Kreuzberger Chronik
Juli / August 2003 - Ausgabe 49

Die Geschichte

Willy Kressmann


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von Robert Schneider

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Wer kennt schon seinen Bezirksbürgermeister? Fragt man nach Kressmann, erntet man bei der jüngeren Generation erstauntes Schulterzucken, allenfalls ein zögerliches: »Kressmann-Zschach! Ja, die Architektin mit dem Bauskandal, dem Steglitzer Kreisel!«, womit Willy Kressmanns 3. Frau gemeint ist. Aber
ältere Kreuzbergerinnen und Kreuzberger bekommen glänzende Augen: »Ach ja, der Willy! Texas-Willy! Das war noch ein Bürgermeister! Der war immer für die kleinen Leute da!«


Fast jeder hat eine Anekdote zu erzählen wie folgende: Kressmann saß in einer Eckkneipe und drosch Skat. Da kam noch nach zehn Uhr abends ein Junge von vielleicht zehn oder zwölf Jahren herein, um für seinen Vater in einem Siphon frischgezapftes Bier zu holen. Kressmann stand vom Kartenspiel auf und ging mit dem Jungen und dem Siphon voller Bier hinauf in die elterliche Wohnung. Als der Vater im Unterhemd die Tür öffnete, mußte er sich vom Bürgermeister persönlich eine Standpauke anhören, wie er dazu käme, seinen jugendlichen Sohn um solche Zeit noch in eine Kneipe zu schicken. Kressmann ließ noch eine Warnung folgen, falls das nochmals vorkommen sollte. Man kann sich vorstellen, wie reumütig sich der Vater für seine Verfehlung entschuldigte und hoch und heilig versprach, und sich künftig auch daran hielt, seinen Sohn nicht mehr aus Bequemlichkeit zu mißbrauchen.

Fast zwölf Jahre hat Kressmann diesen Bezirk regiert – ja, regiert! Während der Berliner Blockade wurde er 1949 zum Bezirksbürgermeister gewählt, zweimal wiedergewählt und ein Jahr nach dem Mauerbau von seiner eigenen Partei, der SPD, wieder abgewählt. Seine politischen Vorstöße in dieser Zeit des Kalten Krieges sind legendär: Straßenbenutzungsgebühren für Fahrzeuge aus dem Osten der Stadt, oder die Drohung an die Ring- und Sparvereine aus Naunyn- und Wiener Straße (wiederbelebte mafiöse Organisationen aus der Vorkriegszeit), ihre Namen plakatieren zu lassen, oder die Patrouillen seiner aus Gartenbauarbeitern rekrutierten »Knüppelgarde« zur Aufrechterhaltung der Ordnung im Viktoria-Park, der nächtens von »Halbstarken« frequentiert wurde. Um nur drei Beispiele zu nennen. Aber er veranstaltete auch Vorführungen des Films Die Halbstarken mit Horst Buchholz und Karin Baal, und anschließende Diskussionen mit Jugendlichen, um unter Beweis zu stellen, daß es auch andere Pubertierende gab als die in den Jungmännerbünden. Und dazu lud er natürlich auch die Presse ein.Überhaupt die Presse …! In dieser Zeit ohne Fernsehen sprang die schreibende Presse fast auf jede Aktion Kressmanns an. Er ist bis heute wohl der einzige Berliner Bezirksbürgermeister, dessen Konterfei den Titel einer Spiegel-Ausgabe zierte und über den die New York Times auf der Titelseite berichtete. Damals entstand das Wort »Freie Republik Kreuzberg«, und Kreuzberg hieß im Volksmund »Kressmannsdorf«.

Kressmann prägte und pflegte einen äußerst kommunikativen und direkten Politikstil. Seine Neuerungen reichten vom »Jungbürgerball« für die gerade volljährig gewordenen Kreuzbergerinnen und Kreuzberger bis zum »Kummerkasten« am Rathaus, in den jedermann seine Beschwerden oder Hilfegesuche einwerfen konnte. Und Kressmann kontrollierte persönlich, daß die Verwaltung jedem Anliegen nachging. Notfalls ließ er sogar die Stadträte antreten, um sie daran zu erinnern.

