Kreuzberger Chronik
Juni 2003 - Ausgabe 48

Essen, Trinken, Rauchen

Zeitgemäßes beim Italiener


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von Hans W. Korfmann

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In der Graefestraße, am südlichen Ende, da, wo der Kiez aufhört und sich die schmucklosen Fassaden der Nachkriegsbauten breitgemacht haben, hat man die Zeichen der Zeit erkannt. Eine große Tafel auf der Straße kündigt an: Amaretto – ab sofort 50% Rabatt. »Und wo ist jetzt der Amaretto?«, fragt der Lehrer die Mutter seiner Schülerin. »Ich sehe alles mögliche auf der Speisekarte, nur keinen Amaretto!« Die Mutter lacht etwas höflich.


Es ist kurz nach zwölf, pünktlich kommen jetzt die Einwohner zum Mittagessen, paarweise oder auch allein. Innerhalb kürzester Zeit sind alle Tische mit den blaukarierten Decken und den Kerzen besetzt. Des nostalgischen und dennoch zeitgemäßen Entgeltes wegen. Die Preise einer Pizza variieren zwischen 1,75 und 3 Euro, die Spaghetti zwischen 2 Euro und 3,65. Die Minestrone kostet 1,45 und das Krabbenrisotto 2,95.

»Kostet ja alles so viel wie eine gottverdammte Packung Camel!«, scherzt der Lehrer. Er schiebt die Packung der Tischgenossin zu.

»Aber was ist das hier jetzt eigentlich? Ist das italienisch?«, fragt die Mutter der Schülerin, die noch immer in der umfangreichen Speisekarte blättert. Auf der Karte steht: Steakhouse, Café, Pizzeria. Auch das ist in Zeiten, in denen Kaffeegeschäfte reizende Unterwäsche und blitzende Fahrräder oder Lebensmittelfilialen Computer und Fernseher verkaufen, durchaus nicht antagonistisch. Wer jetzt noch auf einem Standbein balanciert, wird bald in den Ruin abstürzen!

»Sehen Sie mal: Lammkoteletts von frischen Weidelämmern – 200 Gramm für 5,80!«, muntert der Pädagoge die noch immer verunsicherte Mutter seiner Schülerin auf. Vielleicht war es doch etwas außergewöhnlich, sie gleich zum Essen einzuladen, wo es doch nur um eine Fünf in Mathematik ging. Aber schließlich war das hier ja nicht das »Vau«.

»Also, machen Sie sich mal wegen ihrer Tochter keine Sorgen. Das kriegen wir schon hin. Sie ist ja schließlich nicht dumm! Sie muß einfach nur ein bißchen besser zuhören. Sie hat ihren Kopf eben ständig woanders!«
»Ja, das stimmt, das ist zu Hause auch so!«

Die Kellnerin kommt und lächelt freundlich. Sie hat einen Akzent, den man dem nahen Osteuropa zuordnen könnte. Polen vielleicht. Auch das ist zeitgemäß. Italiener, oder gar Deutsche, sind teurer.

»Ich hätte gerne eine Pizza Funghi und ein Glas Chianti!«, sagt die Mutter. Der Lehrer entscheidet sich für die Pizza der vier Jahreszeiten. »Aber ohne Plockwurst bitte! Und bringen Sie doch ruhig eine Flasche Chianti und zwei Gläser!«

Zwei Stunden später haben die meisten Mittagsgäste bereits gezahlt. Auf dem Lehrertisch stehen jetzt zwei Flaschen Chianti und einige Teller.

»Das ist so verführerisch günstig!«, lacht die Mutter. »Ich mein, ich bin ja sonst eigentlich keine Schnäppchenjägerin, ich war nicht mal im Winterschlußverkauf dieses Jahr. Aber wenn man so sitzt und in Stimmung kommt und alles kostet nur ein oder zwei Euro, weißt du, das ist verführerisch!«

»Jaja, verführerisch!«, nickt der Lehrer und wirft einen kurzen Blick in den sommerlichen Ausschnitt. »Trinkst du noch einen Espresso?«
»Einen Macciato bitte. Und wenn du mir noch ein Glas Minerale bestellen könntest …«
»Wie gesagt, wegen deiner Tochter brauchst du dir wirklich keine Sorgen mehr zu machen! Ehrenwort!«
»Na, da bin ich aber wirklich erleichtert!«
»Hat’s geschmeckt?«, fragt die Kellnerin. »Phantastisch!«, ruft der Lehrer. »Ganz lecker!«, ergänzt die Mutter. Als die Kellnerin wenig später das Wechselgeld bringt, küssen sich Mutter und Lehrer ausgiebig. Man versteht sich eben im Amaretto, auch ohne das süßliche italienische Nationalgetränk. <br>

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