Kreuzberger Chronik
Oktober 2002 - Ausgabe 41

Strassen, Häuser, Höfe

Lucinde (2):
Grimmstraße - Teil 2



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von Jürgen Jacobi

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Über vieles grämt man sich, nur nicht über schlechtes Deutsch.« Die Aussage könnte von einem engagierten Kultusminister vor Erscheinen der PISA-Studie stammen. Sie stammt jedoch von Jacob Grimm, der zusammen mit seinem Bruder Wilhelm nicht nur für den Bestseller »Kinder- und Hausmärchen« verantwortlich zeichnete, sondern auch sein halbes Leben lang am ersten deutschen Wörterbuch arbeitete. Er bringt in dem Zitat auch keineswegs Enttäuschung über eine miserable Bildungspolitik zum Ausdruck. Nein, er beklagt sich nach einem seiner vielen Spaziergänge durch den Tiergarten über die Verwendung französischer Fremdwörter auf Hinweisschildern.

Gelegenheiten, sich zu ärgern, gab es für die beiden Brüder genug. Auf Betreiben Bettina von Arnims wurden Jacob und Wilhelm Grimm 1840 an die Universität von Berlin berufen und wohnten bis an ihr Lebensende in der Nähe des Tiergarten. Nach einer fast fünftägigen Umzugsreise – Saale und Mulde waren im Frühjahr 1841 über die Ufer getreten – beziehen die inzwischen renommierten Brüder zusammen mit der Frau Wilhelms, Dorothea, ihr Domizil in der Lennéstraße, »… zehn Stuben mit Balcon«. Der Weg zur Universität ist also nicht weit, und Jacob »… legt den Weg stets ohne Stock zurück, den Kopf nach vorne geneigt, die linke Hand auf dem Rücken.«

Die beiden Brüder gewöhnen sich schnell an das Großstadtleben, Einladungen der High Society sind beinahe an der Tagesordnung. Wilhelm vermerkt über einen Besuch bei Minister Savigny: »Kein Tischtuch wird aufgelegt, das ist gegen den feinen Stil, man stellt den Teller direkt auf den Mahagonitisch. Frau v. Savigny empfängt im Sitzen, man kommt kurz vor neun, kann aber auch erst eine halbe Stunde später erscheinen.« Das Leben der Ministerfrau scheint ein einziger Gesellschaftsabend gewesen zu sein. Und weiter: »Im übrigen ist man ganz ungeniert, kann aufstehen, sich setzen, zu wem man will … man geht, wann man will und kann auch jeden Abend hingehen.«

Als sich eines Abends die Einladungen des Königs und seines Ministers Savigny überschneiden, treffen die beiden Brüder auf einen leeren Salon und tun sich gütlich an »Hecht, Trüffelpastete, Frikassee und Orangeneis«. Tischlein deck dich im vorrevolutionären Berlin der Armenspeisungen. Ihre Arbeit am deutschen Wörterbuch blieb während dieser angenehmen Jahre liegen, in den 50er Jahren aber zogen sich die beiden dann fast völlig vom gesellschaftlichen Leben zurück.

Doch das Leben hat noch einige unangenehme Überraschungen für die Brüder parat. Am Geburtstag Wilhelms im Jahr 1844 zieht ein Fackelzug von Studenten vor das Haus der Brüder in der Lennéstraße und läßt ihn hochleben. Hoffmann v. Fallersleben, im Hause anwesend, wird von den Studenten erkannt und auf die Straße gebeten. Der Autor des Liedes Deutschland über alles war kurz zuvor vom Preußenkönig seines Amtes als Professor an der Uni Breslau enthoben worden. Das Berufsverbot galt einem Demokraten, der in den Zeiten der Kleinstaaterei nach einem vereinten Deutschland rief und somit ein Idol der gesamten Studentenschaft war.

