Kreuzberger Chronik
Mai 2002 - Ausgabe 37

Reportagen, Gespräche, Interviews

Die Diskussion um einen gewaltlosen 1. Mai


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von Peter Unsold

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Es war einer der kalten Abende des März, letzter Schnee fiel aus den Wolken. Der 1. Mai schien noch weit, aber an die fünfzig Kreuzberger hatten den Weg in den Hinterhof der Oranienstraße Nr. 38 gefunden. Im sogenannten Familiengarten schoben sie die Tische zu dem in Universitäten üblichen U zusammen, um gemeinsam darüber nachzudenken, was nun geschehe mit der guten Idee, die das vor einem halben Jahr gegründete »Personenbündnis für einen gewaltlosen 1. Mai« entworfen hatte, und die der Berliner Senat in Gestalt seines Vertreters Körting wenige Tage zuvor wieder verworfen hatte.

Damit erging es der guten Idee nicht besser oder schlechter als allen anderen Ideen, mit denen Bürger sich an Staat und Regierung wenden. Man begegnete ihr zunächst mit wohlwollendem Interesse und freundlichem Nicken, erklärte sich sogar bereit, den Berliner Innensenator auf eine vom Bündnis organisierte Podiumsdiskussion in die Emmaus-Kirche am Lausitzer Platz zu entsenden. Schließlich war das Interesse der Medien an der Idee einer »gewaltfreien Zone« am 1. Mai groß gewesen, an die sechzig Artikel widmeten sich dem Thema, und es hätte unvorteilhaft ausgesehen, wären die Verantwortlichen aus dem Senat nicht erschienen. Doch auf das zunächst freundliche Kopfnicken folgte wie stets ein mitleidiges Kopfschütteln: Der Senator wollte die von den Bürgergruppen geforderte »polizeifreie Zone« im Herzen Kreuzbergs nicht verantworten. Wohl aber ließe sich über die Stärke des Polizeiaufgebotes und die Personenkontrollen im Vorfeld verhandeln. Doch unterm Strich solle alles beim Alten bleiben.

Nun also hatte die Initiative in die Oranienstraße geladen, um über die »skandalöse« Diskussion in der Emmaus-Kirche – Vertreter des »revolutionären 1. Mai Bündnisses« hatten beim Auftreten des rot-roten Innensenators schlicht rot gesehen –, und über das weitere Vorgehen zu diskutieren. Mit am Tisch im »Familiengarten« saßen die Vertreter verschiedenster Gruppierungen, die sich spontan der Idee eines polizeifreien 1. Mai angeschlossen hatten: Im unteren Bogen des U’s saß die Sprecherin des Personenbündnisses, Katja. (Verbündete linker Gruppierungen nennen sich ausschließlich beim Vornamen, sogar die Genossen der SPD haben diese Sitte bis heute beibehalten.) Katja trug eine Brille, einen Stift in der Rechten und ein ernstes Gesicht. An ihrer Seite saßen vier junge Frauen, drei von ihnen mit tiefschwarzen, langen Haaren, die vierte mit einer schwarzen, bommellosen Pudelmütze. Sie vertraten die sogenannte »13 Uhr Demo Fraktion« oder das »Revolutionäre 1. Mai Bündnis«. Weitaus auffälliger aber war Christian in seinem Trainingsanzug mit den weißen Streifen, dem halboffenen Mund und den Schweißperlen auf der Stirn. Christian nutzte im Verlauf des Abends jede Gelegenheit, um durch lautes Klopfen auf die Tischplatte dem Redner Applaus zu spenden – unabhängig davon, was dieser gesagt hatte. Dann war da noch Sascha mit dem Stern auf der Brust, der »Attac Berlin« und eigene Ideen vom 1. Mai vertrat, sowie ein leicht angegrauter, diskussionserfahrener Kreuzberger, der in neutral-weißem Hemd und dunklem Jackett eher liberale Standpunkte vertrat. Ihm gegenüber aber saß vor einem ganzen Stapel von Papieren die zentrale Figur: Peter, womöglich der dienstälteste Diskutant im Raum, treibende Kraft des Bündnisses, ein Mann mit dichten grauen Haaren und einem dunkelroten Hemd. Er erhielt von Katja das erste Wort, und viele der Anwesenden an den Tischen zückten Stift und Papier, wie sie es von den Vorlesungen her gewohnt waren.

