Kreuzberger Chronik
Oktober 2003 - Ausgabe 51

Die Geschichte

Die Pfadfinder in der Fürbringerstraße


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von Werner von Westhafen

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Eine der häufigsten Entschuldigungen für die Naivität und Kritikunfähigkeit jener Masse sogenannter Mitläufer, ohne die der Holocaust nicht hätte stattfinden können, sind jene Programme und Organisationen der Nationalsozialisten, die den Bürgern in einem vom 1. Weltkrieg geschwächten Deutschland mit seiner Massenarbeitslosigkeit und Orientierungslosigkeit eine Perspektive boten. Darunter sind jene auch äußerlich zuerst unscheinbaren Sportvereine oder Jugendgruppen zu nennen, die nach und nach zu Propagandazwecken mißbraucht wurden, und aus denen später nicht selten stramme Soldaten rekrutiert wurden – bereit, an der Front ihr Leben zu lassen, bereit, für Hitler und Deutschland zu töten.

Es ist aber nicht so, als hätte es zu den noch heute sprichwörtlichen »Pimpfen«, der Freizeitgruppe für die Jüngsten des Deutschen Reiches, keine Alternativen gegeben. Nicht jedes Kind, das die Lagerfeuer der »Pimpfe« mied und nicht mit ihnen auf Fahrradtour ging, hätte auf der Straße landen müssen, und nicht jeder Pfadfinder mußte zur Gitarre nationalsozialistisches Liedgut singen. Denn es gab neben den nationalistisch gefärbten Jugendverbänden kommunistische und kirchliche Gruppen, und es gab Sportvereine, die sich deutlich von Hitler distanzierten. Doch obwohl die meisten der Kinder den berühmten Refrain vom Totschlagen des bösen Juden »nur mit großem Unbehagen sangen«, blieben viele der Hitlerjugend treu und stolperten ins Unglück.

Sogar eine jüdische Variante des Pfadfinderdaseins gab es in Kreuzberg. In der Gneisenaustraße Nr. 41 trafen sich seit 1929 die jungen Mitglieder der Zofim, die zionistischen Pfadfinder, und seit 1936 hatte in der Fürbringerstraße Nr. 9 der 1931 in Brieselang bei Berlin gegründete deutsche Haschomer Hazair seinen offiziellen Standort. Der Haschomer Hazair war eine Bewegung, die während des 1. Weltkrieges in Galizien entstanden, wenige Jahre später bereits »eine weltweite Organisation mit mehreren Kibbuzim in Palästina« und 40000 Mitgliedern war.

Gneisenaustra?e um 1910

Die Treffen in der Gneisenaustraße waren weltanschaulich und politisch prägend für die jungen Pfadfinder, obwohl die meisten von ihnen noch Schulgänger und eher durch das »Rodeln auf dem Kreuzberg«, die »Zeltlager« und die Übernachtungen nach langen Wanderungen auf dem Sofa und dem weichen Teppich in der Gneisenaustraße geprägt waren. Denn ähnlich wie auch bei den Pimpfen oder politisch anders orientierten Gruppen, versäumten die Zionisten es nicht, durch ihre Jugendorganisationen pädagogisch Einfluß zu nehmen auf den Nachwuchs. In einer Publikation der Berliner Geschichtswerkstatt aus dem Jahr 1991 erinnert sich eines der ehemaligen Mitglieder noch deutlich an die charismatische Gestalt eines Mannes namens Milek Goldschein, eines Abgesandten aus Palästina, der Ende der zwanziger Jahre häufig bei den Pfadfindern am Kreuzberg auftauchte. Die Haschomer Hazair nämlich hatte die Zofim als Keimzelle ihrer deutschen Organisation auserkoren, und tatsächlich ging am 16. August 1931 aus den Pfadfindern der deutsche Haschomer hervor, der drei Jahre später in Berlin immerhin 330 Mitglieder zählte.

