Kreuzberger Chronik
Oktober 2002 - Ausgabe 41

Die Geschäfte

Der Diplombastler


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von Ulf Mailänder
Fotos: Wolfgang Krolow


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Ein graues selbstgebasteltes Schild mit der Aufschrift »An- und Verkauf – Heimwerkerbedarf« weist den Weg in einen Keller der Fürbringerstraße. Eng und kühl ist es, das Auge braucht eine Weile, um die Vielfalt der Dinge im matten Neonlicht zu erfassen: Regale mit Schrauben, Nägeln, Pinseln und Farben. Sanitärbedarf, Faxgeräte, Bohrmaschinen, Heimwerkersägen, Flexschleifer, eine Zimmermannshose, Autobatterien, Videogeräte, Radios stapelweise – eine bunte Mischung von allem, aus dem man noch etwas machen kann.

»Meine Arbeit ist viel Ruhe«, sagt Mohammed Sakran. Es ist Zeit für einen Plausch in der Sofaecke. Arabische Nachbarn sind da, haben Tee und Süßigkeiten mitgebracht, man sitzt und raucht, umgeben von einem Fernseher, Kitschgemälden und dem großen Schreibtisch. Kunden kommen nur wenige am Tag, gerade ist es eine Studentin, die einige geschwungene Berliner Gründerzeitwände mit Fußleisten verzieren will. Mohammed findet passende Dübel, gibt einige Tips. Büro, Ladenraum und Werkbank auf engstem Raum – das weckt Erinnerungen an andere Länder.

Mohammed ist ein Flüchtlingskind. Seine Eltern lebten in Palästina und flohen 1948 vor den Kämpfen bei der Errichtung des Staates Israel. Sie fanden eine provisorische Bleibe in einem Lager im Libanon. Dort wurde Mohammed 1960 als viertes Kind der Familie geboren. Als 1975 der Bürgerkrieg im Libanon ausbrach und die rechtsgerichteten christlichen Falange-Milizen mit Unterstützung der israelischen Armee das Lager Tel al Zaatar angriffen, floh die Familie ins nächste Lager. Mohammed aber ging mit einigen anderen Jugendlichen als Partisan in die Berge. Er wurde Mitglied von Arafats PLO. Er darf bis heute als staatenloser Aktivist weder in den Libanon noch in seine palästinensische Heimat zurück. So kam es, daß Mohammeds Eltern starben, ohne daß er sie wiedersehen konnte. Aber »eines Tages wird die Welt begreifen, was meinem Volk angetan wird«.

Trotz aller Startschwierigkeiten konnte Mohammed auf einer Schule der UNICEF sein Abitur machen. Er studierte – wieder an einer Hochschule der UNICEF, und wieder in einem Lager – bis er sein Diplom als Bauingenieur erwarb. Als 1982 der israelisch-libanesische Krieg begann, wanderte er nach Bulgarien aus und begann mit dem Architekturstudium, ausgerüstet mit einem jener fünfzig Stipendien, die der sozialistische Staat staatenlosen Palästinensern zur Verfügung stellte. Er lernte Bulgarisch, das er bald ebensogut sprach wie Englisch und Arabisch. Und er lernte ein Mädchen aus Ostberlin kennen. Als er 1991 das Studium abschloß, zog es ihn nach Deutschland. Dort beantragte er Asyl, und 1994 erhielt er eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung.

Doch damit waren die Probleme nicht aus der Welt. Zwar hatte er eine Arbeitserlaubnis als Architekt und Bauingenieur, doch Arbeit bekam er damit noch nicht. Mohammed fehlte die Berufserfahrung, und das zu einer Zeit, als die Goldgräberstimmung nach der Wende in Berlin längst gekippt war und auch erfahrene Architekten kaum Arbeit fanden. Mohammed lebte von Sozialhilfe, fand kurze Jobs, kellnerte und putzte. Seine guten Zeugnisse und das abgeschlossene Studium hatten große Träume in dem jungen Mann wachsen lassen. Jetzt brachen sie zusammen. Er zeichnete Baupläne für Restaurants, ohne Bezahlung, half bei Einbauten und Renovierungen, ohne Bezahlung, nur um ins Geschäft zu kommen. Genutzt hat es nichts. Doch immer sprach eine Stimme in ihm: »Du wirst Deinen Weg noch finden.«

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Foto: Wolfgang Krolow
Durchhalten hat er gelernt. Die Armut, fünf Jahre in den gleichen Schuhen, der Krieg, die Verletzung der Hüfte, die ihm in Deutschland den Status des Invaliden eingebracht hat … – all das hat ihn nie resignieren lassen. Jetzt saß er in teueren Weiterbildungskursen für Akademiker, gemeinsam mit deutschen Soziologen und Politologen, lernte Bewerbungen schreiben, erwarb Computerkenntnisse. Doch bezahlt machte sich das nur für die Veranstalter.

Also richtete er sich in einem Keller der Fürbringerstraße sein »Atelier« ein. Da saß er nun und reparierte Maschinen, die er auf der Straße oder auf dem Flohmarkt fand. Bald häuften sich Maschinenteile, Schrauben, Muttern und Nägel aller Größen bei ihm. Das sprach sich herum. Und wenn einer ein Bild aufhängen wollte und nicht gleich eine Packung Nägel für den Rest seines Lebens zu kaufen gedachte, dann ging er zu Mohammed. Mohammed hatte ein Eldorado für Bauhausallergiker geschaffen. Also beschloß er, sich selbständig machen. Auf die Frage nach seinem Geschäftskapital antwortete er zur Erheiterung seiner Sachbearbeiter: »Mein Kapital ist mein Kopf.« Tatsächlich erhielt er nach den üblichen bürokratischen Komplikationen sogar ein Überbrückungsgeld – für sechs Monate. Dann müsse er in der Lage sein, sich und seine vierköpfige Familie wenigstens auf Sozialhilfeniveau zu halten.

Mohammed hielt seinen Laden bis zum Abend geöffnet, knüpfte Kontakte zu den Nachbarn, besorgte für seine Kunden alles , was er auf den Flohmärkten finden konnte. Nach einem halben Jahr erwirtschaftete er 800 Mark im Monat. Zu wenig zum Leben, und auch wenig genug, um seine Idee vom eigenen Laden aus Amtssicht sterben zu lassen. Man bot ihm wieder neue Umschulungen und wieder Sozialhilfe an.

Aber Mohammed wollte seinen Laden nicht mehr aufgeben. »Essen, Trinken, Schlafen und Ficken – das ist doch kein Leben«, sagt er. »Sind wir Menschen so klein?« Er kämpfte um eine zweite Chance, nahm mißtrauische Auflagen wie monatliche Umsatzsteuererklärungen in Kauf, deren Steuerberaterstempel ihn jeden Monat 50 Euro kosteten. Er ließ sich nach den Abrechnungsmodalitäten jedes gefahrenen Autokilometers befragen, er bewies Geduld. Aber er bekam eine zweite Chance. Durchhalten hat er gelernt.

»Ich will die Bastelwerkstatt meiner Straße sein«, sagt Mohammed und meint damit halb Kreuzberg. Im Herbst will er Handzettel verteilen. Er muß raus aus dem Keller, ans Tageslicht, man muß ihn sehen. Ein ordentliches Ladenschild ist schon in Arbeit. Leben von einem eigenen Laden – das muß doch irgendwie zu schaffen sein! <br>

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