Kreuzberger Chronik
Juni 2002 - Ausgabe 38

Die Freizeit

Lesen - und Suche nach Lesestoff


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von Günter Zehetmaier

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Vergangen sind die Zeiten, als die Bibliotheken noch Volksbibliotheken waren. Fundgruben für Neugierige, Schatzinseln des Wissens für Hobbyintellektuelle, denen der Zugang zu den Universitätsbibliotheken verwehrt war. Bücherregale für leidenschaftliche Leser, allen voran die Romanschmöker, die sich Abends mit einem Buch in den sprichwörtlichen Schaukelstuhl setzten, oder die ihre entliehenen Kriminalromane mit ins Schwimmbad nahmen. Vorbei auch die Zeiten, als man sich darauf freute, am Freitagnachmittag nach der Arbeit eine Stunde lang die Regale abzuschreiten, und als man die Auswahl so gewissenhaft traf, als müsse man für dieses Buch bezahlen. Dabei gab es den Bibliotheksausweis damals noch umsonst.

Zumindest in der Amerika-Gedenk-Bibliothek sind die Hobbyintellektuellen und die Freizeitleser die schwächste Fraktion. Vor allem Studenten sind es, die nach dem Unterricht auf der Suche nach Materialien unterwegs sind, die Computer der AGB nach Namen durchforsten, Regale nach Nummern absuchen, körbeweise Bücher zum Schalter tragen und am Ende ungeduldig in langen Schlangen warten, die denen vor den samstäglichen Kassen der Lebensmittelfilialen verdächtig ähnlich sind. Die Stimmung ist gereizt, das Gedränge groß, jeder ist in Eile, und immer wieder, obwohl sie einander ständig beobachten und skeptisch die Bücherwahl des Kommilitonen inspizieren, kommt es zu Kollisionen. Ein freundliches Lächeln nach einer zufälligen Rempelei aber ist in den Tempeln des Wissens ebenso selten wie im Straßenverkehr. Die Freizeit nämlich beginnt hier wie dort erst anschließend. Wenn sie die Bücher auf dem heimischen Schreibtisch abgelegt haben.

Die Bedeutung der Bibliotheken hat sich verändert, die Bücher sind zu einem Werkzeug geworden wie Hobel und Hammer. Sie sind Nachschlagewerk, Stoffsammlung, Fundus – das Material, aus dem heute Berufe geschmiedet werden. Das Buch ist Mittel zum Zweck, seines alten und geheimnisvollen Geistes beraubt. Auch in den langen Reihen unter L wie Literatur forschen die Neugierigen nur noch nach Namen und Zahlen. Auf den hübschen Schultischen aus den sechziger Jahren stehen die Laptops, bereit, das fremde Wissen in Sekunden zu kopieren und ins eigene OEuvre einzuarbeiten.

Doch noch gibt es Nischen, in denen sich die Freizeitleser aufhalten. Bei den fremdsprachigen Büchern steht ein alter Mann mit einer altmodischen Brille, den Hut noch auf dem Kopf und eine Ledertasche über der Schulter. Seit einer halbe Stunde blättert er in einem russischen Buch. Eine Frau in einem Lodenmantel sucht bei den Kochbüchern offensichtlich nach einem verschollenen, ganz besonderen Rezept. Türkische Mütter schieben ihre Kinderwagen durch die Bücherreihen, auf der Suche nach einem Stück Heimat.

Zu den am besten frequentierten Abteilungen der Feierabendleser in der AGB aber gehört die Geografieabteilung. Da macht sich ein älterer Herr, der vielleicht nie die Zeit dazu hatte, doch noch auf die Spuren von Thor Heyerdal, und da blättert ein Pensionär mit leuchtenden Augen in dem farbenprächtigen Bildband über Haiti. Die meisten Berliner aber stehen ganz hinten, irgendwo in Asien und fern im Osten, und blättern in Merianheften, Reiseführern und alten Reisebeschreibungen. Den nächsten großen Freizeitaufenthalt schon deutlich vor Augen.

Nicht vor Augen hatte kürzlich der junge Mann den ausladenden Busen einer Studentin, als er mit drei Büchern auf die Warteschlange zueilte. Sie strafte ihn mit eisigem Schweigen, jedoch nicht, ohne einen Blick auf seine Bücher zu werfen, die nun auf dem Boden verteilt lagen: »Sakrale Goldschmiedekunst des Historismus im Rheinland«, »Gralssuche und Schicksalserkenntnis«, sowie »Zum Geschlechterverhältnis zur Zeit der Wende«. <br>

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