Kreuzberger Chronik
Juni 2002 - Ausgabe 38

Die Geschichte

Doktor Gottfried Benn, Belle-Alliance-Straße 12


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von Hans W. Korfmann

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In seinem weißen Kittel sah er aus wie ein Schlächter. Der Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Dr. Gottfried Benn. Ein Lächeln haben die Fotografien nicht erhalten. Immer lag etwas Bedrückendes, Stumpfes, Grobes in seinem Blick. Wäre Rainer Werner Faßbinder ihm begegnet, er hätte dem Mann mit der »pyknisch, alpin untersetzten« (Zitat: Benn) Statur und den gierigen Augen auf der Stelle eine Rolle angeboten. Als Frauenmörder, als ein Getriebener. Dieses geheimnisvoll Dunkle war es wohl auch, das die Leser seiner Gedichte faszinierte.






Das Dunkle zog nicht nur Leser an, sondern auch Frauen. Else Lasker-Schüler schrieb einmal, seine Balladen seien »so ungeheurig und eigenartig«. Dr. Benn ist für sie »halb Tiger halb Habicht und steht im Keller seines Krankenhauses und öffnet Leichen. Er ist ebenso herb wie derb ebenso zart wie weich.« Sie nannte ihn zärtlich Mein liebsüßer Gieselher und schrieb Gedichte an den Tiger, den König, den Heiden, den Barbaren

Als der 26jährige Gottfried Benn, gerade mit der Doktorwürde ausgezeichnet, 1912 zum ersten Mal mit der exaltierten Dichterin in den Berliner Salons und Cafés auftauchte, ist diese zehn Jahre älter als er. Sie hatte schon 1902 einen vielbeachteten Gedichtband veröffentlicht – Benn trat gerade mit seinen ersten Gedichten an die Öffentlichkeit. Else Lasker-Schüler stand ihm zur Seite – als einflußreiche literarische Figur und als Geliebte. Sie bleibt es freilich für eine kurze Zeit – aber die leidenschaftliche Korrespondenz des Paares ist unsterblich, nämlich Literatur geworden. In diesen Liebesbriefen taucht etwas auf, was man im Werk des ernsten Doktors sonst vergeblich sucht: Humor!






Und einmal schreibt er sogar: »Du Glück«. Das Glück dauert einen Sommer. Dann entschied sich Benn, zu heiraten. Eine andere, ebenfalls ältere, aber wohlhabende Witwe. Die Armut seiner Dichterin, die keine eigene Wohnung hatte, sondern »immer nur enge Kammern, vollgestopft mit Spielzeug, Puppen, Tieren, lauter Krimskrams« bewohnte, wurde dem jungen Mann beschwerlich. Noch 1952, sieben Jahre nach dem Tod der einstigen Geliebten, vernimmt man eine Spur von Empörung in der Lobrede auf die Dichterin, die Benn vor dem British Council hält. Einer um dreißig Jahre verspäteten Liebeserklärung: »Sie schlief oft auf Bänken, und sie war immer arm in allen Lebenslagen und zu allen Zeiten.«

Mit seiner ersten Frau, Edith Osterloh, wird Benn nicht glücklich. Sie lebt einsam neben ihm, erkrankt und stirbt acht Jahre nach der Heirat in ihrer Wohnung in der Passauer Straße. Lediglich ihren letzten Lebenstag verbringt der Doktor an ihrem Sterbebett, den langen Wochen ihres Leidens jedoch entzog sich Benn in seiner Wohnung in der damaligen Belle-Alliance-Straße 12 (heute Mehringdamm 38, Ecke Yorckstraße). Die aus der Ehe hervorgegangene Tochter Nele, die Benn nach dem Tod der Mutter einer Verwandten in Dänemark zur Aufzucht übergab, schrieb: »Papa war nicht oft zu Hause.«

Walter Lenning versucht in seiner 1963 erschienenen Biographie, Benn zu verteidigen: »Leicht wird dergleichen als hochgesteigerter oder sogar überheblicher Egoismus empfunden. (…) Man vergißt, daß Gottfried Benn sein oft rätselhaftes, manchmal sogar verletzendes Verhalten mit beträchtlichem Willensaufwand und oft sehr angestrengt nach Maßgabe der erreichten Selbstkenntnis regulierte …«

