Kreuzberger Chronik
Mai 2002 - Ausgabe 37

Kreuzberger Echo

Zum »Personenbündnis«


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von Michael Unfried

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Nachdem das Bündnis für einen polizeifreien 1. Mai sich im »Familiengarten« über die Zukunft seiner Idee beraten und die polizeiliche Anmeldung für die geplante Großveranstaltung in der Oranienstraße zurückgezogen hatte, traten seine Vertreter im Max und Moritz vor die Presse. Am Tag darauf berichteten die stadtansässigen Medien in kurzen Artikeln über das Scheitern der Bürgerinitiative. Am 2. Mai allerdings werden die Kreuzberger Auseinandersetzungen der gesamtdeutschen Presse wieder ein willkommener Themenlieferant sein und Seiten füllen – je nach der Höhe des Sachschadens, der Anzahl der Verletzten und Verhafteten.

Die abschließende Pressekonferenz jedoch war trotz der eigentlichen Brisanz des Themas für die anwesenden Journalisten nur noch eine Pflichtübung. Die taz fand immerhin die poetischste und auch treffendste Überschrift, die sie allerdings einem Rockpoeten der Siebziger verdankte: »Der Traum ist aus«. Sie unterstrich im folgenden die illusionslose Ansicht ihres Mitarbeiters mit dem fettgedruckten Zusatz, daß die »Großveranstaltung nach Kritik von Autonomen« abgesagt wurde. Schuld war für die in Selbstkritik jahrzehntelang geübte linke Tageszeitung Berlins niemand sonst als wieder einmal die Linken selbst. Aus der Sicht des tazlers reagierte das Bündnis mit seinem »Rückzug vor allem auf Kritik autonomer Gruppen«. Wörtlich zitierte sie Professor Peter Grottian mit den Worten: »Wir sind in der Szene einfach nicht auf Akzeptanz gestoßen.«

Wohl hatte Peter, der Mann mit dem roten Hemd (siehe in diesem Heft), sich an das besprochene Gebot einer nicht zu einseitigen Darstellung der Sachlage gehalten, nicht aber der Mann von der taz, der einen anderen Satz Peter Grottians glatt verschwieg. Der stand dann immerhin in der Berliner Zeitung: Der Senator »will nicht die politische Verantwortung für dieses Großereignis übernehmen«. Zwar erwähnten auch die Entsandten der Berliner einen gewissen Widerstand autonomer Gruppen, doch war der »Hauptgrund für das Scheitern nach Ansicht von Grottian die Ablehnung einer polizeifreien Zone durch den Innensenator Körting (SPD). Wir hatten bereits mit der Polizei vereinbart, dass die Beamten nur im Notfall eingreifen. Der Senator habe sich jedoch nicht an diese Absprache gehalten.«Dabei hätte er das durchaus tun können. Es war ja auch in den Jahren zuvor – zumindest nach offizieller Darstellung – nie anders gewesen: Auch da griff die Polizei stets erst dann ein, wenn Demonstranten bereits zu randalieren begonnen hatten. Auch auf die interessante Idee, daß das Szenario einer polizeifreien Zone in Kreuzberg etwas durchaus Makabres gehabt hätte – wenn nämlich diese Zone des Friedens von der Polizei hermetisch abgeriegelt worden wäre –, kam bedauerlicherweise keiner der anwesenden Journalisten.

Am prüdesten berichtete aber der Tagesspiegel. Das sichere Terrain einer neutralen Berichterstattung nicht verlassend, konnte er sich nicht einmal zum Ansatz einer eigenen Meinung durchschlagen. Von den Zwistigkeiten der Linken unter sich, von den Vorwürfen gegen den Innensenator kein Wort. Stattdessen lenkt der Tagesspiegel. die Aufmerksamkeit des Lesers auf den »Rollenwechsel« des Bündnisses, beschreibt die »Fortführung« der Bürgeraktivität und unterstreicht die scheinbare Tatsache, daß die Bürger in der Stadt durchaus ihre demokratischen Rechte wahrnehmen, demonstrieren und veranstalten könnten, wo und was sie wollten.

Allerdings nur unter den Argusaugen der Polizei. Die Tatsache jedenfalls, daß hundert vom Bündnis engagierte, internationale und geschulte Beobachter das Medienspektakel am 1. Mai begleiten sollen, um zu einer realistischeren Darstellung der Kreuzberger Ereignisse zu gelangen, erscheint dem Tagesspiegel. offensichtlich unverschämt. Bespitzeln darf offensichtlich nur einer, Kontrolle ist ein Privileg der Machthaber. Anders ist die Überschrift »Bürger wollen Polizei beobachten«, kaum zu verstehen.

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