Kreuzberger Chronik
Juli / August 2002 - Ausgabe 39

Das Essen

Im Floriansgarten


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von Sven Raben

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Es könnte sich um den stillen Garten eines geistlichen Bruders handeln. Doch schon am Tag der Eröffnung war der Biergarten so gut besucht wie ein Lustgarten. Obwohl der Garten am Ende der Kreuzbergstraße so deutlich im Abseits liegt, geradezu im Niemandsland zwischen Kreuzberg und Schöneberg!

Doch der Floriansgarten befindet sich in einer winzig kleinen, grünen Oase. Er verbirgt sich unter den Bäumen am Rand des Gleisdreiecks, neben den stillgelegten Bahngleisen, die einmal zum Anhalter Bahnhof führten. Der neue Biergarten läßt erahnen, was auf der seit Jahren geplanten und seit Jahren umstrittenen Grünfläche zwischen Potsdamer Platz und Monumentenbrücke entstehen könnte.

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Zeichnung: Nikolaos Topp
Dreißig hölzerne Gartentische hat man aufgestellt und hinten in der ehemaligen Schmiede ein Restaurant eingerichtet – mit teuren Weinen und einer kleinen, aber feinen Karte. Grün sind die zusammengefalteten Sonnenschirme, grün ist das Blätterdach, und grün sind die neuen Schürzen, in denen die Kellner ihre Wege laufen und wahrscheinlich feiner aussehen, als sie es tatsächlich sind.

Die Stimmung an den Tischen ist trotz einer allmählich spannend werdenden Fußballweltmeisterschaft nur von gedämpfter Fröhlichkeit, denn der Wirt vom Floriansgarten hat im Gegensatz zu seinen meisten Kollegen keinen Fernseher aufgestellt, um auf seine Restauration aufmerksam zu machen. So kommt es, daß kernige und bayrisch-vorlaute Sprüche an diesem Platz ausbleiben, das Gerede im Garten mischt sich unauffällig mit dem Rascheln der Blätter und dem Gezwitscher der im städtischen Biotop ansässigen Vögel. Im Floriansgarten können sich die strapazierten Trommelfelle der Kreuzberger ebensogut erholen wie ihre gepeinigten Seelen.

Doch ein Paradies auf Kreuzberger Boden ist auch der Floriansgarten nicht. Der Wirt mußte sich mit der Eröffnung beeilen, er wollte die kurze Saison des Berliner Sommers nicht verpassen. Deshalb hat die spartanisch aus Zement dahingegossene Terrasse wenig von der liebevollen Gestaltung anderer Kreuzberger Gärten. Und wo Bruder Joachim wahrscheinlich Kräuter, Sträucher und Blumen pflanzen würde, wächst meist noch das Unkraut. Nicht einmal die Bäume, deren unterste, im Dickicht des Urwalds abgestorbene Äste an Steppen und Savannen denken lassen, haben die Gastronomen beschneiden können. Schließlich ist Zeit Geld, vor allem, wenn das Bier drei Euro kostet. Und das kostet es inzwischen ja überall in Kreuzberg.

Auch, wer eine schöne Schmiede mit Amboß, Zangen, Blasebalg und Hammer, Esse und Feuer im Kamin erwartet, wird enttäuscht. Das letzte Überbleibsel aus der Zeit der Eisenbieger schien ein rostiger, reich verzierter Topfuntersetzer gewesen zu sein, der in einem der Blumenkästen lag. Doch den hat sich ein schlauer Gast gleich am ersten Abend unter das Hemd geschoben. Wahrscheinlich werden es die Gastronomen kaum bemerken – im Eifer des Gefechtes. <br>

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