Kreuzberger Chronik
April 2003 - Ausgabe 46

Petra K?ckeritz-Fehling Kreuzberger
Petra Köckeritz-Fehling, Fotografin

»Ich will genau das machen, was ich mache«


linie

von Ina Winkler

Titelfoto: Privat

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Das Titelbild zeigt auf den ersten Blick eine lächelnde Frau. Auf den Zweiten eine, der ein gewaltiger Schalk im Nacken sitzt. So freundlich, so unterwürfig lächelnd, so den Blumenstrauß vor den Busen haltend, kann niemand ernsthaft sein.

Dabei ist Petra Köckeritz-Fehling eigentlich eine erfolgreiche Geschäftsfrau, und es gibt Fotografien von ihr, da sieht sie auch so aus: Seriös, etwas bieder beinahe, mit perfektem Lächeln und ohne eine Spur von Witz.
Doch so ist sie eigentlich nur selten, wenn sie hinter der Ladentheke steht. Da reißt sie den Mund auf, lacht schallend, verdreht die Augen oder fängt plötzlich an, dem halben Laden irgendeine Geschichte zu erzählen, die sie gerade gehört oder erlebt hat. »Ich liebe diese Geschichten, die mir die Leute manchmal erzählen.«
Sie scheint sich wohlzufühlen hinter der Theke. Immer wieder sieht man sie in freundschaftlichen Umarmungen, beim Schulterklopfen und dem vertraulichen Zusammenstecken der Köpfe beim Tuscheln. Wenn die Kunden, auch die fremden, ihr sympathisch sind, dann wird sie automatisch vertraulich, verzichtet kurzerhand auf umständliche Höflichkeitsformen und duzt ihr Gegenüber. Wenn dann der junge Mann plötzlich sagt: »Ich kann mich nicht erinnern, Ihnen das ,Du` angeboten zu haben!«, dann schauen sich die Mitarbeiter im Laden kurz an, warten, bis der Kunde wieder draußen ist, und fangen an zu lachen. Petra Köckeritz-Fehling versteht es einfach nicht, wenn die junge Frau, die ihr so gut gefällt, plötzlich zwei Schritte zurückgeht und Abstand wahrt. Erst später, wenn sie auf der Filmtüte den Namen Potente und dann auch noch Franka liest, versteht sie das reservierte Verhalten ihrer Kundin besser. »Die wollte eben ein bißchen distanzierter behandelt werden.«

Und da es viele Prominente in dieser Gegend gibt, die ihre Filme zu Petra Köckeritz-Fehling bringen, hat sie jüngst ihre Angestellten darum gebeten, mit dem freundschaftlichen »Du« in Zukunft etwas sorgsamer umzugehen. Obwohl sie es selbst am sorglosesten verwendet. Manchmal, sagt sie, sei sie sogar richtiggehend unhöflich. Wenn jemand zum Beispiel mit einem Hund hereinkäme, und sie sähe, daß der Hund durstig sei, dann ließe sie ihre gesamte Kundschaft erst einmal stehen und hole einen Topf Wasser für den Hund. Auch sonst sei sie nicht immer die lächelnde, nette »Petra«. Sie hat schon den einen oder anderen Besucher vor die Tür gesetzt. Die Namen ihrer Kunden kann sie sich auch nicht alle merken, und es käme schon einmal vor, daß jemand nach drei Jahren dann irgendwann beleidigt sei. »Berechtigterweise, aber …«

»Dat bin eben icke!«, sagt sie, und so ist sie auch. Wenn sie sich wundert, weshalb sogar Leute aus Potsdam die Filme zu ihr ins Labor bringen, dann wundert sie sich eben, und dann rutscht ihr auch so ein Satz wie dieser heraus: »Sag mal, gibt’s keinen Fotoladen auf dem Weg von Potsdam?« Was einen sensiblen ehemaligen DDR-Bürger schon vor den Kopf stoßen könnte. Andererseits weiß sie, daß man sie so, wie sie ist, akzeptiert. Und mehr noch: Man möchte sie und ihren Laden nicht mehr missen. Als sie kürzlich einmal laut darüber nachdachte, ihr geliebtes Kreuzberg doch vielleicht zu verlassen, um sich irgendwo im Süden Europas niederzulassen, da sprach sich das herum, und da kamen die Leute und fragten besorgt, ob sie das ernst meine. »Naja«, sagte sie, »vielleicht so in zehn Jahren!«

