Kreuzberger Chronik
April 2003 - Ausgabe 46

Die Freizeit

Im Jüdischen Museum


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von Ernst Hoffmann

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Als man anläßlich der Eröffnung am 13. September 2001 über das »Jüdische Museum« berichtete, sprach und schrieb man viel über Architektur und Gestalt des neuen Hauses. Auch jetzt, da Libeskind den Platz am berühmten Ground Zero bebaut, wird sich daran nicht viel ändern. Ähnlich wie in den über die Welt verstreuten Guggenheim-Museen ziehen schiefe Ebenen, spitze Winkel und zur Interpretation verführende, weil funktionslose Bauelemente den Blick auf sich.

Als Eingangshalle des Jüdischen Museums dient das einstige preußische Kammergericht. In ihm ist die Garderobe untergebracht, der Museumsshop, die Toiletten und das Museumsbistro sowie die Sicherheitsschleuse, in der Gepäck und Kleidung durchleuchtet werden. Es herrscht, entschied die Berliner Polizei, Sicherheitsstufe 1, und im Eingangsbereich geht es zu wie vor einem Flug in die USA.

Neben dem prächtigen Altbau steht dann, einige Meter entfernt, der metallverkleidete Betonbau Libeskinds, scheinbar türlos und ohne sichtbaren Übergang zum Altbau. Als gäbe es keine Verbindung von der Vergangenheit zur Gegenwart. Man muß durch einen unterirdischen Gang gehen, (auch das ein versteckter Hinweis?) um Zutritt zur Geschichte des jüdischen Volkes zu erhalten. Steigt viele Treppen in den zweiten Stock, wo ein blühender Granatapfelbaum steht, Symbol für den Beginn des jüdischen Jahres, und Symbol für den Beginn des Rundgangs.

Ein Video rollt kurz die biblische Vorgeschichte auf, in Schaukästen stehen Körbe mit Gewürzen, liegen Felle und gewebte Stoffe, Waren, mit denen die jüdischen Händler seit dem 8. Jahrhundert ausgedehnten Handel betrieben. 200 Jahre später zeigten sich bereits erste Anzeichen von Hetze und Verfolgung des umtriebigen Volkes, und im 14. Jahrhundert macht man die Juden bereits für die Ausbreitung der Pest verantwortlich. Sie sind zum Feindbild geworden. Das ist die dunkle Seite der jüdischen Geschichte.

Dennoch gab es immer wieder Orte, die zu Zentren des jüdischen Lebens wurden. In Deutschland waren es vor allem die Städte Worms, Mainz und Speyer. Fotografien belegen, wie sehr die jüdische Tradition in diesen Städten lebte. Auch Berlin war ein Ort jüdischen Lebens, und es gab nicht nur die »Land-« sondern auch die sogenannten »Hofjuden«. Gemäldegalerien bedeutender jüdischer Persönlichkeiten schmücken die Wände. Bleichröder hängt da, der Finanzberater Bismarcks, Moses Mendelssohn ist ein eigener Raum gewidmet, Rahel Varnhagen hat ihren Platz im Museum, die große Berliner Salondame, bei der alle bedeutenden Künstler der Stadt verkehrten. Im jüdischen Museum offenbaren sich nicht nur die Tiefpunkte der deutsch-jüdischen Geschichte, sondern auch ihre glanzvollen Höhepunkte.

Einblicke ins Private sind selten. Merkwürdig, diese Filmausschnitte aus dem Privatarchiv einer wohlhabenden jüdischen Familie, »Familienbilder«, aufgenommen in den Jahren zwischen 1933 und 1936, als sich der Himmel über Berlin schon verfinstert hatte. Dennoch Aufnahmen glücklicher Kinder beim Baden im See, einer lustigen Ruderfahrt, einer Rodelpartie. Nirgends in den Gesichtern eine Spur von Skepsis oder Vorahnung. Ebensowenig wie in diesem Brief der ahnungslosen 17jährigen Steffi, die aus dem Konzentrationslager noch voll spürbarer Vorfreude an ihre Eltern schreibt, daß sie morgen »eine Reise machen werde«. Die Reise ging nach Auschwitz, zwei Tage später war sie tot.

Es ist das letzte kleine Gedenkfenster vor dem »Holocaust-Turm«, einem schiefwinkligen, haushohen Betonschacht ohne Fenster, ohne Blick in die Freiheit. Kalt ist es, irgendwo pfeift der Wind. Die eisernen Sprossen einer Leiter, die nach oben führen und die aus bautechnischen Gründen in den Beton eingelassen wurden, beginnen für die Menschen, die unten stehen, in unerreichbarer Höhe. Zufall – oder wieder eines der steinernen Symbole des Architekten? <br>

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