also dann.

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