»Wir müssen weitermachen. Die Konsequenz kann doch nicht sein, daß wir aufgeben, nur weil der Innensenator nicht mitmacht. Das ist mir zu billig. Die Tatsache, daß Körting unsere Vorschläge abgelehnt hat, darf uns nicht aus der Bahn werfen.« Peter legte an dieser Stelle eine kleine Kunstpause ein, die der sportliche Christian zum ersten Applausklopfen nutzte. Er wußte, daß Peter Professor und ein guter Redner war, da konnte ein Klopfen nicht fehl am Platz sein. Peter fuhr fort: »Ich habe heute mit zwei Vertretern der Autonomen gesprochen, und die machen sich jetzt ernsthaft Gedanken, wo sie sich im Spektrum der politischen Linken positionieren. Das wäre vor dem Bündnis gar nicht denkbar gewesen. Und das heißt doch, daß wir einiges bewirkt haben mit unserer Idee vom polizeifreien 1. Mai.« Auch hier hält der Professor kurz inne, um nach einer kleinen Percussioneinlage Christians mit der Feststellung fortzufahren, daß es also nicht die Frage sei, ob das Bündnis nun weiterarbeite, sondern vielmehr, wie es weiterarbeite.

Während Christian eifrig trommelt, meldet sich erster Widerspruch aus der Ecke der schwarzhaarigen 13-Uhr-Revolutionärinnen. Man habe doch das Bündnis mit einer bestimmten Zielsetzung geschmiedet. Das Ziel habe man verfehlt, das Bündnis sei ohne Aufgabe. Doch der Professor wies jedoch gleich auf die neuen Aufgaben hin, die man ins Visier nehmen müsse. Um den 1. Mai zu retten, sei es von großer Bedeutung, das Bild von den Kreuzberger Schlachten in der Öffentlichkeit zu korrigieren. Das Bündnis könne zum Beispiel ein internationales Gremium aus Anwälten als parteilose Beobachter engagieren und auch finanzieren. »So etwas müßte uns doch einige tausend Mark oder Euro wert sein!«, sagte der Professor. Man könne auch eine Umfrage unter der Bevölkerung starten, um deutlich zu machen, daß eine breite Mehrheit der Kreuzberger von der Strategie einer polizeilichen Überpräsenz als Abschreckungsmaßnahme nicht überzeugt sei. Daß im Gegenteil die Meinung vorherrsche, daß eine gepanzerte Demonstrationsaufsicht, lästige Personalkontrollen und die Streitigkeiten um Demonstrationsgenehmigungen eher provokant als befriedend wirkten. Auf diese und ähnliche Weise könne das »Personenbündnis« das Ziel eines gewaltfreien 1. Mai weiterverfolgen.

Spontan unterstützte der Liberale mit dem weißen Hemd Peter im roten: Wer aus dem Bündnis wirklich geglaubt habe, die Vision einer polizeilosen Kreuzberger Zone – und sei es auch nur für wenige Stunden – sei so einfach und quasi im Handstreich zu verwirklichen, der – er sah zu den schwarzhaarigen Frauen und zu Katja hinüber – der sei vielleicht noch etwas jung. »Man kann doch ein Ritual, das 14 Jahre lange besteht, nicht in einem halben Jahr abschaffen!« Aber wer tatsächlich geglaubt habe, der Senat stimme dieser anarchistischen Zone in Kreuzberg zu, der dürfe jetzt erst recht nicht aufgeben. Der müsse weitermachen. »Denn schließlich kehrt der 1. Mai ja jedes Jahr wieder!«

Katja vom Personenbündnis schaute streng in die Runde. Ihr Blick stammte aus dem Repertoire der Volksschullehrerinnen aus den Vorkriegsjahren. Sie sagte, die Forderung nach der gewaltfreien Zone sei »kein Beiwerk« zu einer politischen Diskussionsveranstaltung, sondern ein konkretes Ziel gewesen. Das habe man verfehlt, weshalb man beschlossen habe, die vom Bündnis geplanten Veranstaltungen abzusagen. Noch verärgerter war die Sprecherin der schwarzhaarigen »13-Uhr-Fraktion«, sie schüttelte den Kopf. Da träfen sich vermeintliche Linke, um das Demonstrationsrecht und die Demonstranten zu schützen, aber keiner spreche davon, von wem die Gewalt am 1. Mai eigentlich ausgehe. Nicht einer habe erwähnt, daß in diesem Jahr dasselbe passieren würde wie im Jahr zuvor, und daß die Polizei längst wieder an ihren Schlachtplänen arbeite. Man habe ein Friedensangebot gemacht, und das sei abgelehnt worden. Da gebe es nur eine Konsequenz, und »vor drei Wochen habt ihr es selbst gesagt: daß das Bündnis bei einem Mißerfolg aufgelöst wird.«

Das hätten sie nie gesagt, riefen plötzlich viele wie aus einem Munde. Diese vielen wollten weitermachen. Weiterdiskutieren. Politisieren. Bündnisse schmieden und sich alle zwei Wochen im Familiengarten treffen. Auch dann, wenn es nicht zum Ziel führen würde. Der Weg war ihnen Ziel genug. Und in der Politik zählten Worte ohnehin mehr als Taten.

