Kreuzberger Chronik
April 2003 - Ausgabe 46

Die Literatur

Christine von Raussendorf: Einmal Kreuzberg Neuruppin


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von Christine von Raussendorff

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Irgend etwas hat sich verändert, irgend etwas ist dunkler geworden. Wenn jetzt »Putti« Schmidt und Onkel Charly kommen, sitzen die Männer mit ernsten Gesichtern beisammen. Mädi hockt sich zu ihnen. Sie hört öfter das Wort »Jude«, dabei sprechen sie leise, als könnte sie jemand belauschen. (…) Vater holt seine neueste Errungenschaft, ein herrliches Cello. Goldgelb ist es und hat einen wunderbaren Klang. Vater sammelt nicht nur Instrumente als Kapitalanlage, er spielt auch grandios Cello. (…) Und kaum einer hörte zu. Die Gäste aßen und tranken und unterhielten sich laut. Mädi war sehr böse darüber. Jetzt aber setzt er sich hin und spielt ein paar Läufe und alle hören aufmerksam zu. »Es gehörte Herrn Katzen-Ellenbogen«, sagt Vater leise, »von der Schultheiss-Patzenhofer Brauerei«. Alle gucken betroffen. Herr Katzen-Ellenbogen ist Jude. Und er ist geflohen. Vor den Nazis, sozusagen in letzter Minute. Vater kaufte ihm das Cello ab, da hatte er noch mehr Geld zur Flucht. Vater lebt gefährlich. Jüdisches Eigentum ist Staatseigentum.

Mädi sieht Gestalten in den Straßen, denn Menschen sind das doch nicht mehr. Bleiche, eingefallene Gesichter, herabhängende Schultern, so schleichen sie an den Häuserwänden entlang, als hätten sie Angst, sich bemerkbar zu machen. Mädi versteht das nicht, aber sie hat ein schlechtes Gefühl in der Magengrube, wenn sie diese gelben Sterne auf der Brust sieht. Warum zwingt man sie, so herumzulaufen? Vor wenigen Monaten hatte Mädi ein herrliches Erlebnis. Ein junger Bursche kam ins Wohnzimmer, mit einer Gitarre im Arm. Er setzte sich in einen Sessel und spielte und sang in einer fremden Sprache. »Das ist ungarisch«, sagte er strahlend. Alles an ihm strahlte vor Lebenslust und alles war braun, die leuchtenden Augen, die glänzenden Haare, die Haut, die langen, schmalen Finger, mit denen er so herrlich Gitarre spielen konnte. Varö hieß er mit Nachnamen. Sie waren beide allein im Wohnzimmer, er spielte nur für sie. Sie hat ihn nie wieder gesehen. Was wurde aus ihm? Seine Familie wohnte in der Kleinbeerenstraße, ein paar Häuser weiter von Dorle. Sie waren ungarische Juden. Immer wieder trieb es Mädi vor das Haus, und sie blickte vorsichtig nach oben in den 5. Stock. Ein paar Mal sah sie die ganze Familie noch, dunkel, dünn, mit dem Stern auf der Brust, aber er war nie mehr dabei. Sie sahen nicht zu ihr hin, aber sie wusste, man hatte sie bemerkt. Hellsichtig erkannte sie, dass man sie schützen wollte. Aber warum? Sie begriff es nicht. Früher waren sie Vaters Patienten, befreundet mit ihnen. Jetzt schauten sie an ihr vorbei. Und dann geschah etwas Entsetzliches: Eines Tages hingen keine Gardinen mehr an den Fenstern, die Wohnung war leer! Wo waren sie geblieben? Die Eltern, die große Tochter, der hübsche, braune Junge, sein kleiner Bruder? Es gingen Gerüchte um, dass nachts Menschen aus ihren Häusern geholt wurden und niemand sah sie je wieder. Sie wusste, es gab eine Gestapo, die Kommandozentrale lag ganz in der Nähe, um die Ecke herum. Dort sollte es einen Keller geben, worin Menschen eingesperrt wurden. Woher Mädi das wusste? Sie hatte gute Ohren und hockte, fast unbemerkt von den Erwachsenen, stets in der Nähe, wenn Vater sich mit seinen Freunden heimlich über so etwas unterhielt. Putti Schmidt war immer bestens unterrichtet. Ob Familie Varö auch dort in einem Keller saß? Mädi fühlte sich sehr elend, und irgendwo, tief innen drin, fühlte sie ein großes Schuldgefühl, das sie ihr ganzes Leben nicht mehr verlassen sollte. Aber was konnte sie tun? Sie war ja noch ein Kind, und selbst die Erwachsenen konnten nichts tun, im Gegenteil, niemand durfte davon etwas wissen, geschweige denn darüber reden. Und das war nicht das Allerschlimmste: sie durfte mit niemandem, wirklich mit niemandem, nicht einmal mit ihrer besten Freundin Sanne darüber reden, wenn sie nicht selbst alle abgeholt werden sollten. Niemand hatte ihr das gesagt, aber sie wusste es.

(Entnommen aus Christine von Raussendorff, Einmal Kreuzberg Neuruppin, »book on demand«, Christine v. Raussendorff) <br>

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