Konkretes Ziel der Organisation war der Aufbau Palästinas, das ferne Ziel eine Welt, in der das Kollektiv über das Individuum siegte. Anders als noch die rodelnden Pfadfinder waren die jugendlichen Mitglieder des Haschomer Hazair politisch engagierte junge Menschen, die über den Marxismus und die Psychoanalyse diskutierten und dem westlichen System und dem sich immer mehr verbreitenden Nationalsozialismus kritisch gegenüberstanden. Doch der Bund untersagte schon in seinen Statuten aus dem Gründungsjahr 1931 seinen Mitgliedern ausdrücklich und »bei Strafe«, sich politisch zu betätigen, bzw. »irgendeiner politischen Partei oder deren Nebenorganisationen anzugehören oder an der innerdeutschen Politik irgendwie Anteil zu nehmen …« Nur dadurch allerdings war es möglich, daß sich der Bund der Haschomer Hazair in der Fürbringerstraße überhaupt so lange halten konnte. Jedoch nicht, ohne dabei äußerst vorsichtig zu sein.

»Wir waren in dieser Ortsgruppe ca. 150 Mitglieder«, schreibt Kurt Salinger, einstiger Gruppenführer, 1991 an Michael Kreutzer von der Berliner Geschichtswerkstatt. »Das Heim befand sich in einem Fabrikgebäude im Hinterhof im dritten Stock. Die Gegend war sehr ruhig, und ich entsinne mich nicht an irgendwelche Störungen aus der Nachbarschaft. Wir hielten dort unsere Heimabende ab, sangen unsere Lieder und unterhielten uns über die uns naheliegenden Jugendprobleme, lernten jüdische Geschichte und Hebräisch. Zu damaliger Zeit mußten wir unsere Versammlungen bei der Gestapo anmelden, mit genauer Mitgliederzahl, dem verantwortlichen Leiter, dem Inhalt der Vorträge und einer genauen Liste der Lieder nach einem genehmigten Liederbuch. Der Schutzmann, der uns beaufsichtigte, prüfte alle Angaben, und wenn wir nicht nach Vorschrift handelten, »löste« er die Zusammenkunft auf. Nach seinem Weggang besprachen wir Themen, die in der Nazizeit (Sozialismus etc.) verboten waren. Ein besonderer Wächter sorgte dafür, uns rechtzeitig zu warnen, wenn sich ein Beamter näherte. Einmal veranstalteten wir sogar eine 1.-Mai-Feier mit Sprechchor und kleinen roten Tüchern.«

Während andere Heime des zionistischen Bundes längst geschlossen worden waren, traf man sich in der Fürbringerstraße noch im Jahr 1938, was vielleicht auch daran lag, »daß die Bevölkerung in dieser Gegend nicht so radikal eingestellt war und keine Beschwerde bei der Polizei einlegte.« Und daran, daß man es in der Fürbringerstraße gelernt hatte, beim Eintreffen der Polizei augenblicklich »von der Geschichte der Arbeiterbewegung zur Tomatenzucht in Palästina zu wechseln.«

Doch nach 1938 blieb keine Zeit mehr für lange Diskussionsabende. Es mußte gehandelt werden. Die Führung des Weltverbandes Haschomer in Palästina begriff allerdings nur langsam, wie ernst die Lage für die in Deutschland lebenden Juden war, weshalb sich die Gruppe zionistischer Pfadfinder allmählich in eine Flüchtlingsorganisation verwandelte. Die Zeiten des gemütlichen Zusammensitzens waren vorüber, das Heim in der Fürbringerstraße, »ein Ort, wo der Optimismus zu Hause war, wo man noch an etwas glaubte, wo die Sonne aufging« und wohin man flüchten konnte – »auch vor dem Elternhaus, wo Pessimismus, Unsicherheit der Zukunft und Verzweiflung herrschten« – dieses Heim gab es nun nicht mehr.

Selbst Kurt Salinger, der einstige Gruppenführer, bemühte sich nun um die Vermittlung jüdischer Jugendlicher ins Ausland und unterstützte sie bei der illegalen Einwanderung nach Palästina. Es gelang, die meisten Mitglieder des Haschomer noch rechtzeitig aus Deutschland zu evakuieren.

Literaturnachweis: Michael Kreutzer: Zwei Erinnerungen an den Haschomer Hazair in Kreuzberg, aus Juden in Kreuzberg, Berliner Geschichtswerkstatt e. V., 1991 <br>

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