Doch die einzig erkennbare Selbstkenntnis bestand in dem Eingeständnis, daß er ohne Frau nicht leben konnte. Er brauchte sie, also gebrauchte er sie. Helma Sanders-Brahms stellt in ihren 1998 erschienenen Benn-Betrachtungen fest: »Benn tut so, als litte er nicht. Er setzt an Stelle des Gefühls den Belcanto-Wohllaut seiner Wortgebilde, die gerade wegen ihrer innersten Unverbindlichkeit so verführerisch klingen. In der Tat, in diesem Doktor Faust schlummert auch ein Don Juan, der von jetzt an den Frauen, die ihn interessieren, Ständchen bringen wird …«

Tatsächlich war die Poesie für ihn manchmal nicht mehr als ein simples Mittel zum Zweck. Wo andere schöne Augen machten, machte er »schöne« Worte. Nicht immer waren seine werbenden Wortschöpfungen dabei besonders poetisch, im Gegenteil, oft gleitet er ins Banale: »Eine Frau ist etwas für eine Nacht. Und wenn es schön war, noch für die nächste.« Kaum verwunderlich, daß ihm die Frauen kein Glück gebracht haben, sondern stets nur einen kurzen Rausch. Vor allem aber hat Benn den Frauen kein Glück gebracht – sondern Unglück. Dreimal heiratete er, unzählige Geliebte litten an seiner Seite. Drei starben. »Sie stürzen an ihm ab«, wie die Else Lasker-Schüler Jahre zuvor prophezeite. Benn registrierte das mit der Sachlichkeit eines Pathologen, doch nicht ohne Spuren geschmeichelter Eitelkeit:
»Meine Freundin, von der ich Ihnen so oft erzählte und die ich im Grunde unverändert liebte, tief liebte, wie in den Jahren des Altwerdens und der schwindenden Gefühlsfähigkeit der Mann liebt, ist am 1. II. freiwillig aus dem Leben geschieden. (…) Auf grauenvolle Weise. Sie stürzte sich von meiner Wohnung im 5. Stock auf die Straße und kam tot dort an. (…) Natürlich starb sie an mir oder durch mich, wie man sagt. Sie war mir nicht gewachsen, als Ganzes oder vielmehr, sie wollte mir an Dingen und Stellen gewachsen sein, wo sie es nicht konnte oder als Frau nicht zu sein brauchte. Aber das verstand sie nicht.«

In Walter Lennings Biographie stürzte sich die Frau nicht aus Benns Wohnung am Mehringdamm, sondern lediglich »von ihrer Wohnung im 5. Stock«. Als hätte Benn nichts ahnen, nichts verhindern können. Er schildert auch eine Art Kummer, die Benn über den Tod der Freundin empfunden habe, und den Trost, den er sich selbst zusprach: »Da, wo Lili jetzt ist, sieht das Leben anders aus …« Anschließend bewundert er es, wie der Dichter »den Schicksalsschlag« in »Worte, in Verse« verwandelt. Wie Benn selbst aus der toten Geliebten noch die letzten Blutstropfen saugt.

Wenn es eine Frau gab, der Benn tatsächlich nachtrauerte, dann war es Else Lasker-Schüler. 1933 verläßt sie, von den Nazis verfolgt, Deutschland, flieht in die Schweiz und später nach Jerusalem. Sie hat sich nur telefonisch von dem einstigen Geliebten verabschiedet. Benn hat sich in einer Rundfunkansprache am 24.April hinter das Nazideutschland gestellt. Er hat vielen Bekannten die Freundschaft gekündigt. Sie waren Juden. Vielleicht hat auch Else Lasker-Schüler die Kündigung befürchtet. Doch versucht sie noch von der Schweiz aus, ihn zu sich zu locken. Aber Benn bleibt in Deutschland.

Ungeachtet dessen hat die große Leidenschaft der Liebesgedichte an Else Lasker-Schüler den Mythos einer ewigen, vielleicht tatsächlich heimlich all die Jahre andauernden Beziehung geschaffen. Denn Dr. Benn war, nach eigenen Worten, ein Meister der »Regie« in Affären, er verstand sich auf Diskretion. Nur hin und wieder tauchen vereinzelt Spuren auf, wie jene drei Postkarten, die Else Lasker-Schüler schon aus dem Exil in Jerusalem ihrem einstigen Geliebten sandte – der sie nie erhielt, die aber viele Jahre später einem Schriftsteller namens Günter Grass auf wundersame Weise in die Hände fielen.


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