Kreuzberger Chronik
Oktober 2002 - Ausgabe 41

Die Literatur

Herbert Witzel: Die geplatzte Tupperparty


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Autor unbekannt

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Hauptkommissar Bernd Müller saß am Frühstückstisch hinter der Tageszeitung, während seine Frau mit blitzenden Kastanienaugen in ihrer Tasse rührte.

»Sag mal, Müllerchen«, fing sie vorsichtig an, »was hältst du denn davon, wenn ich zum nächsten Sonntag meine Mutter einlade?«»Nicht viel«, brummte Müllerchen im Brustton der Überzeugung und blätterte geräuschvoll um. »Schatz, du hast doch auch diesen kleinen Sprachkurs in der Zeitung verfolgt – wie heißt eigentlich ZIMMERLAUTSTÄRKE auf Kreuzberger Platt?«

Seine Frau dachte nach. »Ich glaube, dafür gibt es kein Wort«, sagte sie.
»Glaub ich auch«, nickte er.
»Freut mich, daß wir uns mal wieder einig sind«, blockte sie kurz entschlossen den Themenwechsel ab. »Soll ich Mama gleich anrufen, oder erst nach 21 Uhr, wenn es billiger ist? – Ach, und dann fahr doch bitte nachher noch bei Feinkost-Droste vorbei, Mama mag ja Hasenbraten so gerne! Aber bring nicht wieder einen, der voller Schrotkugeln ist wie letztes Mal, hörst du, Müllerchen?«

Zwounddreißig Minuten später hechtete der Hauptkommissar durch die Bürotür, ließ sich in seinen Schreibtischsessel fallen, krächzte: »Tach, Herr Krahlmann!« zur Begrüßung und mußte erst mal verschnaufen.
»Hallo, Chef«, antwortete fröhlich Herr Krahlmann, »alles klar?«

Müller nickte mit letzter Kraft. »Im Prinzip ja. Wissen Sie, meine Frau und ich, wir sind ein ganz, ganz tolles Team, nämlich. Alle wichtigen Entscheidungen treffe ich, und sie kümmert sich um die Nebensachen. Und was soll ich Ihnen sagen, Herr Krahlmann – jetzt sind wir über zwanzig Jahre verheiratet, und noch nie gab es eine wichtige Entscheidung.«

Nach Feierabend steuerte er seinen blauen BMW mühsam durch den Berufsverkehr Richtung Feinkost-Droste. Dortselbst stellte er sich an die Wildbret-Theke. Sehr gründlich musterte er von links nach rechts die sieben Hasen, die da mit den Löffeln nach unten herumhingen.

»Sie wollen also einen Hasen kaufen, junger Mann«, stellte die Verkäuferin nach drei Minuten fest. Müller freute sich über das Kompliment. »Wissen Sie denn auch schon, welchen?«

Der Hauptkommissar überlegte. »Haben Sie vielleicht einen dabei«, fragte er schließlich, »der sich die Pulsadern aufgeschnitten hat?«

Bis Sonntag hatte Müller alles vergessen. Als es ganz früh klingelte, noch vor dem Aufstehen, lief er schlaftrunken durch den Flur, öffnete und rieb sich die Augen: »Nanu, Schwiegermutter, was machst du denn hier draußen vor unserer Wohnungstür in dem zugigen, ungemütlichen Treppenhaus? Geh doch lieber dahin, wo du hergekommen bist …«

Plötzlich tauchte seine Frau neben ihm auf. »Herzlich willkommen, Mama!«, rief sie, und damit gab es heute schon wieder nichts Wichtiges zu entscheiden im Hause Müller.

Am Montagmorgen rief der Hauptkommissar im Dienst an, daß er heute aus dringenden, privaten Gründen zwei Stunden später komme. Daran hielt er sich auch.

»Ist ja praktisch jetzt mit dem neuen Ostbahnhof, Herr Krahlmann«, sagte Müller, als er endlich hinter seinem Schreibtisch saß. »Vorhin hab ich meine Schwiegermutter dort zum Zug gebracht, und das ging denn doch wesentlich schneller, als wenn ich erst mit dem Auto durch die ganze Stadt zum Bahnhof Zoo gerast wäre. Hätte ich gar nicht gedacht, daß die Wiedervereinigung auch Vorteile bringt für unsereins.

Herr Krahlmann schluckte, er mußte das erst verdauen. »Aber warum, Chef«, fing er sich endlich wieder, »warum haben Sie so schwarze Hände?«

»Ach, Herr Krahlmann«, strahlte Müller, »wissen Sie, ich war so glücklich, als meine Schwiegermutter endlich im Zug saß, also, da bin ich noch kurz vor der Abfahrt nach vorn gerannt und habe die Lokomotive gestreichelt.« <br>

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