Kreuzberger Chronik
Mai 2002 - Ausgabe 37

Kazim Ismailcebi Kreuzberger
Kazim Ismailcebi




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von Hans W. Korfmann

Fotos: Wolfgang Krolow

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Kazim Ismailcebi’s Laden ist klein. Aber die Geschichte seines Geschäftes ist lang. Seit dreißig Jahren schon hängen in dem unscheinbaren Raum die Trommeln von der Decke, stehen die Flöten in der Ecke, baumeln die verschnörkelten, silbernen Laternen mit ihren bunten Glasfensterchen in dem Zimmer. Ismailcebi’s Laden mit den verschnörkelten Teekannen, den geschnitzten Kamelen im Fenster und zu Bündeln zusammengebundenen Schwämmen könnte ein Souvenirladen auf dem Istanbuler Bazar sein. Aber er liegt am Hermannplatz. Schon 1971 hat Kazim Ismailcebi den Laden angemietet, damit seine türkischen Landsleute in der Fremde ihre heimische Kultur nicht ganz aus den Augen verlieren. Damit die Musiker neue Saiten finden für ihr Saz, die Bauchtänzerinnen sich neue Zimbeln an die Finger stecken können. Damit die türkische Kultur in Berlin aus mehr besteht als nur aus 3000 Dönerbuden.

Als der Lehrer mit dem Zweijahresvertrag in der Tasche nach Deutschland kam und für 600 Mark monatlich bei Siemens zu arbeiten begann, war er ein Pionier. Er kann Geschichten erzählen, von der Möbelfirma, in der er Akkord arbeitete. Vom Vorarbeiter, der ihnen das Leben schwer machte, indem er ihnen die falschen Teile aufs Band legte und verlangte, daß sie die trotzdem weiterverarbeiteten. Und der hinterher zum Chef lief, wenn Kazim sich beschwerte, daß sie einen halben Tag umsonst am Band gestanden hatten. Oder vom Chef, der ihm dreimal die Kündigung schickte, und doch nie rauswarf. »Sie sind manchmal schon ein bißchen komisch, die Deutschen! Der wollte mir zeigen, wer der Stärkere ist. Und als ich dann die Lehrerstelle bekam und kündigen wollte, da ließ er mich nicht gehen. Da sollte ich noch zwei Wochen bleiben. Ich habe gesagt, Chef, Sie haben mir schon dreimal fristlos gekündigt, und jetzt darf ich nicht gehen! Aber er hat darauf bestanden, zwei Wochen Kündigungsfrist wären Gesetz.«

Sie waren noch wenige in der Stadt, im Sommer 1968, keiner hätte geglaubt, daß sie einmal 300000 werden könnten. Als Herr Ismailcebi 1971 das Kino in der Reinickendorfer Straße im Wedding übernahm und es »Maksim« nannte, waren sie noch eine kleine, überschaubare Gemeinde, die er an den Wochenenden mit türkischen Filmen und Theatervorführungen versorgen konnte. Die Woche über waren die türkischen Leute zu müde für das Kino, da spielte er deutsches Programm. Bis plötzlich das Videogerät auf den Markt kam. Das war das Ende des »Maksim«.

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Foto: Wolfgang Krolow
Und der Beginn des Videoverleihs, und wieder war Ismailcebi ein Mann der ersten Stunde, seine Videothek mit türkischsprachigen Filmen war einmalig in der Stadt. Er hätte auch einen Dönerladen aufmachen können, aber Ismailcebi hat immer um die Kultur gekämpft, mit dem Kino und den Theateraufführungen, in der Schule an der Wrangelstraße, wo er 13 Jahre lang die türkischen Kinder der ersten Gastarbeiterfamlien unterrichtete, und dann mit diesem Laden. Aber er hat diesen Kampf verloren. Wenn heute die jungen Leute mit den Händen in den Hosentaschen hereinkommen – »Ey, Habibi, komm mal her« – dann schüttelt er den Kopf. Und wenn ihnen dann der Spruch vom König Kunde einfällt, dann sagt er: »Der Kunde ist nicht König. Ein Mensch, ein wirklicher Mensch, der ist König.« Eine Zeitlang hing ein Schild in seinem Laden: »Leute mit Händen in den Hosentaschen, Leute, die ihr Auto in der zweiten Reihe parken, Leute, die ihre Nase zu hoch tragen, sind hier unerwünscht.« Er hat das Schild wieder abgehängt. Es hat nichts geholfen. Sie haben gegrinst, bestenfalls gelächelt darüber.

