Kreuzberger Chronik
April 2003 - Ausgabe 46

Der Kommentar

Christine von Raussendorff


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von Hans W. Korfmann

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Beinahe jeden Monat erscheint in einem der großen Verlage ein Buch, in dem der Bezirk Kreuzberg auftaucht. Wer die Kreuzberger Chronik der letzten beiden Jahre durchblättert, kann das bestätigen: In kaum einem Berlin-Roman streift der Protagonist nicht mindestens einmal durch das Künstlerviertel der Siebziger, die Trödelhändlerkulisse oder die Szenen des politischen Widerstands.

Vor einigen Monaten veröffentlichte Christine von Raussendorff ein kleines Buch über das Kreuzberg der dreißiger und vierziger Jahre. Rückblicke in eine Berliner Kindheit. Einen namhaften Verlag konnte sie für ihre Erinnerungen nicht finden. Hätte sie einen literarischen Namen wie etwa Heinz Knobloch, hätte sie schnell einen Verlag für ihre Aufzeichnungen gefunden. Wäre sie eine bekannte Persönlichkeit aus Politik, Wirtschaft oder Showgeschäft, man hätte nicht einmal einen Ghostwriter zu engagieren brauchen. Christine von Raussendorff kann erzählen. So aber erschien das Büchlein als »book on demand« – und quasi im Eigenverlag.

Dabei wären diese Aufzeichnungen eines guten Lektorates und einer größeren Beachtung wert gewesen. Denn die Erinnerungen der Christine von Raussendorff sind ebenso scharfe wie sensible Beobachtungen. Es sind kleine, aus dem genauen Gedächtnis zitierte Details. Die Autorin erzählt frei von Sentimentalitäten und beleuchtet in prägnanten Sätzen Szenen aus einem Leben, über dem die dunklen Wolken eines diktatorischen Systems hängen. Sie kommt damit an nicht wenigen Stellen der geschichtlichen Realität näher, als es die vermeintlich objektiven Schreiber der Geschichtsbücher vermögen. Und sie schafft eine Spannung, die man so manchem fiktiven, mit allen möglichen Kunstgriffen gestalteten Roman wünschen möchte. Die kleinen Erzählungen der Autorin brauchen keine Tricks, sie bewegen sich ganz nah an einer Wirklichkeit, die beklemmend genug ist.

Dennoch blättert Christine Raussendorff nicht als selbstgefällige Ich-Erzählerin im geistigen Tagebuch. In »Einmal Kreuzberg Neuruppin« betrachtet sie die Welt durch die Augen eines Mädchens namens »Mädi« und nähert sich dadurch der zehnjährigen Christine aus der sicheren Distanz des Alters, ohne aber die kindlichen Empfindungen erst erdichten zu müssen. Sie beschreibt deutlich die Bedrohung, das geheimnisvolle Flüstern der Erwachsenen, die unausgesprochene Schweigepflicht, das plötzliche Fehlen der Gardinen in der Wohnung von Freunden im Nachbarhaus.

Aber sie beschreibt – im Gegensatz zu anderen Chronisten – keine hoffnungslose, düstere Welt. Sie erinnert sich, wie der Vater nie einen Hut trug, weil er stets so viele Leute grüßen mußte, daß es die Mühe nicht lohnte, ihn aufzusetzen. Wie Mädi weinend auf dem Klo sitzt und »aus nichtigem Anlaß nach der Mutter brüllt. Plötzlich ertönt über Mädi eine entsetzlich tiefe Stimme: ,Hier ist der Weihnachtsmann` (Es ist mitten im Sommer und warm draußen) Mädi sitzt einen Moment wie erstarrt vor Entsetzen. Dann fährt sie hoch und rast mit runtergelassenem Höschen durch die Wohnung: ,Der Weihnachtsmann, der Weihnachtsmann!` Es stellte sich dann heraus, dass Dr. Baer das Gebrüll hörte und durchs Wasserleitungsrohr ein bißchen erzieherisch eingreifen wollte.«

Dr. Franz Schulz, der ehemalige Bürgermeister Kreuzbergs, schreibt in seinem Vorwort zu Raussendorffs Buch: »Ihr persönliches Blickfeld mag eingeschränkt sein, bleibt aber keineswegs unreflektiert. Es erweitert vielmehr den Horizont des Lesers.« Auch aus diesem Grund wäre den Erinnerungen der Autorin eine breitere Öffentlichkeit zu wünschen gewesen. <br>

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