Kreuzberger Chronik
Mai 2002 - Ausgabe 37

Essen, Trinken, Rauchen

Die Steinofenpizza


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von Michael Unfried

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Die beiden waren schon zweimal die Zossener Straße auf- und abgegangen. Es regnete, und im Steinofen einer Pizzeria brannte ein Feuer. Da bahnte sich der junge Mann kurzentschlossen einen Weg zwischen den gutbesetzten Tischen hindurch, die junge Frau folgte, skeptische Blicke in alle Richtungen verteilend.

»Ein bißchen schöner hatte ich mir das hier ja schon vorgestellt. Ich muß ja nicht unbedingt an einer Resopalplatte sitzen«, sagte die Frau. – »Dort drüben steht ein Kieferntisch. Wir könnten uns da rüber setzen«, sagte der junge Mann.

»Ikea!«, sagte die Frau und nahm sich die Speisekarte, als auch schon der Kellner neben ihr stand. Ein blonder Kellner in einem italienischen Restaurant mit Steinofen und Resopal- und Ikea-Tischen. »Ich nehm `ne Pizza mit Artischocken, Pilzen und Oliven, und ein Mineralwasser«, sagte sie und studierte dabei die Tischplatte. »Quattro Stagione!«, sagte er und studierte die Freundin.

»Sehr wohl!«, verbeugte sich der Kellner. »Sehr wohl!«, imitierte sie den Kellner. Das sei eben authentisch hier, sagte der junge Mann. In Italien lägen auch nicht überall Tischdecken auf dem Tisch. Worauf es ankomme, das sei der Ofen. Und die Pizza. Vor allem der Teig. Kerzen und Tischdecken seien zum Verzehr ungeeignet.

Im Handumdrehen lagen zwei italienische Teigfladen auf dem Tisch. »Lauwarm!«, sagte die junge Frau. »Die erste lauwarme Pizza meines Lebens!« – »Im Süden ißt man nicht so heiß wie bei uns!«, sagte er.

»Und diese Pilze. Sieh dir mal diese kleinen, miesen, vertrockneten Champignons an. Da sehen doch die von Plus noch besser aus!« Sie spießte einen der verrunzelten Pilzköpfe auf die Gabel, betrachtete ihn von allen Seiten und verzog den Mund: »Kreuzberg! Alles alternativ! Natur! Bio! Rohkost! Direkt aus dem Einkaufskörbchen auf die Steinofenpizza! Können die denn verdammt nochmal nicht ihre blöden Champignons fünf Minuten mit einer Zwiebel andünsten!« Sie sah ihren jungen Mann triumphierend an.
»Meine schmeckt!«
»Schmeckt? Dann sieh dir doch mal deine Wurst an! Die kenn ich doch! Die hab ich heute morgen bei uns auf dem Tisch gesehen. Von wegen italienische Salami! Penny ist das! Sämtliche Pizzabäcker Berlins kaufen bei Aldi oder Penny ein. Von wegen authentisch. Und die Oliven, das sind die billigsten vom Türken. Und die Tomatensoße, pure Tomatensoße, kein einziges winziges Blättchen Oregano, nicht einmal Salz!«

»Aber der Teig«, sagte der junge Mann. »Der Teig ist spitze!« Die junge Frau sagte nichts mehr. Sie begnügte sich damit, die Pizza von der Mitte her zu zerteilen und ihren Tellerrand mit dem breiten, kahlen, unbelegten Randstreifen des berühmten italienischen Teigfladens zu drapieren.

»Hat es ihnen geschmeckt?«, fragte der freundliche Kellner und lächelte.
»So lala …«, sagte die junge Frau.
»Aber Sie haben ja alles aufgegessen!«, erwiderte der Kellner und ignorierte mutig die Teigreste am Tellerrand.
»Ich hatte Hunger!«

»Aber das ist die beste Pizza! Das sagen alle! Das ist die einzige Steinofenpizza hier in der Gegend. Alle anderen backen elektrisch. Noch nie hat sich jemand beschwert über unsere Pizza.« Das junge Paar spürte, wie die Blicke im Lokal zu ihnen herüberwanderten. »Bei diesem Teig kann man praktisch gar nichts falsch machen, wissen Sie!«, lächelte der Blonde siegessicher.

»Man könnte das Salz vergessen«, sagte die Kundin. Und dann fügte sie hinzu: »Aber das Mineralwasser war gut, ausgezeichnet, ein wirklich ausgezeichnetes Mineralwasser.« <br>

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