Jugend
Schon früh Verwandlungstalent. Foto: Privat

Denn eigentlich liebt sie ja ihre Arbeit und ihren Laden. Sie liebt es, hinter der Theke zu stehen, mit den Kunden zu plaudern, und abends, nach Feierabend, in ihrem Studio Porträtaufnahmen zu machen. »Jetzt lächeln Sie doch einmal!« – »Nein, ich will nicht lächeln!« – »Probieren Sie es doch mal!« – »Nein, ich will nicht lächeln!« – »Sie schauen aber viel besser aus, wenn Sie lächeln!« – »Nein, ich will nicht!« Irgendwie schafft sie es dann doch meistens. Und manchmal lächeln sie nicht nur, manchmal fangen sie plötzlich an zu lachen. »Ich hab da schon Sachen erlebt! Ich sag immer, ich schreib da mal ein Buch drüber. Aber da komme ich eh nicht zu. Jedenfalls ist das manchmal schon ziemlich komisch, und dann stehen wir erst einmal eine halbe Stunde nur noch da und lachen, bis wir endlich zum Fotografieren kommen«.

Sie hat eben eine besondere Gabe, diese Frau Köckeritz-Fehling. Geboren im fernen Reinickendorf, um sich dann ganz allmählich über den Wedding und Tempelhof an die Bergmannstraße heranzuschleichen. Sie besitzt die Gabe der Rede. Und sie hat diese Gabe im rauhen Klima des Berliner Nordens weiterentwickelt und die berühmte Rede mit Herz und Schnauze erlernt. Sie könnte ebensogut Würstchen oder Socken verkaufen, es würde funktionieren. Weil man ihr glaubt. Obwohl sie manchmal eine Perücke aufsetzt, sich schminkt, sich etwas anders kleidet. Sie hat Spaß an Verwandlungen und Inszenierungen. Deshalb verkauft sie auch lieber Fotos als Socken.

Sie blättert zehn Kontaktbögen auf, hunderte von Fotografien einer Fotosession, die sie mit Freunden vor einigen Jahren am Kreuzberger Wasserfall veranstaltet hat, mit einem großen Plastikelefant im Gepäck, Tarzan und Jane, Bergsteigern und Kanufahrern, und Petra als blonder Nixe mit Fischschwanz. Zu solchen Privatvergnügen hat sie jetzt nur noch selten Zeit. Aber in ihrem Schaufenster hängen gleich mehrere Fotografien von ihr, Petra Köckeritz-Fehling in allen möglichen Varianten. »Die meisten Leute merken nicht, daß das immer nur ich bin.« Vielleicht kommen sie gar nicht auf die Idee, daß diese Frau, die so wenig Umschweife macht und immer sie selbst zu sein scheint, sich so verstellen könnte.

Adrett
Foto: Privat
Auch die ehemaligen Klassenkameraden könnten sich wahrscheinlich nicht vorstellen, daß es die zurückhaltende Petra von damals ist, die hier so selbstbewußt hinter dem Tresen steht. Von damals, in Reinickendorf, als Petras Herz immer wieder aus dem Rhythmus kam, als sie zwei Tage pro Woche nicht zur Schule kam und wegen ihrer Kränkelei beinahe das Abitur verpaßte. Auch die ehemaligen Kolleginnen und Kollegen von der Staatsanwaltschaft würden sich wundern. Zwar lief sie schon dort manchmal mit Männerhemden und Krawatten herum und war »immer ein bißchen anders als die andern«. Aber glücklich war sie dort nicht. Und als aus der Diplomrechtspflegerin nach zwölf Jahren Dienst plötzlich eine »Beamtin auf Lebenszeit« wurde, als alle sie beglückwünschten, weil alle nur dieses Ziel vor Augen hatten: Beamtin auf Lebenszeit, keine finanziellen Sorgen mehr, einen gesicherten Arbeitsplatz, das Leben in geregelten Bahnen – da begann Petra Köckeritz-Fehling, sehr nachdenklich zu werden. »Auf Lebenszeit in diesem Büro?« Sie wollte aber nicht »da drinnen hocken, während die andern draußen waren«.

