Kreuzberger Chronik
Juli / August 2003 - Ausgabe 49

Manfred Maurenbrecher Kreuzberger
Manfred Maurenbrecher, Künstler

»Für mich ist der 11. September noch immer der Tag, an dem die CIA den Präsidenten Allende wegputschte.«


linie

von Thomas Heubner

Titelfoto: Kai-Uwe Heinrich

1pixgif
Also, während ich hier auf der Bühne bin und ihr gemütlich
auf euren Stühlen sitzt …, kann es durchaus sein, daß im Holz dieses Klaviers hier … gerade jetzt ein junger Kakerlak seiner Liebsten zuflüstert: »Am Anfang war das Wort« … plaudert der Mann am Klavier mit wodkagetränkter Stimme, um sogleich in die Tasten zu wummern und loszubrüllen: Kakerlaken / durchfressen die Welt. / Kakerlaken, / bis alles zerfällt …


Justament erhebt sich in der vorderen Sitzreihe der bekannte Schauspieler mit den schneeweißen Haaren und dem Seidenschal um den Hals, schüttelt erbost den Kopf und verläßt die Vorstellung. Draußen, an der frischen Luft, läßt der berühmte Mime seinem Unmut freien Lauf: »Das ist doch keine Kunst! Der spielt doch nicht Klavier, der traktiert es! Außerdem nuschelt er.«

Manfred Maurenbrecher kennt das. Vielleicht schreibt er über diese Geschichte mal ein Lied. Oder über den Stuttgarter Kunstkritiker, der ihm vor Jahren zwar ein gewisses »pianistisches Vortragstalent« und »Authentizität« zugestand, aber jegliche »Kunstabsicht, Stilisierung, Disziplin« absprach. Oder über den Journalisten, der ihn fragte: »Warum singen Sie manchmal so dreckig?«

Maurenbrecher ist eben anders als der smarte Mann am Klavier: Schrullig, mit krummem Buckel, hockt er wie auf einem Melkschemel. Sein Kopf stößt ruckartig nach vorn oder ist halsbrecherisch zum Publikum verdreht. Mit den Füßen trampelt er auf den Pedalen herum und mit den Händen hämmert er auf die Tasten ein, krakenhaft die großen Finger, respektlos vor dem heiligen Instrument wie Dolly Buster vor Mutter Theresa. Stets muß einem bange sein, daß der Kasten Maurenbrechers Folter nicht überlebt. Oder daß er selbst vom Hocker kippt. Denn der Mann verausgabt sich. Abgetaucht in Rock oder Blues, transpiriert er nicht, sondern schwitzt, dampft. Schüttelt er seinen Kopf mit der glatten, schwarzen Mähne, spritzen die Schweißtropfen im Scheinwerferlicht. Mal läßt er seine rauhe Stimme dröhnen und röhren, mal krächzt, knurrt und grummelt er, um dann zu hauchen und liebkosen.

So war er immer, schon Anfang der 70er, als der Germanistikstudent Maurenbrecher noch in der Nostitzstraße wohnt und durch Berliner Folk-Pubs tingelt. Bob Dylan und Franz Josef Degenhardt waren seine Vorbilder – weil sie »tolle Erzähler« waren und »Geschichten auf die Bühne brachten«.

Zurückblickend aber unterscheidet sich Maurenbrecher von jenen Romantikern, die heute die 70er durch den Filter der Nostalgie betrachten: »Von Aussteigern, Alternativen, Studenten oder Multikulti war damals kaum etwas zu sehen. Kreuzberg war garstig und abweisend, es roch nach Kohle. Ein miefiges Pflaster mit billigen Wohnungen in Gründerzeithäusern, bevor diese von sogenannten Gastarbeitern bevölkert wurden.« Und weder die Oranien- noch die Bergmannstraße waren Flaniermeilen. Wenn Maurenbrecher bis nach Mitternacht für sein Staatsexamen gepaukt hatte, trank er sich danach in der »Nulpe« seine Bettschwere an oder löffelte Erbsensuppe in einer Stampe, die heute »Wirtschaftswunder« heißt.

