Kreuzberger Chronik
Oktober 2003 - Ausgabe 51

Die Freizeit

Radfahren


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von Horst Unsold

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Natürlich geht der Kreuzberger gern zu Fuß, flaniert auf der Bergmann, am Kanal, an der Hasenheide. Er fährt auch ganz gern mit dem Auto, schließlich ist er nicht von gestern. Motorräder und Motorroller jedoch sind weniger verbreitet, auch in Kreuzberg fährt man nicht mehr mit der Harley bei der Kneipe vor. Aber das Fahrrad. Wo, wenn nicht in Kreuzberg mit seinen vielen Amsterdamreisenden, seinen umweltbewußten Grünen und seinen gegen die Eile des städtischen Lebens revoltierenden Bewohnern der siebziger Jahre hätte die Wiederentdeckung des Fahrrades stattfinden sollen!

Legendär die Zeiten, als Langhaarige auf klapprigen Fahrrädern, die Kippe oder den Joint im Wundwinkel, die Weinflasche auf dem Gepäckträger und die aufgeschlagene Krishnabibel auf dem Lenker mit ihren alten Stahlrössern der Langsamkeit im Straßenverkehr frönten. Unvergeßlich, wie sich die Cowboys aus dem Sattel schwangen, beim Bäcker lässig ihre Räder an die Wand lehnten und ihre gelben »Atomkraft – Nein, Danke«-Buttons um die schwarzen Rahmen wickelten. Während in Westdeutschland der Opel und in Ostdeutschland der Trabant in immer rasenderer Geschwindigkeit vom Band und über den Asphalt liefen, kamen beim alternativen und konsumkritischen Kreuzberger allmählich die Hollandräder in Mode. Sollten die anderen doch in ihren stinkenden Konservenbüchsen zur Arbeit eilen, im Stau stecken und fluchen – die Kreuzberger radelten zur Produktionsstätte, sie hatten alle Zeit der Welt, und arbeiten taten sie ohnehin nicht so eifrig wie die übrigen Deutschen.

Das Rad dieser Jahre war ein Symbol für den Widerstand gegen die wachsende Eile in den Städten und eine Revolte gegen Automobilkonzerne und Konsumgesellschaft. Inzwischen jedoch rasen die Zweirädler schneller als die Vierrädler, sie drohen an den Kreuzungen den Automobillenkern mit Fäusten und treten Beulen in jeden Kotflügel, der sich nicht exakt an die deutsche Straßenverkehrsordnung hält. Sie tragen Helme wie die Piloten der deutschen Wehrmacht, stecken in teueren Plastikoveralls und überqueren auf der Jagd nach Zeit die Kreuzberger Kreuzungen mit einer Geschwindigkeit, die das menschliche Auge des Fußgängers kaum mehr wahrzunehmen in der Lage ist.

Die einstigen Außenseiter der Straße haben sich längst zu gleichberechtigten Verkehrsteilnehmern entwickelt, mit eigenen Radwegen, eigenen Ampeln, eigenen Rechten. Es gibt auch kaum noch etwas, das sich nicht auch mit dem Fahrrad transportieren ließe. Immer größer werden die Anhänger, die man hinter das schwache Zweirad hängt, und es geht längst nicht mehr um den Kasten Bier. Meterlange Bretter, komplette Einbauschränke, Lasten bis zu mehreren hundert Kilo, sogar die Kinder transportiert der moderne Kreuzberger in modernen Fahrradanhängern, die längst auch als Werbefläche für Bauhäuser und Fahrradläden entdeckt wurden. Und wenn man früher die Räder aus einem verstaubten Keller zum Nulltarif erhielt, zahlt man heute für die umweltfreundliche Alternative zum Automobil schnell einen ganzen Monatslohn. Räder von Mercedes oder Peugeot kosten längst mehr als der Vierer von Renault oder eine klapprige Ente.

An den sonnigen Sonntagen jedoch ahnt man, wie das einmal war: als das Fahrradfahren noch ein gemütliches Vergnügen war. Da sieht man die Kreuzberger wieder langsam durch die Straßen radeln, liegen die Räder wieder lässig im Gras der Parkanlagen, auf dem Gepäckträger Proviantkörbe und Federballschläger. Und in den S-Bahnen, die ins Umland fahren, versperren Gruppen fahrradelnder Sonntagsausflügler -Horden, so groß wie einst die Pfadfinder – unterwegs zur idyllischen Radtour durch den Wald mit ihren Fahrrädern das Abteil. <br>

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