Kreuzberger Chronik
Juli / August 2003 - Ausgabe 49

Die Freizeit

Fußball


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von Jürgen Jacobi

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Der bunte Haufen der Freizeitkicker lagert im Schatten der alten Eichen. Fritz blickt auf die Uhr und dann auf den Kleinen. Der Dreikäsehoch wird bald das Feld räumen müssen. Und es wird Ärger mit der Mutter geben. Die lagert jetzt noch im imaginären Strafraum. Aber das Spielfeld in die entgegengesetzte Richtung zu verlängern, dürfte sich als noch schwieriger erweisen: Dort lungert eine Gruppe von langhaarigen Rotweintrinkern in Lederhosen und spitzen Stiefeln herum. Ihre nackten Oberkörper sind tätowiert. Die bunten Ornamente erinnern Fritz an Orientteppiche. Orientteppiche lassen sich leicht woanders hinlegen. Bei den Jungs mit den klirrenden Flaschen handelt es sich eher um Schränke, muskelbepackte Eichen. So wie die inmitten des Spielfeldes, unverrückbar vom Gartenbauamt vor wenigen Jahren als Schikane gegen den Freizeitfußball in die Mitte des Feldes gepflanzt.


Auch ein Wechsel auf die andere Seite des Parkweges kommt nicht in Frage, da dieser Teil der Hasenheide von Frisbeespielern beansprucht wird. Theoretisch ließe sich das Feld jetzt noch in Richtung der uralten Eichen gegenüber dem Parkweg verschieben. Aber dort wälzen sich gerade ein paar Punks mit ihren Hunden.

Inzwischen sind auch die Tore schon mit Kleidungsstücken markiert. Der Wanderweg der Bierbäuche zum Schultheiss-Pavillon bildet das sichtbare Seitenaus. Die imaginäre Torauslinie gegenüber den Rotweintrinkern ist jedoch heute kaum nach hinten zu verschieben. Dort üben angehende Straßenjongleure gerade emsig den Quantensprung der Dilettanten: den fehlerlosen Übergang von zwei auf drei Jonglierbälle. Offensichtlich werden sie noch den ganzen Sommer dafür brauchen. Fritz blickt wieder auf die Uhr und dann zum Ausgang. Dort rührt sich nichts, nur die üblichen Kleinstdealer stehen extrem auffällig im Unterholz herum.

Fussball
Zeichnung: Nikolaos Topp
Zwei oder drei Mann fehlen noch, aber der harte Kern ist schon da: Abu, der Dribbler. Der gnadenlose Eisenfuß Jochen. Jacques, der elegante Dirigent. Kalle, der Scharfschütze, und Hartmut, der quirlige Rechtsaußen. Auch Lückenreißer Bernd und der Fummler Sami. Der begnadete Abu jongliert seit einigen Minuten auf der graslosen Narbe im Mittelfeld.

Jetzt taucht der phlegmatische Werner, das permanente Risiko in der Abwehr, auf, und als Fritz den kompromißlosen James schon von wei-tem an seinen krummen Beinen erkennt, kommt endlich Bewegung in die Truppe. Fritz schnappt sich den Ball von Abu, läßt ihn ein-, zweimal auf dem Spann tanzen und schiebt ihn dann flach in Richtung des Dreikäsehochs in der Mitte des Spielfeldes. Der Kleine läuft frontal gegen den kullernden Ball und plumpst auf seine vollen Windeln. Fritz nimmt den Kleinen behutsam auf den Arm und trägt ihn zur Mutter. Bei ihrem Anblick brüllt der Kleine vorwurfsvoll los.

Fritz deutet vorsichtig an, daß es für den Kleinen hier gefährlich werden könnte. Die Mutter nimmt den Sprößling in den Arm. Der verstummt ebenso plötzlich, wie er angefangen hat zu plärren. Sie packt ihre Sachen auf die Decke, und Fritz hört im Weggehen noch ein paar Verwünschungen. Irgendwas von Machos und zum Spielen geeigneten Eiern. Für Fritz ist der Fall klar: eine Alleinerziehende. Egal, Hauptsache das Spiel geht los. <br>

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