Kreuzberger Chronik
Juni 2002 - Ausgabe 38

Strassen, Häuser, Höfe

Fontanepromenade


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von Werner von Westhafen

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Es hätte Theodor Fontane womöglich gefallen, daß eine der wenigen Promenaden in Kreuzberg seinen Namen trägt. Fontane war ein würdevoller Dichter und Mensch, mit einem kleinen Sträßchen hätte er sich womöglich nicht zufrieden gegeben.

Daß die sogenannte Promenade nicht mehr als ein kleines und wenig spektakuläres Stückchen Straße ist, mag für seine Kritiker Symbolcharakter haben. Schon Alfred Döblin sagte, es sei »etwas Philiströses« an Fontanes Dichtung – »nicht etwas, peinlich viel« sogar. Gottfried Benn ärgerte sich über das »Pläsierliche« und das »Präservativ der Moral, eine Hemdsärmligkeit des Charakters«, und kommt zu dem Schluß, daß man Fontane bald nur noch aus »historischen und städtekundlichen Gründen lesen« wird, denn, wie Tucholsky ergänzte: »leicht angestaubt scheinen schon heute seine Romane, in der Technik, in altbackenen Stellen, die unsere Zähne nicht mehr recht beißen wollen«. Mit einem Wort: trocken.

Der Dichter Fontane hörte diese Einwände nicht, er hätte sie auch dann nicht gehört, wenn die Kollegen Schriftsteller zur gleichen Zeit gelebt hätten. Fontane war nämlich mit dem gesunden Selbstvertrauen des Naiven ausgestattet. In »Meine Kinderjahre« beschreibt er seinen Vater als einen »großen, stattlichen Gascogner voll Bonhomie, dabei Phantast und Humorist, Plauderer und Geschichtenerzähler«. Seine Mutter war »ein Kind der südlichen Cevennen, eine schlanke, zierliche Frau von schwarzem Haar und Augen wie Kohlen, selbstsuchtslos und ganz Charakter …« Daß die Augen seiner Mutter auf der Porträtzeichnung eher an erloschene Glut von Kohlen erinnerten, und daß der lustige Vater die Apotheke in Ruppin beim Spielen verloren hatte, das erwähnte der Schöngeist auch in seinen spät geschriebenen Memoiren nicht. Nein, Fontane wuchs nach eigenen Erinnerungen in einer heilen Welt auf, ja, »es gibt doch wirklich eine Art Genius loci, und während an manchen Orten die Langeweile ihre graue Fahne schwingt, haben andere unausgesetzt ihren Tanz und ihre Musik«.

Fontane ist ein Romantiker, in seinen Erinnerungen an die Kindheit stöbert er mit seinen Freunden in »Störtebekers Kul« herum, einer Senke im Wald, die den Räubern einmal als Lagerplatz gedient haben soll, und das gab ihm »ein ungeheures Hochgefühl: Störtebeker und ich! (…) Es war zauberhaft. Und draußen rauschte das Meer. Nur meine Truppe verdroß mich beständig, denn jeder einzelne mit seiner höchst zweifelhaften Räuberanlage stellte mir die gewöhnlichste Prosa des Lebens wieder vor Augen.«

Allerdings scheint zumindest der alternde Autobiograph Fontane eine Ahnung von der kindlichen Selbstüberschätzung zu haben. Als im polnischen Irrusektionskrieg alle vier Wochen neue Generäle die Aufsicht im Städtchen übernahmen, kennt niemand deren unzählige Namen besser als Theo, was seiner »Bescheidenheit nicht sehr förderlich war. Doch stand es wohl nicht allzu schlimm darum; in all meiner Eitelkeit war ich doch immer zunächst bei der Sache.«

Weniger beschönigend als seine persönlichen Erinnerungen und literarischen Betrachtungen erscheinen die biographischen Pfeiler des Dichterlebens: daß Fontane 1833 zuerst einmal nach Berlin geht, um, wie sein Vater, Apotheker zu werden. Daß er sich mit 16 Jahren eine Frau erwählt, die wie seine Mutter Emilie heißt: Emilie Roumanet-Kummer (den Namen legt sie wenige Jahre später ab, doch der Kummer bleibt). Daß er bei der Märzrevolution von 1848 schon beim Stopfen des Gewehres den Spott der Aufständischen auf sich zieht. Daß er nach dem Scheitern der Revolution das Lager wechselt, und daß er eine Stelle im »literarischen Kabinett« annimmt, der Zensurbehörde der preußischen Regierung. Um, wie er sagt, nach 17 Jahren endlich genügend Mittel zu haben, um seine Emilie ins eheliche Glück und Unglück zu führen.