Um ältere Menschen – und Kreuzberg war bis in die 60er Jahre das »Altersheim Berlins« – kümmerte er sich besonders bei Jubiläen: Bei jedem 85. und jedem folgenden Geburtstag, oder bei Silbernen, Goldenen und Diamantenen Hochzeiten überbrachte er meist persönlich den Blumenstrauß von der Sozialkommission. Oder er schickte eine Drei-Mann-Kapelle voraus, die einer Jubilarin auf dem Hinterhof ein Ständchen brachte. So manche betagte Frau, die schon seit Jahren kaum mehr aus dem Stuhl kam, wurde bei einem Tänzchen mit dem Bürgermeister auf dem Hof für einen Augenblick wieder jung. Günter König, mehrere Jahre Leiter seines Büros und Jahre später einer seiner Nachfolger, rechnet vor, daß Kressmann bei solchen Familienfesten, von denen er in den zehn Jahren seiner Amtszeit an vielleicht 300 Tagen täglich etwa zehn besuchte und auf ihnen nur die Jubilare und den einen oder anderen Gast antraf, insgesamt über 90000 Menschen persönlich die Hand geschüttelt hat. Aber meistens waren ja mehr Familienangehörige und Nachbarn da – auch vormittags, denn man wußte: Kressmann kommt! Vielleicht hat er allein bei solchen Gelegenheiten mehr als die Hälfte der noch 190000 Einwohner persönlich kennengelernt.

Willi Kressmann
»Immer für die kleinen Leute da« Foto: Kreuzberg Museum

Es ist also kein Wunder, wenn er bei seinen regelmäßigen vormittäglichen Touren durch Kreuzberg überall erkannt wurde, was wegen seiner berühmten buschigen Augenbrauen auch leicht möglich war, wenn ihm auf seinen fast täglichen Inspektionen ab August 1961 an der Mauer die Menschen von ihren Balkonen zutraulich etwas zuriefen, worauf er immer freundlich zurückwinkte. Und natürlich wurde er dabei angesprochen, eingeladen und mit jenen Dingen behelligt, die den Leuten auf den Nägeln brannten. Von diesen Begegnungen kam er immer mit Jacketttaschen voller Notizzettel, Servietten oder Bierdeckel zurück in sein Büro und leerte sie zwecks Bearbeitung von Wünschen und Klagen auf dem Schreibtisch eines seiner Mitarbeiter aus. Nicht so leicht hatten es da-gegen die Bezirkspolitiker. Es kam öfter vor, daß er sogar Stadträte seiner eigenen Partei in seinem Vorzimmer warten ließ, weil er sich gerade die Kümmernisse eines Bürgers anhörte. Noch heute klagen damalige Bezirksverordnete darüber, daß sie nicht zu ihm vorgelassen wurden, während er Hinz und Kunz gerade eine Audienz gab.

Das alles blieb nicht ohne Wirkung. Kressmanns gewinnende, manchmal auch burschikose, saloppe oder gar kumpelhafte Art machten ihn in der Kreuzberger Bevölkerung äußerst populär. Kressmann war in Kreuzberg bekannt wie ein bunter Hund. Seine Wirkung ging über Kreuzberg hinaus und hielt eine ganze Weile an. 1952 veröffentlichte die Frauenzeitschrift Sie in Berlin eine Umfrage nach dem beliebtesten Politiker: Kressmann rangierte nach Ernst Reuter, Konrad Adenauer, Theodor Heuss, Louise Schröder, Kurt Schumacher und Carlo Schmid, und noch vor Franz Neumann, Ludwig Erhard, Otto Suhr, Paul Löbe, F.J. Strauß oder Herbert Wehner auf dem 7. Platz.

Anfang 1964 versuchte ein gewiefter Kreuzberger Kapital aus Kressmanns Popularität zu schlagen, indem er eine Whisky-Weinbrand-Mischung unter dem Namen »Texas-Willy« auf den Markt brachte. Dagegen machte Kressmann allerdings sein »Namensrecht« geltend und ließ ihm diese Marke gerichtlich untersagen. Weitere drei Jahre später, fünf Jahre nach Kressmanns Rückzug aus der Politik, überreichte ihm ein italienisches Meinungsforschungsinstitut eine »Urkunde für ein bemerkenswertes demoskopisches Ereignis«: 93% aller Bewohner Kreuzbergs und 90% aller Berliner über 21 wußten mit seinem Namen etwas anzufangen; 85% der Kreuzberger und 81% der Berliner hielten ihn »für den besten Bürgermeister«, den Berlin je hatte.

Heute kennen nur noch wenige Berliner Kressmann, womöglich noch weniger ihren aktuellen Bezirksbürgermeister oder auch nur seinen Namen. Kressmann bleibt wohl eine statistische Anomalie. <br>

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