Ismailcebi lächelt nicht mehr darüber. Er hat in den vielen Jahren auch viele Freunde verloren. Er ist ein einsamer alter Mann, er ist »ein bißchen streng geworden« mit der Zeit. Enttäuscht von den Egoisten, die hereinkommen und alles zum halben Preis haben wollen und ihm Lügengeschichten auftischen. Er ist böse auf die alten Freunde, die zehn Jahre nichts von sich hören lassen und dann plötzlich im Laden stehen und ihn umarmen wollen, »alter Freund, komm, laß uns Tee trinken …« – Dann schüttelt er den Kopf und fragt: »Du glaubst, du kennst mich? Du irrst! Das ist schon viele Jahre her, daß wir uns kannten.«

Ismailcebi kann nicht mehr verzeihen. Nicht dem alten Freund, mit dem er in Frankfurt das Nachtleben kennenlernte, und der jedesmal versprach, sich zu melden, und nie anrief. Nicht dem Bekannten, der seit Jahren gegenüber Tee trinkt und Karten spielt, drei Häuser in der Türkei hat, schwarz arbeitet und Sozialhilfe bezieht, während er, Kazim, nicht einmal krankenversichert ist, weil er als Selbstständiger 900 Mark dafür bezahlen sollte, um ein Mal im Monat zum Doktor zu gehen. Auch dem Mädchen, das einmal bei ihm gearbeitet hat und dann ein Jahr später wieder vor seiner Tür steht, verzeiht er nicht. »Kann ich eine Nacht bei dir schlafen?« – »Natürlich!«, sagte Ismailcebi, und ist noch heute enttäuscht darüber, daß sie seine Dienste nicht mit ihren bezahlte. Daß sie sich weigerte, obwohl er ihr die vierzig Mark für das Methadon gab, als er sah, wie sie zu zittern anfing. Ismailcebi ist ein einsamer Mann, Sex ist für den Händler ein Handelsgegenstand, Liebe gibt es wohl kaum zwischen Mann und Frau, vielleicht zwischen Vater und Sohn, Mutter und Kind. Aber auch das ist ein faules Geschäft, auch da »ist es einseitig«. Welche Kinder lieben schon noch ihre Eltern?

Trotzdem hätte er manchmal gern ein Kind. Familie. Er geht abends allein spazieren, bis nachts um 12, bei jedem Wetter, zum Kanal und wieder zurück. Er könnte nicht schlafen sonst. Zu seinen türkischen Freunden kann er sich nicht setzen, weil er keine mehr hat. Deshalb hätte er manchmal gern eine Familie. Jetzt ist es zu spät. Nicht, weil es ihm an Manneskraft fehlte. Nein, er ist ein richtiger, ein stolzer Mann. Aber soll er sich jetzt, »67 Jahre alt, etwa eine Fünfzigjährige mit Kopftuch ins Bett holen?« Oder soll er so ein junges Ding an seine Seite nehmen, eine junge Schöne, die ihm schon nach wenigen Wochen untreu wird? Nein, das ginge nicht gut, er weiß, er ist ein eifersüchtiger Mensch. Und die Menschen sind nicht mehr treu. Die Menschen sind schlecht geworden.