Klar, er durchwanderte Boomtown Kreuzberg mit all seinen Untiefen des alternativen Untergrunds, mit seinen K-Gruppen und ML-Sekten, mit seinen Hausbesetzern, Öko- und Dritte-Welt-Läden. »Ich war, was man politisch nennt, hab’s mit Parteien und im Kollektiv versucht …« beichtet er in einem Lied. Man spürt seine Allergie gegen parteipolitische Umarmungsversuche. »In der Westberliner Alternativen Liste gab’s einen ziemlich großen intoleranten Haufen, unerfreuliche Leute mit szeneartiger Selbstgefälligkeit.« Zum politischen Abstinenzler ist er jedoch nicht geworden. Davon zeugen seine Auftritte bei der Friedensbewegung oder im Wahlkampf für die Demokratischen Sozialisten.

Ein Widerspruch, künstlerischer Spagat? Nicht für Maurenbrecher. Für ihn hat das eher mit der Veränderung und Relativität seiner Weltansicht zu tun. Und wenn er sich in einem Lied den »Altlinken« vornimmt – Ich hock mich vor den Schreibtisch / schließ mich im Zimmer ein / und träum, ich wär Professor / oder Autor bei Pahl-Rugenstein … –, dann ist das immer kritisch-distanziert. »Ich habe eben was dagegen, wenn eigene Marotten zur Weltanschauung hochstilisiert werden, wenn man mit seiner persönlichen Bedürfnislosigkeit kokettiert, oder wenn man sein revolutionäres Pathos aus der romantischen Kuschelecke verkündet«.

Das Lied vom »Altlinken« stammt noch aus dem Jahr 1977, als aus dem Solisten Maurenbrecher das Bandmitglied von »Trotz und Träume« wird. Die fünf anarchistischen Einzelgänger spielen auf Straßenfesten, in der »Neuen Welt« und im »Schlehmil« am Chamissoplatz, eine LP wird produziert. Doch während die anderen Bandmitglieder auf radikal politische Songs stehen, vertont ihr »Mauri« lieber Beziehungskisten. Außerdem ist er immer noch so schüchtern, und froh, mit dem Rücken zum Publikum zu sitzen. Erst als ein Solo-Titel bei den Fans gut ankommt, leckt er Blut.

Dennoch studiert er weiter, promoviert über den Außenseiter-Poeten Hans Henny Jahnn. Seine Mutter schneidet sorgfältig Stellenanzeigen für den Germanisten aus, und der Termin zum Bewerbungsgespräch in der Berliner Bibliotheksverwaltung steht auch schon fest. Doch mit dem geregelten Beamtendasein wird es nichts, da »Mauri« 1981, nach einem Auftritt in einer Pizzeria am Kottbusser Damm, von einem echten Rockstar entdeckt wird. Herwig Mitteregger, vormals bei Lokomotive Kreuzberg und der Nina Hagen Band, nun bei Spliff, holt ihn in sein Studio. Es folgen vier Jahre intensiver Zusammenarbeit und drei Platten, als letztes das musikalische Konzeptalbum »Viel zu schön«.

Manfred Maurenbrecher am Klavier
»Mut ist die Voraussetzung, Einsamkeit der Preis.« Foto: Privatarchiv

Die Neue Deutsche Welle schwappt übers Land, Mitteregger vermittelt Maurenbrecher an ein Major-Label. Zwar bemüht er sich, ein deutscher Rockstar zu werden, tritt sogar im »Rockpalast« auf, doch er ist kein Typ wie Heinz Rudolf Kunze. »Auf einem Konzert in Fulda, als ich versuchte, die Leute zum Mitklatschen zu animieren, wurde mir klar, daß ich kein Rockstar bin. Das Ganze war mir peinlich«, erzählt Maurenbrecher, und schreibt das Lied »Halbwertzeit«: Ey, Musikproducer, diesmal hab ich’s im Gefühl: / hier kommt mein Hammersong über Tschernobyl – / und der Producer sagt: das wird’n Tränenzieher / für die nächste Katastrophe, nur dann komm etwas früher …

Der Doktor verabschiedet sich »im guten Einvernehmen« von der Plattenfirma, das trotzige Ansingen wider den windschlüpfrigen Zeitgeist bleibt Maurenbrechers Markenzeichen. Er textet jetzt für Hermann van Veen, Ulla Meinecke und Veronika Fischer, arbeitet mit Gerulf Pannach, der nach dem Renft-Verbot in der DDR in den Westen kommt, später mit Gerhard Gundermann und Richard Wester, mit dem er 1991 gemeinsam den Deutschen Kleinkunstpreis erhält.

