Kreuzberger Chronik
Dez. 2003/Jan. 2004 - Ausgabe 53

Herr D.

Herr D. wird zum Statisten


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von Hans W. Korfmann

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»4 Euro 60! Das mußt du dir mal geben! Dafür bekomm’ ich in der Hasenheide ein Gramm Haschisch! Und das ist noch nicht das Ende. Irgendwann kostet das Päckchen 10 Euro!«, sagte ein dünner, hagerer Mann, der eine Kippe nach der anderen rauchte und so grau war wie Zigarettendunst. Herr D. hatte nicht schlafen können und war in seine Stammkneipe zurückgekehrt, in der Berliner Chauffeure über Zigarettenpreise diskutierten.

»Wenn die Kippen heute in Frankreich 4,60 kosten, dann kosten sie morgen bei uns nen Fünfer. Die brauchen doch nur die Steuern. Von wegen Krebsvorsorge! Quatsch! Ich kenne einen, der hat aufgehört zu rauchen, und eine Woche später hatte er nen Herzkasper!« – Herr D. trommelte nervös mit den Fingern auf dem Tresen, das Bier war immer noch nicht da.

»Also, ich geh das Risiko jedenfalls jetzt nicht mehr ein. Ich hab dreißig Jahre geraucht, wenn ich aufhör, kipp ich tot um!«, sagte der Dünne. Herr D. murmelte etwas vor sich hin, das sich wie »Schwachsinn« anhörte.

»Na klar ist das gefährlich,« sagte der Dünne, »aber keiner spricht darüber, was für Gefahren das mit sich bringt, wenn einer gezwungen wird, plötzlich mit dem Rauchen aufzuhören. Weil er’s nicht mehr aushält, wenn ihn die Leute ständig so vorwurfsvoll ansehen. Hat schon einmal jemand etwas von den seelischen Qualen eines Rauchers erzählt?«
»Na endlich!«, sagte Herr D. Die Kellnerin schob das Bier herüber.
»Genau. Die Zeitungen sind voll von Statistiken, die belegen, wie schädlich das Rauchen ist. Aber keine Statistik darüber, wie viele der neuen Nichtraucher sich schon das Leben genommen haben!«
»Stimmt!« murmelte Herr D. Aber keiner hörte ihn. Irgendwie war er heute nur Statist.

»Dafür ist kein Geld da. Mein Vater liegt gerade im Krankenhaus. Im Ärztezimmer! Weil kein Bett mehr frei war! Vor zwei Jahren haben sie die Krankenhäuser geschlossen, weil sie nicht ausgelastet waren. Jetzt sind sie offensichtlich überlastet! Können sie wieder neue bauen! Kurbelt die Wirtschaft an! Haha!«
»Du kommst immer vom Thema ab!«
»Nee, mein Vater hat Lungenkrebs! Stuyvesant!«
»Naja, wenigstens einer, der pünktlich stirbt. Stell dir vor, es würden jetzt alle aufhören zu rauchen. Da stiege doch die Lebenserwartung spontan um zwanzig Jahre. Wer soll denn die Rentner alle bezahlen?«

»Na, dann kostet das Bier in Zukunft eben 8 Euro!«
»So ne Zukunft will ich nicht!«
»Könnte ich mal eine Zigarette haben?«, fragte Herr D. kleinlaut. »Natürlich«, sagte der Dünne. »Aber was ist denn heute los mit dir?«
»Ich hab aufgehört mit Rauchen. Vor einer Woche. Die Hölle! Kann nachts nicht schlafen und tags nicht arbeiten. Ich finde nichts mehr, keine einzige Akte. Ich hol sie raus, leg sie auf den Tisch, und sie verschwindet. Spurlos. Taucht nie wieder auf. Ich habe jeden Winkel dieses verdammten Büros durchsucht, bin auf dem Boden herumgekrochen, habe dabei das Telefon heruntergerissen, die Lampe umgeworfen, das Büro sah furchtbar aus!« Herr D. zog lang und genüßlich an der Zigarette.

»Das hat auch noch niemand berechnet, was das kostet, wenn einer aufhört. Diese ganzen zerstörten Wohnungseinrichtungen, die Körperverletzungen, die Arbeitsausfälle …«, sagte der Dünne.

Herr D. nickte stürmisch. »Mein Computer ist auch schon vollkommen fertig, da geht nichts mehr. Muß ein Fachmann ran. Und die Kaffeemaschine, fast verglüht! Und mein Philodendron! Seit ich in diesem Büro arbeite, hat er da in der Ecke gestanden. Jetzt ist da gähnende Leere, noch ein paar Erdkrümel in der Ecke.« – Alle am Tresen lauschten den Ausführungen des Herrn D. Es war, als sei er aus der Statistenecke heraus endlich in die wohlverdiente Hauptrolle geschlüpft. Als sei ein dem Tode Geweihter wieder ins Leben zurückgetreten. <br>

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