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Foto: Wolfgang Krolow
»Egoistisch! Jeder denkt an sich. Keiner gibt etwas zurück«, sagt Ismailcebi, und deshalb verschenkt er nichts mehr. Wenn einer kommt und zwei Saz-Saiten kaufen möchte statt des ganzen Satzes, dann hebt er die Schultern. Auch wenn er weiß, daß die paar Saiten ziemlich teuer sind. Nicht einmal ein Gespräch gibt es bei ihm umsonst. Als der Händler der türkischen Kultur im vergangenen Sommer das erste Mal in sein Heimatdorf zurückkehrte, das dort auf einem kahlen Bergrücken an der Schwarzmeerküste liegt, von dem aus sie als Kinder noch die Wolken betrachteten, wo diese Wolken noch zu Tigern, Adlern, Engeln wurden, als er nach dreißig Jahren das erste Mal wieder durchs winzige Dorf schreitet und abends im Café sitzt und die Leute zu ihm sagen, er solle doch einmal erzählen, schüttelt er den Kopf. Er erzählt nichts. Obwohl es einige gab, die er noch kannte, die ihn noch kannten. Ismailcebi lacht. »Ich bin nicht gekommen, um mit euch zu reden. Ich bin gekommen, um die Steine wiederzusehen, die Tiere auf den Bergen.« Auch die Leute aus dem Dorf lachten. Aber er sprach tatsächlich nicht mit ihnen.

Er ging dort oben in seiner Vergangenheit spazieren, badete in dem eiskalten Bach, in dem er schon als Kind badete, und in dem noch immer die Forellen stehen, er besuchte das alte Elternhaus, von dem nur noch eine Ruine geblieben ist, er lief über die Weiden, auf denen sie Wasserbüffel und Schafe vor sich hertrieben, und er pflückte Haselnüsse von den Sträuchern, die er als Kind vor Tieren und Dieben bewachen mußte. Und als am Abend in diesem kleinen Hotel ein russisches Mädchen bei ihm anklopft und ihren Preis nennt, fühlt er sich geschmeichelt. So günstig hat man ihm die Liebe lange nicht mehr angeboten. Das ist ein Freundschaftspreis, das ist nicht nur Geschäft! Auch wenn er weiß, daß es das Mädchen von Rußland her an die türkische Schwarzmeerküste verschlagen hat, weil es in Rußland noch schlechter aussieht als in den verlassensten Gegenden der Türkei.

»Ich war sehr glücklich, ich habe mich an alles wieder erinnern können«, sagt der Auswanderer, und »wenn ich das nächste Mal dort hinfahre, dann spreche ich auch mit ihnen. Natürlich sind sie neugierig, wenn einer nach dreißig Jahren zurückkommt. Und sagt, daß es schön sei da oben auf dem Berg.«

Aber er wird in Berlin bleiben. Er war 33 Jahre alt, als er nach Berlin kam. Das ist ein halbes Leben in der Fremde. Wo sollte er jetzt noch hin? Und er ist immerhin ein Deutscher. Sie haben ihn eingebürgert, am 12. Februar 2002, nach 34 Jahren. Und immer hat er sich um seine Kultur bemüht, auch mit diesem kleinen Laden am Hermannplatz. Jetzt hat er sich ganz dorthin zurückgezogen. An der Decke kleben noch die bunten Plakate aus seiner Kinozeit, Bilder von Marilyn Monroe und Yves Montand, Filme der späten sechziger Jahre. Im Regal liegen Fotoalben, aus denen die ersten Blätter flattern wie im Herbst, Bilder von Theateraufführungen, Konzerten, Bauchtanzabenden, Fotografien von einer blonden Frau in seinem Arm, die den Kopf zurückwirft und lacht – wie Marilyn. Drei Jahre lang haben sie gelacht. Er blättert weiter und die Jahre vergehen im Zeitraffer, schon steht da ein Mann, allein in seinem Laden, das Leben war einmal süßer, es hat einen bitteren Geschmack bekommen mit der Zeit. Manchmal spült Kazim Ismailcebi ihn mit einem Glas Raki hinunter, und manchmal schaut er in den Koran. »Ich glaube an Gott«, sagt der Mann, und es klingt bitter, »aber ich habe ihn hier unten noch nicht gesehen. Er ist noch nicht bis in den Laden heruntergekommen. Schade eigentlich. Ich bräuchte ihn.«

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