Kreuzberger Chronik
Juni 2003 - Ausgabe 48

Die Freizeit

Topographie des Terrors


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von Achim Fried
Fotos: Michael Hughes


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Das Gelände liegt im Schatten des großen Gropius-Baus. Ein kleines Guckloch im Bauzaun gewährt Sicht auf eine unkrautüberwucherte Brache, ein verödetes Wäldchen, Erdwälle und nackte Hügel. Dort, am Rand dieser Stadtwüste, befindet sich eine der meistbesuchten Ausstellungen Berlins: Die »Topographie des Terrors«.


Einst war diese Brache ein hübscher Park, der Garten des kunstvollen Prinz-Albrecht-Palais. 1934 bezog die SS das Gebäude, das Palais wurde ein Teil der Sicherheitszentrale des Dritten Reiches. Während in drei Häusern der Wilhelmstraße der Sicherheitsdienst (kurz: SD) einquartiert war, sowie die Sturmabteilung der NSDAP (kurz: SA) und ein Teil der Schutzstaffel (kurz: SS), befanden sich in der ehemaligen Kunstgewerbeschule neben dem heutigen Gropius-Bau und im einst benachbarten Hotel Prinz Albrecht in der heutigen Niederkirchner Straße die SS und die Geheime Staatspolizei, die gefürchtete Gestapo. SA, SD, SS und Gestapo hatten insgesamt 10 Gebäude in nächster Nachbarschaft besetzt, und das »war eine ungewöhnliche Konzentration von Macht und Terror auf engstem Raum«.

Und auch, wenn an anderen, meist weit entfernten Orten gemordet wurde und auf dem sogenannten Prinz-Albrecht-Gelände im wesentlichen »nur« der administrative Teil des Terrorregimes untergebracht war: Hier wurde der Tod verschrieben, das Urteil gesprochen.

Topographie des Terrors
Die meisten der von den Nazis okkupierten Gebäude wurden 1945 zerstört. 1949 wurde das Palais, obwohl noch alle Wände standen, gesprengt, 1956 auch das vom Krieg nur teilweise beschädigte Hotel Prinz Albrecht von der Abrißbirne aus Stadtbild und Gedächtnis entfernt. Die letzten Spuren des Dreiecks der Macht, das zwischen der heutigen Stre-semannstraße, der Wilhelmstraße und der damaligen Prinz-Albrecht-Straße – der heutigen Niederkirchner Straße – lag, schienen beseitigt.

Erst 1987 wurde der historischen Bedeutung des Ortes Rechnung getragen und in einem provisorisch errichteten Pavillon die »Topographie des Terrors« nachgezeichnet. 1997 wurde das Provisorium wieder beseitigt, um einer stattlichen Gedenkstätte Platz zu machen. Im Jahr 2001 sollte sie fertiggestellt sein, doch ragen bis heute nur drei gewaltige Betonquader aus dem Unkraut in den Himmel, Mahnmale der Finanznot.

So ziehen Schulklassen und Touristen noch unter freiem Himmel dahin. Vor den vergilbten Fliesen an den Kellerwänden der einstigen Kunstgewerbeschule und des späteren Gestapo-Quartiers dokumentieren Fotografien und Texttafeln die Geschichte des Ortes. Bilder, die bekannt sind, von Opfern und Tätern, von lächelnden Mördern und ernsten Gefangenen, Konzentrationslagern und Hinrichtungen. Doch Bilder, die vor der Kulisse des schmucklosen Mauerwerks im Kellerbereich des GestapoQuartiers eindringlicher sind als im Schulbuch. Ebenso wie die Bilder der Judenverfolgung an der Sperrholzabsperrung der unkrautüberwucherten Baustelle mit ihrem unbeweglichen Kran in der Mitte. Bilder neben zerborstenen Betonquadern, für das 1000jährige Reich gegossen, aus denen rostiges Eisen ragt.

Es regnet, es ist kalt, die Schüler bleiben nicht lange vor den Tafeln, ihre Kommentare sind knapp. Die Soldaten, die in Hakenkreuzformation auf dem Hof stehen, sind »krass«, und Himmler »sieht aus wie ein Schwein mit Brille«. Kommen-tare – fünfzig Jahre danach. Immerhin eines geben auch diese knappen Worte wieder: Verständnislosigkeit. Wie, scheinen sie zu fragen, konnte das überhaupt passieren? <br>

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