Es war 1989. Das Jahr der Wende. Zwar konnte sie damals »eine Fotokamera nicht von einer Mikrowelle unterscheiden«, aber als ihr Mann beschloß, in der Friesenstraße ein zweites Geschäft zu eröffnen, gab sie die Beamtenlaufbahn auf, stellte sich in den Fotoladen und lernte alles, was man lernen mußte, um Fotoapparate, Filme, Chemie, Filmentwicklungen, Paßfotos oder Porträts zu verkaufen. Seitdem ist sie eine andere.

Als kürzlich einer ihrer Stammkunden fragte: »Was ist denn mit Dir los? Du siehst so gut aus!«, antwortete sie: »Ich bin glücklich!« Darauf der Kunde ganz nachdenklich: »Wie machst Du das bloß?« – Da konnte sie wieder mal nur lachen. Denn das war ganz einfach gewesen. »Ich habe eines Tages beschlossen, zu lächeln. Und das war’s dann. Am nächsten Morgen bin ich aufgestanden, und alles war anders. Ich hab gelächelt, und die andern haben zurückgelächelt.«
wild
Foto: Privat
wild
wild
Und außerdem: »Ich will genau das machen, was ich mache!« Im Fotoladen stehen. Mit den Kunden reden. Porträts machen.

Natürlich zeterte die alte Beamtenseele in ihr ein wenig, als sie die sichere Existenz auf Lebenszeit aufgab. Aber im Grunde glaubte sie ohnehin längst daran, daß im Leben alles vorbestimmt sei. Zwar könne man hier und da mal ein bißchen vom Kurs abweichen, die eine oder andere Entscheidung fällen, aber eigentlich gehe es immer in eine Richtung. Mag sein, daß man nicht gleich versteht, wo es da eigentlich lang geht, und was das eine mit dem anderen zu tun hat: Die Beamtenlaufbahn mit der Liebe zur Fotografie, oder die Vorträge, die das Greenpeace-Mitglied Köckeritz 1993 im Haus der Familie über die Vorteile eines sogenannten Ökoputzschrankes hielt, – »ich war nämlich in der Wassergruppe« – mit der »Reiki«-Theorie, einer japanischen Lehre über die Einwirkungen kosmischer Energien auf den menschlichen Körper, mit der sich Petra Köckeritz-Fehling intensiv auseinandersetzte. Es mag auch sein, daß es nicht einleuchtet, warum ausgerechnet diese lebenslustige Person sich so intensiv mit dem Tod beschäftigt, warum diese aktive, vor Energie strahlende Geschäftsfrau darüber nachdenkt, einige Monate oder Jahre ihres Lebens damit zu verbringen, Sterbehilfe zu leisten. An die Betten der Alten und Todkranken zu treten. Aber wahrscheinlich ist sie auch dafür die Richtige. Sie hat die Gabe der Rede. Und sie hat schon einmal ein halbes Jahr damit verbracht, einen schwerkranken Freund zu besuchen, beinahe täglich, nach der Arbeit. Und irgendwann besuchte sie nicht mehr nur diesen einen, sondern wanderte auf der ganzen Station umher, um Geschichten zu erzählen, Hände zu halten, dazusein in diesen schweren, oft letzten Tagen.

»Ich liebe die Menschen!«, sagt sie, und sie meint es ernst, und man glaubt es ihr, auch wenn sie Herrchen oder Frauchen im Laden stehen läßt, weil der Hund gerade durstig ist. Weil sie Vierbeiner vielleicht doch mehr liebt als Zweibeiner. Aber … – »dat bin eben icke!« Und so ist sie eben. Voller Widersprüche und scheinbarer Gegensätze. Aber irgendwo läuft auch durch diesen zackigen Lebenslauf ein roter Faden, haben auch diese vielen Gesichter der Frau aus dem Fotoladen einen gemeinsamen Nenner. Denn egal, ob es gerade ein Hund, die Fotografie, die Sterbenden, ein Mann, eine Insel oder ein Herrenhemd mit Krawatte ist: Es ist immer die Liebe zur Gegenwart. »Ich will genau das machen, was ich gerade mache!«

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