Kreuzberger Chronik
September 2002 - Ausgabe 40

Herr D.

Herr D. bekommt Besuch


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von Hans W. Korfmann

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Herr D. wachte auf. Er verspürte ein leichtes Grummeln im Magen. Es war Samstag, Besuch hatte sich angekündigt. Besuch aus der alten Hauptstadt, der die neue Hauptstadt kennenlernen wollte. »Jetzt, wo einer von uns da ist!«, hatten sie gesagt.

Herr D. dachte daran, sich einen Reiseführer zu besorgen. Der hätte ihm die Stadt von einer ganz anderen Seite zeigen können. Selbst Menschen, die fünfzig Jahre in irgendeinem trostlosen Winkel in Brandenburg wohnten, wunderten sich beim Blick in einen Reiseführer, wie nett es eigentlich in ihrem Heimatort war. Diese Bücher waren von einer Art christlichem Optimismus unterwandert. Doch Herr D. verwarf den hinterhältigen Plan, denn er sollte sie in die geheimnisvollsten Winkel Berlins führen.

Vielleicht gehen wir zum Ku’damm, schlug er vor. Sein Besuch zog die Stirnen in Falten. »Wir könnten ins KaDeWe gehen, da regnet es nicht.« Der Besuch wandte ein, daß Anna sich nicht wohl fühle in Kaufhäusern.

Anna war im zarten Alter von fünf Monaten. Anna lächelte D. an, und D. lächelte zurück, so gut er konnte. Wahrscheinlich würde ihr das Lächeln bald vergehen. Denn bei diesen Menschen hier funktionierte das nicht: Einmal grinsen, und schon grinsen alle zurück. Nicht bei den Berlinern.

»Wo ist denn hier eigentlich die Mauer?«, fragte plötzlich der Besuch. D. überlegte. Er hatte noch nie etwas von der Mauer gesehen. Von der Mauer war nichts mehr übrig. Man hatte das Mahnmal des kalten Krieges lückenlos entfernt. »Na ja, wir können ja unterwegs jemanden fragen!«, sagte der Besuch. Herr D. riet davon ab. Die Berliner seien manchmal etwas wortkarg. Dann fiel ihm etwas ein: die East Side Gallery! Ein Stück Mauer am Ostbahnhof. Eine finstere Gegend. Die Berliner Bronx sozusagen. Aber wenn der Besuch unbedingt die Mauer sehen wollte: Bitte!

Also marschierten sie los, über die Oberbaumbrücke und die Spree, vom einstigen Westen in den einstigen Osten, über die schiefen Granitplatten, an den Industriebrachen vorüber, immer trostloser wurde das Gelände. »Sagen Sie, wo ist denn hier die Mauer?«, fragte der Besuch einen bärtigen Mann, der plötzlich vor ihnen auftauchte. »Hier sind lauter Mauern. Weeß ick doch nich, wo hier die Mauer is.« Herr D. empfand bei dieser Antwort so etwas wie Genugtuung. Er hatte die kleine Anna auf dem Arm und lief ganz hinten im Troß, der unter den grauen Regenschirmen wie eine Delegation von Westagenten aussah, die zur Glienicker Brücke marschierte. Noch zweimal fragte der Besuch vergeblich nach dem Weg. Dann tauchten einige wegelagernde Punks mit schwarzen Hunden und silbernen Ketten auf. Der Besuch ging schnell vorüber, Herr D. aber erkannte die Gelegenheit. Die jungen Leute erklärten ihm den Weg gleich zweimal. D. hatte den Euro schon in der Hand. Herr D. kannte sich aus in der Stadt. »Berliner sind nur freundlich, wenn sie etwas dafür kriegen«, erklärte D. seinem Besuch. »Reden tun sie eigentlich nie. Nicht mit Fremden jedenfalls. Nur untereinander.«

Endlich stand Herr D. mit seinem Besuch und Anna auf dem Arm vor der bunten Mauer, da hörte er hinter sich eine Stimme. »Eieiei …« Herr D. drehte sich um. Eine alte Frau mit einem Dackel an der Leine streichelte Annas Hand. »Eieiei … Das ist aber ein schönes Kind! Eieiei …« Die Frau hatte glänzende Augen, und Anna strahlte wie an Weihnachten. »Das ist mir noch nie passiert, daß mich jemand hier auf der Straße anspricht«, lachte Herr D. und hob die Schultern. Vor dem Bahnhof aber war es eine junge Frau, die plötzlich mit der kleinen Anna zu flirten anfing, und eine ältere Dame im Pelzmantel blieb stehen, um das Kind mit Gottes Segen auszustatten. Am Ende mußte Herr D. sogar dem Busfahrer erzählen, daß Anna fünf Monate, ein Mädchen und nur zu Besuch in Berlin sei.

Es war ein gelungener Spaziergang. Der Bonner Besuch fand, daß Berlin eine außerordentlich freundliche Stadt sei. Sogar bei diesem Wetter. Herr D. war still geworden und betrachtete nachdenklich diese kleine Anna. Er konnte nichts besonderes an ihr entdecken. Es mußte an den Berlinern liegen. <br>

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