Pünktlich, zwei Monate nach der Heirat, wird ein erstes Kind geboren. Doch der Vater ist selten zu Hause. Fontane wird zum Wandervogel, vier Jahre ist er in London, um eine »Deutsch-Englische Korrespondenz einzurichten«. Doch Fontane bleibt der Heimat im Geiste treu, England ist abscheulich: »Wenn man 4 Jahre Zuchthaus gehabt hätte, könnt’ es nicht schlimmer sein!«

In der reaktionären Kreuz-Zeitung beginnt Fontane Anfang der sechziger Jahre seine Wanderberichte aus der Mark Brandenburg zu veröffentlichen. Wieder bleibt Emilie mit den Kindern oft allein. Sein Streben nach Erfolg, seine Eitelkeit treibt ihn an und um. Die Briefe Emilies sind ein trauriges Zeugnis für Fontanes durch eine ausgeprägte Egozentrik verengten Blickwinkel. Walter Jens hat den Briefwechsel des alternden Paares analysiert und die ebenso spannende wie berührende Darstellung eines Ehelebens skizziert.

Ab 1870 arbeitete Fontane für die bürgerliche Vossische Zeitung als ebenso bissiger wie konservativer Theaterkritiker, bis er im März 1876 zum ersten Sekretär der Akademie der Künste berufen wird. Zur Freude Emilies, die angesichts des unsteten Gatten stets um ihre materielle Sicherheit besorgt war. Doch schon im Mai hatte sich Fontane mit seinen Vorgesetzten zerstritten, auch zwischen ihm und Emilie kommt es zu einem Streit. Dennoch kündigt der Gatte noch im Oktober. In einem Brief, der weniger an sie als an sich selbst geschrieben zu sein scheint – so wie generell die Worte an seine Frau eher wie ein Monolog auf der Bühne klingen –, schreibt er: »Akademie, lebe wohl! Aber, enfin, es muß auch so gehen. Eine Fülle neuer Arbeiten ist angefangen, und mir ist nicht so zumute, als würde ich mit nächstem in den Skat gelegt werden. Im Gegenteil …«

1878, Karl Liebknecht und August Bebel haben wenige Jahre zuvor die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet, scheint Fontane noch einmal seine politische Meinung zu ändern. Im für ihn typischen Briefton belehrt er seine Frau Emilie: »Besten Dank für Deinen Brief. Du fragst, wie man früher solcher Bewegungen Herr geworden ist? Darauf ist nicht direkt zu antworten. Denn solche Bewegungen hat es früher nicht gegeben. (…) Sie vertreten nicht bloß Unordnung und Aufstand, sie vertreten auch Ideen, die zum Teil ihre Berechtigung haben, und die man nicht totschlagen oder durch Einkerkerung aus der Welt schaffen kann. Man muß sie geistig bekämpfen, und das ist, wie die Dinge liegen, sehr, sehr schwer. – Vorläufig ist übrigens noch keine Gefahr.«

Dennoch mußte der einstige Überläufer, der »Verräter« im Literarischen Kabinett, der sich »für 30 Silberlinge verkauft« hat, befürchten, daß es ihm im wörtlichen Sinne an den Kragen gehen könnte. Es war deshalb wenig heldenhaft, als er seinem Verleger noch drei Jahre vor seinem Tod von einem Roman berichtet: »Ich will einen neuen Roman schreiben, einen ganz famosen Roman, der von allem abweicht, was ich bisher geschrieben habe, und der überhaupt von allem abweicht.« Er sollte Die Likedeeler heißen – was so viel bedeutete wie »Die Gleichteiler« – und von einer Gruppe umherziehender, räuberischer Seeleute erzählen, die ihre Beute unters Volk verteilten. Ganz im sozialistischen Sinne. Es sollte aber auch ein Roman über Störtebeker werden – jene Gestalt, der Fontane schon als Kind nacheiferte, und die für den biederen Mann doch stets in weiter Ferne blieb. Nicht einmal in seiner Dichtung konnte er sich ihr nähern – er starb am 20. September 1898.

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