1. Mai
Zeichnung: Nikolaos Topp
»Der 1. Mai muß politischer und die Diskussion muß weitergeführt werden!«, meldete sich die PDS-Ecke zu Wort.

»Auch ich bin dafür, zusammenzubleiben, trotz aller Schwierigkeiten, die wir mit euch haben«, sagte Peter mit dem roten Hemd und blickte zu den Schwarzhaarigen, während Christian lautstark klopfte.

»Ich fände es falsch, sich still und heimlich vom Acker zu machen«, sagte der Vermittler im weißen Hemd.

»Nicht still und heimlich, sondern möglichst laut!", rief Attac Berlin. Johnny Winter, ein Mann im Hintergrund, warf die weiße Mähne zurück und sagte, daß das Mariannenplatzfest jedes Jahr ein großer Erfolg gewesen sei, und ein langbärtiger Mann in der Ecke gestand, daß der erwähnte Kirchenauftritt der »sogenannten Kreuzberger Linken, sofern es die überhaupt noch gibt«, vor allem durch Intoleranz und undemokratisches Verhalten aufgefallen sei. Vom deutschen Krieg in Afghanistan war plötzlich die Rede, vom Naziaufmarsch in Marzahn, vom Sozialabbau, von all den linken Themen, und nur Christian in seinem Trainingsanzug, der als letzter auf der Rednerliste stand, verzichtete brummend aufs erteilte Wort.

»Wir müssen die Diskussion strukturieren!«, hieß es aus Katjas Ecke. »Außerdem müssen wir darüber abstimmen, ob das Personenbündnis am 1. Mai eventuell eine eigene, andere Veranstaltung anmelden soll oder nicht.« Das kam etwas plötzlich, aber die Zeit war vorangeschritten, man hatte die ersten Pizzen kommen lassen, und Katja sah beim Kauen gar nicht mehr so streng aus.

Christian bestand auf einer geheimen Abstimmung, das hielt er für spannender. Doch niemand klopfte, es wurde öffentlich votiert, und mit 14 zu 8 Stimmen sprach man sich für eine Veranstaltung aus. Die folgerichtige Frage, was die Veranstaltung zum Inhalt haben sollte, sorgte kaum noch für Spannung. Katja schlug Rassismus und Ausländerfeindlichkeit vor, »noch immer ein brennendes Thema«, dagegen hielt sie die Sparpolitik des Senats für einen »Superlangweiler«. Am Ende sah es aus, als hätte man sich auf den ersten deutschen Krieg seit 1945 als Thema geeinigt, aber es waren ja noch einige Tage bis zum ersten Mai.

Bis zum Mittwoch aber war es nicht mehr weit. Und da wollte das Bündnis im Max und Moritz vor die neugierige Presse treten und über den Ausgang der Verhandlungen mit dem Senat berichten. »Wir müssen uns gut überlegen, was wir sagen!«, meinte Katja, die ihre Pizza inzwischen aufgegessen hatte. Wenn man alle Schuld für das Scheitern unserer Aktion dem Senator anlaste, klinge das einseitig und vielleicht unglaubwürdig. »Auf jeden Fall müssen wir aufpassen«, ergänzte Peter, der immerhin Professor an der FU und Mitglied im Komitee für Grundrechte und Demokratie war und sich auskannte. »Denn sobald wir zugeben, daß unser Projekt gescheitert ist – egal, ob an Körting oder nicht – wird die Frage auftauchen, ob die Idee des gewaltfreien 1. Mai nicht doch an unserer Bündnisunfähigkeit und der Uneinigkeit der Linken gescheitert ist.«

Die jungen Vertreterinnen des »Revolutionären 1. Mai-Bündnisses« waren inzwischen gegangen. Sie hätten ohnehin wenig Verständnis dafür aufbringen können, daß man in linken Kreisen ernsthaft darüber diskutieren konnte, den Innensenator schonend zu behandeln. Und stattdessen die Schuld bei den jungen Revolutionärinnen suchte. Irgendwie war dieses Personenbündnis doch eine ganz andere Generation als sie, die jungen Wilden. <br>

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