Die Versammlung der Studenten vor dem Hause Grimm gerät zur Solidaritätskundgebung, schon am folgenden Tag drischt die reaktionäre Presse auf die Brüder ein. Absprachen mit den Studenten werden ihnen unterstellt. Selbst demokratisch gesinnte Freunde beziehen nicht eindeutig Stellung. Fallersleben wird aus der Stadt gewiesen, ein Student fliegt von der Uni, ein Doktor Meyer erhält Festungshaft von viereinhalb Monaten, und die Grimm-Brüder stecken in der Zwickmühle. Sie winden sich, doch eine Diskreditierung in gehobenen Kreisen scheint unausweichlich. Denn einerseits hat sie der Preußenkönig Friedrich Wilhelm aus dunkler Verbannung ins Licht der Berliner Geistesgrößen gestellt, andererseits verbindet sie mit dem umstrittenen Fallersleben nicht nur eine langjährige Freundschaft: Das geeinte Deutschland war ihr gemeinsames politisches Ziel. Eine schnell verfaßte Presseerklärung der Brüder gerät zum Zickzackkurs, die Aufregung legt sich erst langsam. Jacob braucht Jahre, um sich mit Fallersleben zu versöhnen, und Wilhelm spricht bis an sein Lebensende kein Wort mehr mit ihm.

Im April 1846 ziehen die Brüder in die Dorotheenstraße 47, nicht weit vom Brandenburger Tor. Die Wohnung ist nur schlecht zu beheizen, Jacob friert in seinem Arbeitszimmer und wickelt sich ein altes Tuch um die Beine. Bis ihm eine Verwandte eine wollene Decke strickt und zusendet. Während einer Germanistentagung in Frankfurt versäumt es Wilhelm zum Glück, die Miete zu bezahlen. Ihnen wird gekündigt und sie wohnen bis an ihr Lebensende in der wärmeren Linkstraße.

Zehn Jahre später berichtet Wilhelm seinem Bruder Ludwig Emil über die Ausdehnung der Stadt in Richtung Westen: »In unserer Nähe wird immerzu gebaut, an dem neuen Kanal, den Du noch nicht gesehen hast, und der sogar einen kleinen Hafen hat, wächst ein Haus nach dem anderen hervor, und es gibt da eine neue Stadt. Eine Schelling- und Eichhornstraße sind bald ganz fertig mit großen und schönen Gebäuden, und die Leute ziehen ein, wenn die Wände noch feucht sind. Dafür werden auch die Mieten immer teurer.«
Dort klopft eines Tages ein Mädchen an die Haustür und wird in ein Arbeitszimmer geführt.
Die Wände scheinen aus Büchern zu bestehen. Auf dem Fußboden stapeln sich die Bände. Auf dem Arbeitstisch liegen Manuskripte. Kein Eckchen auf dem Tisch ist frei, nicht einmal für eine Tasse heiße Schokolade. Eingeschlossen von all seinen Büchern sitzt ein Mann mit schlohweißem Haar. Aus seinen himmelblauen Augen richtet er seinen ernsten Blick auf den unerwarteten Besuch. Das Mädchen will wissen, ob er das Märchen vom tapferen Schneiderlein geschrieben habe, in dem es am Ende heißt, das jeder einen Taler bezahlen müsse, wer es nicht glaube. Ja, sein Bruder und er seien es gewesen, nickt der Alte verwundert.

»Nun sieh, die Geschichte glaube ich nicht, denn ein Schneider wird nimmer eine Prinzessin heiraten. Den Taler kann ich dir aber nicht gleich geben, hier hast du vorerst einen Groschen, das übrige werde ich dir nach und nach bezahlen.«

Ob das Mädchen sein Versprechen eingelöst hat, ist nicht bekannt. Sicher aber ist, daß unzählige kleine und große Kinder den Brüdern Dank für viele Stunden des Hoffens und Bangens, des Staunens und Schauderns schulden. Wenn obendrein alles ein märchenhaftes Ende findet, auch ohne Rambo und Terminator, wer möchte nicht daran glauben?


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