Kreuzberger Chronik
Oktober 2003 - Ausgabe 51

Die Literatur

Michael Wildenhain: »zum beispiel k.«


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von Michael Wildenhain

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als die taz kommt, sagt k, daß alles nur am konsum liegt, und als die bezirksverbandselite der spd, jungdynamisch mit angedicktem bauch oder alt aber genosse, verspricht, daß sie die allesbrenner wiederbesorgen wird, »müssen in irgendeinem lager sein«, sind nur noch drei leute im haus und einer von der WAHRHEIT hat sich mit reingeschlichen. »ich bin von der WAHRHEIT«, sagt er und hat ein kariertes hemd an, und k. muß noch ein bißchen lachen, und dann weiß er viel über spekulanten zu erzählen und k’s bruder meint, »bring den artikel vorbei oder geh wieder« -

frau pauli sortiert ihre illustrierten, zwölf jahrgänge und keiner fehlt, auf der straße ist ein pfiff und da stehen drei leute mit tüchern vorm gesicht – am abend ist k, mit marie im mieterladen und neben dem mieterladen ist gleich die kneipe von der sew, und die leute vom mieterladen haben wieder gesammelt, irgendwie hat k, eine rolle kabel überm arm hängen und hört, wieso sie, hier vom mieterbeirat, ja dafür wärn, aber doch nich so ganz. marie redet viel, ihre hand liegt am kinn, ihre augen sind braun und ihre haare sind lang, k, sitzt auf einem stuhl. dann sind sie gegangen und die kneipe am eck hat auch schon eine büchse aufgestellt, der grieche gibt noch ein essen aus, souvlaki, in der straße liegt schnee – (…)

»schon wieder son scheißtouristenbus«, brüllt einer vom balkon her und alle greifen sich ein ei: der bus gibt gelb und schleimig gas, die gaffer können was erzählen, jemand hat wurst und käse geklaut, kaffee kocht und schrippen krümeln auf matratzen, die taz klebt am honig, k, staunt: ein reichtum, in der zitty steht müll und im tagesspiegel sind sie, die besetzer, auf der jugendseite und ganz anders, nämlich jung und lieb, natürlich konnten sie den artikel aus zeitlich-drucktechnischen gründen nicht nochmal vorbeibringen, wie abgemacht, »unten sind die leute, die einziehn wolln«, »schon vier?«, fragt k, und im treppenhaus stolpern tastend füße, das untere licht ist noch mit pressspan verstellt –

»natürlich wolln wir hier nich nur einfach so wohnen«, sagt marie, »wir sehn die besetzung mehr als politischen akt an«, »dabei soll dann auch nicht stehengeblieben werden, was«, sagt k, und stützt sich in den aschenbecher, »wir ham uns überlegt, daß wir nicht verhandeln, bevor die gefangenen frei sind, und dann auch nich über mietverträge oder so, wir wolln selbstverwaltung«, sagt k’s bruder, dann knallt die balkontür zu und alle bewegen sich wieder und sagen ja oder gar nichts.
… »in kreuzberg sehen die straßen enger aus, und die lampen geben auch kein richtiges licht, nur so halb«, denkt k, und die wiener straße wird immer länger im schnee, »bestimmt kommt wieder diese frage: wer bistn du?« denkt k, während er klingelt; »woher kommsten?« fragt ein dunkler balkon, dann ist das treppenhaus schwarz, weil k, keinen lichtschalter findet, »laß mal«, sagt eine stimme aus löchrigem leder und spitzen haaren, »is hier«. Na dann, murmelt k, und drückt sich in das zimmer aus qualm, um übersehn zu werden. »wozu vermittler«, fragt ein mund und schneidet eiskristalle, »wir könn selba reden«, sagt eine frau ganz aus schwarz und erkennt k, wieder: die vollversammlung. »vielleicht sieht sie nich her«, hat er gedacht und rutscht am kachelofen in die hocke, der raum sind stimmen. (…)

der mehringplatz ist matsch und rund und häuser, die architektur sein sollen, der himmel fällt von der hochbahn in den kanal und durchweicht die turnschuhe, vorne läuft der kleine bayer durch alten schnee auf die mauer zu: haftprüfung, die kochstraße. wenig menschen und dumme straßen am checkpoint charlie, k, wird an die murkligen »demos« vor moabit erinnert, gericht, immer regen und immer dezember, in den gesichtern der einzelnen leute zäune mit umgebogenen spitzen, stacheldraht und über den glatten uralten mauern baumeln beine und arme aus gittern, rumpflos in die lehrter straße, eine rolle klopapier, ein schwelendes laken bedeutet bunker, isolation in der gruft, das rufen im regen ist rauh, du stehst davor, du gehst wieder, noch denkst du, ein jahr na und, k, hat den bayer eingeholt –

Entnommen aus Michael Wildenhain, »zum beispiel k.« Rotbuch Verlag Berlin, 1983 <br>

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