Kreuzberger Chronik
Juni 2003 - Ausgabe 48

Die Geschäfte

2 Radieschen


linie

von Jürgen Jacobi

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Ein Bummel durch die Bergmannstraße beweist es: Die Globalisierung hat auch angenehme Züge. Neben Räucherstäbchen und Hanfkissen für den kontemplativen Mitteleuropäer gibt es auch Bodenständiges. Den Rasierpinsel mit Schweinsborsten ebenso wie die gedrechselte Stuhllehne beim alteingesessenen Kunsttischler. Seit einigen Wochen ist das bunte Nebeneinander aus aller Welt um einen Blickfang reicher. Zwei überdimensionale Radieschen prangen in aufreizendem Rot an dem bis dahin schmucklosen Flachbau der Hausnummer 5-7. Auf den ersten Blick erschließt sich dem Betrachter nicht, wer oder was hinter dem legalen Gemüse-Graffiti steckt.


Das herauszufinden ist jedoch nicht schwierig, denn in der Bergmannstraße bleibt nichts verborgen, schließlich ist sie so etwas wie eine internationale Dorfstraße. Herrn N., dem Geschäftsführer in der Fahrradstation nebenan, ist der Dorfklatsch auch ganz willkommen. Publicity ist schließlich gewünscht. Was also hat es mit den Radieschen auf sich?
Herr N. wäre nicht diplomierter Politologe, käme er ohne Umschweife auf den Punkt.
»Ja, es ist einfach so, daß ich … äh … in meiner Funktion als Geschäftsführer … ich sag’ jetzt mal … so ein bißchen Überzeugungstäter in Sachen Fahrrad bin… mir permanent Gedanken mache …«
»Aber die zwei Radieschen, wie kommen Sie auf den Begriff?«
»… und der Name muß halt eben … na ja … gut faßbar sein, also möglichst irgendwie auch einen Gegenstand bezeichnen … das Wort Rad sollte enthalten sein … ein bißchen niedlich sein sollte es auch … Radieschen … das ist ja diminutiv … also hab ich im Internet recherchiert und geguckt … was für Konnotationen gibt es … und war überrascht. Ich war erschlagen.«
»In welcher konkreten Situation kam Ihnen denn der Begriff?«
2 Radieschen innen
Foto: Michael Hughes
Herr N. lacht. »Ach, wissen Sie, man steht unter der Dusche, sitzt auf dem Klo oder vor dem Laptop.« Herr N. lacht noch stärker und erzählt dann von Lagerrückständen, Mieträdern, Mietkosten, hochwertiger Ware, Kundenservice und Käuferschichten, die für Fahrräder nicht mehr als hundert Euro ausgeben möchten. Und davon, daß auch diese Menschen zu ihrem Rad kommen sollen, dies aber im Konzept der Fahrradstation nicht mehr zu leisten ist. Aus diesem Grund sind die Räume im ehemaligen Bewag-Bau besonders geeignet. Beim Bezirksamt hätte er für die vorübergehende Nutzung offene Türen eingerannt. Seitdem sei der Bau besser beleuchtet worden, die Hundescheiße und die zunehmende Vermüllung vor dem Gebäude haben danach beträchtlich abgenommen.
»Aber die zwei Radieschen …?«

Herr N. wird leider abgelenkt. Eine junge Frau, nach eigener Auskunft Studentin, fragt ganz unverbindlich nach Preisen. Sie gehört offensichtlich zu genau jenem Kundenkreis, der für ein Fahrrad höchstens 150 Euro ausgeben will. Kundengespräche sind Kunstformen der Kommunikation. Herr N. beweist darin absolute Meisterschaft und drückt der Studentin schon nach wenigen gezielten Fragen und Antworten die Radieschen-Karte in die Hand.

»Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, Radieschen. Im Internet, wie gesagt, im Februar habe ich zum Thema Radieschen … habe ich gefunden … Kinderbücher, Kochbücher, Pflanzanleitungen …«
»Hatten Sie dabei die Intuition zu den zwei …«
»… ökologischer Landbau, Vitamine, Mythen zum Thema Radieschen, also ich hab’ plötzlich gedacht, Radieschen … Radieschen … ist ja der Wahnsinn … Radieschen hat so viele positive Konnotationen, das ist es, das muß man einfach …«
»Also vor dem Laptop, aha, jetzt fehlt mir nur noch die Ziffer 2 auf dem Graffiti, diese Klammer zwischen den niedlichen Radieschen.«Diesmal kommt die Aufklärung prompt und ohne Umschweife.
»Eindeutig von dem Begriff Zweirad … ist ein Spiel mit Worten … 3 Konnotationen spielen da rein. Zum einen das Radieschen … diese Knolle also … dann gibt es … aber das habe ich ja schon gesagt.«
Das Zweirad steckt also dahinter.

2 Radieschen aussen
Foto: 2 Radieschen
Im Geschäftsmann N. dreht sich zweifellos alles um’s Rad. Es ist vorstellbar, daß im Radianten seines geschäftlichen Bewußtseins ein Zweirad steht. Alles kreist um die Fahrradachse. Herr N. kreist an diesem schönen Morgen in der Bergmannstraße mit. Gleichwohl sei er kein Radikalinski in Sachen Fahrrad. Nein, Jagdszenen mit Rowdys, die ihre Lenkstangen wie die Hörner eines Stieres zum Angriff auf friedliche Passanten einsetzen, dafür hat er erstens nicht das geringste Verständnis, und zweitens hält er diese Diskussionen für aufgebauschte Sensationshascherei der Medien. Gleichwohl gesteht er dem Fahrrad so etwas wie Kultstatus zu. Weil Fahrräder nicht nur Menschen transportierten, sondern Symbole für modernes Umweltbewußtsein seien. Herr N. zählt an den Fingern seiner Hand die einzelnen Aspekte der gesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Vorzüge auf. Seine zehn Finger allein reichen zum Aufzählen der vielen Vorteile gar nicht aus. Dabei wirkt er so überzeugend, daß man ihm unwillkürlich die eigenen Finger zum Weiterzählen anbieten möchte.

Irgendwann in seiner Aufzählung fällt Herrn N. noch der Paradigmen-Wechsel in der Verkehrspolitik der Bundesrepublik ein. Das Verschwinden der Fahrradläden im Straßenbild der 60er und 70er Jahre. Als man am liebsten bis vor jedes Kaufhaus eine Autobahn gebaut hätte. Bis dann die Ölkrise kam, und danach mit dem gewachsenen Umweltbewußtsein wieder die Fahrradläden. Der Politologe gerät jetzt offensichtlich in Fahrt, in Fahrradfahrt. Ganz zweifellos wird er noch die Wurzeln des jetzigen Fahrradbooms freilegen. Die Wurzeln, im Lateinischen »radix«!

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