Menschen, Zeiten und Weltbilder ändern sich. Auch Maurenbrechers Feindbilder? »Ich kann mit dem Begriff nicht viel anfangen. Das ist der falsche Ansatz, jemanden nur fertigmachen zu wollen. Ich versuche eher, mich in die Leute, die in mir den Stachel löcken oder die mich abstoßen, hineinzudenken. Die sind ja auch nicht eindimensional, sind in einem gewissen Umfeld so geworden, wie sie sind.« Und dann erzählt er die Liedgeschichte vom Westberliner Frühpensionär im auberginefarbenen Anzug, der von Charlottenburg ins Brandenburgische zog, längst in der Kultur-und-Freizeit-AG des Ortes mitmischt und schon ganz Bärenklau die Welt erklärt hat. Maurenbrecher ist Moralist, aber er moralisiert nicht. Denn nicht immer hat er Verständnis. Der Song über den Tod eines Straßendemonstranten, den er dem Berliner Innensenator anlastet, wird von den Rundfunkstationen indiziert – der »Kleine Mann« sei persönlich wiederzuerkennen.

So geht Maurenbrecher seinen Weg, unbeirrt, eigensinnig. Als der Comedy-Nonsens auf allen Kanälen nicht mehr zum Aushalten ist, liefert er den lebendigen Beweis, daß es eine Alternative zur flächendeckenden Verblödung der Nation gibt. 1996 läßt er gemeinsam mit Horst Evers und Bov Bjerg das »Mittwochsfazit« im »Schlot« vom Stapel, inzwischen eine Veranstaltung mit Kultstatus, die nur noch vom »Jahresrückblick«, dem Best-of-Extrakt im Mehringhof-Theater, übertroffen wird. Eine chaotische Mixtur aus Kabarett, Lesung und Konzert für Mit- und Nachdenker. Denn mit halbem Ohr wird man ihn nicht verstehen.

Wenn er zum Beispiel einen stalinistisch angehauchten Altkommu-nisten darüber schwadronieren läßt, daß der weltweite Imperialismus … den nächsten Angriffskrieg vorbereitet, könnte sich der Zuschauer eigentlich schon behaglich in seinen Konzertsessel zurücklehnen und diesen Maurenbrecher in die Schublade stecken. Stutzig wird er aber dann bei Opas Bemerkung, für ihn sei der 11.September (…) immer noch der Tag, an dem die CIA den Präsidenten Allende und den Sozialismus weggeputscht hat, 73 in Chile. Und vollkommen verunsichert wird er, wenn der Mann schließlich konstatiert: Ich find’s immer gut, Vorurteile loszuwerden. Das ist typisch für diesen Maurenbrecher. Er zerbröselt Klischees. Kaum hat sich das Publikum sein Bild gemacht, zerfetzt der Mann am Klavier die Schablonen. Sein Gegengift, Titel seiner letzten CD, wirkt sofort.

Maurenbrecher provoziert, doch nicht alles ist schlecht und häßlich in seiner Welt. Da ist das Lied vom Mann, der sein altes Fahrrad schiebt, durch den Regen und den Wind / man sieht dem Mann und seinem Fahrrad / sofort an, daß sie Freunde sind … Oder das vom Jungen, der im Winter mit der Taschenlampe Brötchen holen geht: Kleine Forscher im ewigen Eis / wollen etwas finden, was die Welt noch nicht weiß. / Mut ist die Voraussetzung, Einsamkeit der Preis / für kleine Forscher im ewigen Eis … Möglicherweise auch Liebeserklärungen an Frau Kristiane und Sohn Max, der jetzt selbst in einer Rockband trommelt. Poetische Zärtlichkeit, ungekünstelt und klar wie bei »Danke Mutter«: Wenn ich geheult hab, hatte Krach, und in der Schule lief es ganz beschissen, / ich war allein in einer Welt von Feinden, fand kaum heim – da war es gut zu wissen, / daß eine wartete und nahm mich in den Arm, / mir wars eigentlich gar nicht recht, ich hielt’s für Kinderkram, / doch wie von selbst legten sich Anspannung und auch des Tages Schutter – / es war das Einfachste der Welt, ich dachte: Danke Mutter!

Nein, dieser Sänger singt nicht nur Lieder. Er erzählt Geschichten, ulkig und lustig, traurig und wehmütig. Ehrliche Lieder, ohne Besserwisserisches, Raffiniertes, Aufgesetztes oder Beifallheischendes. Nein, Maurenbrecher menschelt nicht, er ist menschlich.

zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg