Kreuzberger Chronik
April 2003 - Ausgabe 46

Die Geschäfte

Kostüme im Hinterhof


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von Achim Fried

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Es riecht nach Stoff. Nach altem Stoff. So, als öffne man auf dem Dachboden nach Jahrzehnten einen alten Koffer, in dem sich lauter textile Kleinodien befinden. Mode aus den dreißiger, vierziger, fünfziger Jahren.

Die ganze Decke des Kostümverleihs im Hinterhof der Fidicinstraße hängt voll mit Gewändern. Mariko Korican-Pentagram angelt sie mit einem zwei Meter langen Holzstiel von der Decke: »Rüschenhemden, Kapitänsjacken, Kimonos oder hawaiianische Mumus, Kostüme für orientalische Tänzerinnen und den Bauchtanz, das perfekte Punkoutfit oder das originale Hippiekostüm mit Fransen und Sternchen aus den Roaring Sixties. Eben alles Mögliche und Unmögliche!«

300 Teile hat sie jetzt hier hängen, und noch immer einige unausgepackte Kartons im Keller. Denn Mariko Korican-Pentagram hat die komplette Kleidersammlung ihrer Mutter eingepackt und nach Kreuzberg verschiffen lassen. Einen Fundus, dessen Grundstock einmal einige Kostüme für ein Theaterstück waren, das Tochter Mariko mit der Schauspielgruppe der Schule hatte aufführen sollen. Später schneiderte und sammelte die Mutter auf den Flohmärkten und in Kleiderlagern die Ausstattungen für die verschiedensten Theater in einer kleinen Stadt, die Olympia heißt und die Hauptstadt des Staates Washington in den USA ist. Die Kostüme hat sie alle im Keller aufbewahrt und ihre zweite Tochter, passend zum Namen des Heimatortes, auf den Namen Athina getauft, die dritte Daria Rose.

Doch eine Karriere am Theater, wie es sich die kunstbeflissene Mutter vielleicht heimlich gewünscht hatte, machte keine der drei Töchter. Es blieb bei der Liebe zum Kostümieren. »Natürlich haben wir alle drei einen Kleidertick! Und noch heute ziehen wir manchmal abends in voller Montur los, mit Perücken und in ausgeflippten Klamotten. Das macht Spaß. Und die Leute sind dann offener!«

Dekoration
Das passende Kostüm zur Weltlage Foto: Dieter Peters

Denn diese Offenheit der Leute vermißt die Amerikanerin in Berlin. Das können sie hier nicht: einfach nur Spaß haben. In Amerika, sagt sie, sei man offener als in Berlin. Und überhaupt sei Amerika ganz anders, als die Berliner gemeinhin so glauben. »Das Amerika, das ich kenne, ist kreativ, lustig, spontan, und es nervt mich manchmal, immer wieder auf dieses stereotype Urteil über Amerika zu stoßen. Immer die gleichen Geschichten. Aber Amerika ist so groß!«

Heimweh hat Mariko Korican-Pentagram jedoch keines. Manchmal vermißt sie die amerikanische Landschaft; eine Stunde, und man war am Meer, und eine Stunde, dann war man in den Bergen, auf denen den ganzen Sommer über der Schnee nicht schmolz. Und eine halbe Stunde, dann waren sie in Seattle.

Aber hier, der kleine Kostümverleih im Hinterhof, die Tische, an denen man im Sommer draußen in der Sonne sitzen und Kaffee trinken kann – das ist schon eine Idylle. Und es macht Spaß, wenn die Leute kommen und für ihre Partys das passende Outfit suchen. »Wer möchten Sie gerne sein?«, fragt die Kostümverleiherin auf einer Postkarte, von der fünf junge, in Gewänder vergangener Jahrhunderte gekleidete Frauen ins Herz des Betrachters blicken: »Eine Prinzessin? Ein Gangster? Robin Hood? Eine Piratin?« Das schöne Foto auf der Karte hat die Mutter noch in Olympia machen lassen, und die beiden Mädchen auf der linken Seite sind Mariko und Athina. Die verlockende Frage aber hat Mariko Korican-Pentagram formuliert: »Wer möchten Sie gerne sein?« Nichts ist unmöglich. Sobald Sie in der Umkleidekabine in den Spiegel blicken, werden Sie feststellen: Kleider machen Leute.

Die meisten kommen natürlich wegen der Themenpartys oder Kostümbälle. Da stand einer in der Tür und brauchte dringend ein Tierkostüm. Er war ganz glücklich mit seinem braunen Ganzkörperfell und dem langen Rattenschwanz. Oder die Studenten, die alle irgendwie nach Humphrey Bogart aussehen sollten, mit Hut, Zigarre, hellem Anzug. Einer von ihnen verließ den Laden in einem goldenen Cowboyjackett. Es stand ihm nicht mal schlecht. Und auch die Studentinnen, die Mariko Korican-Pentagrams Kostümverleih in Negligés und sexy Unterwäsche wieder verließen, sahen umwerfend gut aus.

Postkarte
Manche sollen sich nach dem Wochenende im entliehenen Outfit so wohl in der neuen Haut fühlen, daß sie die Sachen gar nicht mehr hergeben möchten. Sie sind in eine neue Rolle geschlüpft. Aber Verkauf ist Tabu im Kostümverleih. »Obwohl – wenn mir einer ein paar Tausender hinblättert, dann würde ich wahrscheinlich schwach werden!« Im Grunde aber hängt Mariko Korican-Pentagram an ihren 300 Kleidern, als wären es die liebsten und ältesten Stücke ihrer persönlichen Garderobe. Und im Grunde ist der kleine Kostümverleih im Hinterhof auch gar nichts anderes als ein überdimensionaler Kleiderschrank. Mit großem Kühlschrank, Kaffeemaschine, zwei Sesseln und einem Tisch zum Abstellen der dampfenden Kaffeetassen.

Manchmal kommen Künstler von den Kleinkunstbühnen bei ihr vorbei – gleich nebenan ist das Theater Friends Of Italian Opera –, inspizieren die Federboas oder die Hutauswahl oder die Schuhkollektion auf dem besteigbaren Hängeboden. Irgend etwas findet sich immer. Vielleicht liegt es daran, daß man sich wohl fühlt in dem kleinen Raum, der so anders ist als ein Kaufhaus. Vielleicht liegt es an der Glaubwürdigkeit der Kostümverleiherin mit ihrem Kleidertick, an ihrem unaufdringlichen Geplauder. Vielleicht liegt es an der großen Umkleidekabine, in die man auch zu zweit bequem hineinpaßt, und an der Atmosphäre des Raumes, an diesem Chaos aus Stoffen und Kleidern und Accessoires und der Nähmaschine in der Ecke. Vielleicht aber liegt es auch nur an diesem Geruch, der an geheimnisvolle Schätze in einem alten Koffer erinnert, den man irgendwann einmal auf irgendeinem staubigen Dachboden geöffnet hat. <br>

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