Kreuzberger Chronik
Mai 2003 - Ausgabe 47

Herr D.

Herr D. und das Pfand


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von Hans W. Korfmann

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Daß Herr D. gerne ein Bier trank, hatte sich in seinem Büro bereits herumgesprochen. Daß er aber das leichte Bier aus den Büchsen den schweren Pfandflaschen vorzog, obwohl ihm bei jedem Fingerhakeln mit dem Verschluß die Umweltsünde bewußt wurde, die er soeben beging, das wußten die wenigsten, und das versuchte er auch tunlichst vor seinen Mitarbeitern zu verbergen.

Deshalb kam Herrn D. das neue Pfandgesetz sehr gelegen. Es löste mit einem gordischen Schlag seinen alten Gewissenskonflikt. Seit auch die Büchsen Pfand kosteten, kaufte Herr D. Flaschen! Doch der Seelenfrieden hielt nicht lange vor.

Es begann bei »Superspar«. Herr D. hatte eine ganze Sammlung verschiedenster Pfandflaschen im Gepäck. Als sich lautlos die gläserne Schiebetür öffnete, klapperten die vielen Flaschen aufsehenerregend und zogen die Blicke sämtlicher weißbekittelter Damen auf sich. Herr D. lächelte ihnen zu, aber er hatte das deutliche Gefühl, daß ihn auf seinem kürzesten Weg zur Leergutannahmestelle argwöhnische Blicke verfolgten.

Der Automat verhielt sich zunächst neutral. Herr D. stellte die Flaschen auf das Band, der Bildschirm verzeichnete 15 Cent, 30 Cent, 45 Cent, es war eine wahre Freude. Dann plötzlich stockte der Automat, überlegte und warf die Flasche wieder aus. Da der Behälter für feindliches Leergut bereits überfüllt war, schoß die Flasche geradewegs vor Herrn D.’s Füße und zerschellte auf dem Fußboden.

D. klingelte. Nach zehn Minuten kam eine schlechtgelaunte Dame und begann wortlos mit dem Zusammenkehren der Scherben.
»Das war eine vorschriftsmäßige Becks!« sagte Herr D. »Stimmt!«, sagte die Frau, »Es war eine! Jetzt ist’s ein Scherbenhaufen!«
Wenig später hatte er wieder grünes Licht. Doch mit der Zeit wurde die Maschine immer wählerischer, kaum eine seiner Flaschen passierte die Kontrolle, und D. verließ den Supermarkt mit einer noch immer lautstark klappernden Einkaufstasche.

Er ging zum nächsten Lebensmittelhändler und konnte auch dort vier Flaschen an die Frau bringen, die Annahme der restlichen acht verweigerte sie, indem sie die Unterlippe vorschob und gleichzeitig die Schultern hob. Auch im dritten Geschäft konnte er die Flaschen nicht verkaufen, da ihm der Einkaufsbon fehlte. Herr D. hätte weitergehen können, es gab noch viele Geschäfte in der Nähe. Aber das Geklapper der leeren Flaschen ging ihm allmählich auf die Nerven, und deshalb entsorgte er seine Bierflaschen in einem Glascontainer.

Und kaufte sein Bier zunächst an der Tankstelle. Als sich wieder genügend Pfandgut angesammelt hatte, betrat er, die Kassenbons in der Hand, die Lebensmittelabteilung des Benzinverkäufers. Der grinste, zog die Brille herunter und studierte jeden Kassenzettel eingehendst. »Stimmt alles!«, sagte er. »Nur, daß da Jever draufsteht, und daß Sie Becks bringen!« – »Ich trinke immer Becks, junger Mann, mein Leben lang schon!« – »Tut mir leid!« – Herr D. wurde nervös. »Die sind alle von hier, das kann ich beschwören!« – »Sie können so viel schwören, wie Sie wollen«. – »Das sind doch dieselben Flaschen, oder?« – »Die gleichen, nicht dieselben!« – »Ich habe die bezahlt!«, drohte Herr D. Der Benzinhändler war der dritte Verkäufer an diesem Tag, der das Gespräch beendend die Unterlippe vorschob und mit Lockerungsübungen im Schulterbereich begann.

Seitdem ging er wieder zum Dönerladen und holte sich Büchsen-Becks. Das war auch kaum teurer geworden. Zehn Cent. Und die Büchsen klapperten nicht so laut. Eigentlich klapperten sie gar nicht. Weil Herr D. sie nicht mehr zurücktrug, sondern jedesmal mit dem Fuß platt trat, während er immer an diese verdammten Grünen denken mußte. <br>

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