Kreuzberger Chronik
Juli / August 2002 - Ausgabe 39

Die Freizeit

Spazierengehen


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von Horst Unsold

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Sie laufen paarweise und Arm in Arm, sie schreiten einträchtig nebeneinander, sie erzählen, lachen und gestikulieren, schieben Kinderwagen vor sich her, sie haben Hunde an der Leine und Drachen an der Schnur. Sie wandern mit rotierenden Rosenkränzen in der Hand oder mit auf dem Rücken verschränkten Armen, sie dösen am Ufer in der Sonne, sitzen mit Zeitungen auf den Bänken am Wegrand oder lesen im Laufen ein Buch. Sie hören Musik aus kleinen Kopfhörern, betrachten die Bäume, den Kanal, die Arbeiten der Gärtner, die Männer oder die Frauen, je nachdem. Und sie lassen sich betrachten, von den Männern oder den Frauen, je nachdem. Man geht in Sommerkleidern und luftigen Stoffen, zeigt Bein und Dekolleté auf dem Laufsteg des Volkes, Hüte und Frisuren, präsentiert neben der angepriesenen Sommerkollektion die provokanten Berliner Alternativen.

Zu den beliebtesten Spazierstrecken der Kreuzberger zählen die Ufer des Landwehrkanals. An sonnigen Tagen scheinen die Wege am Wasser zu einer Großveranstaltung zu führen, so eng wird es auf dem Trottoir. Zwar versammeln sich einige beim Flohmarkt im Böcklerpark oder in den Cafés am Wegesrand – doch ist das angestrebte Ziel nur der Vorwand für den Weg.

Selbst die Ältesten wagen sich an freundlichen Sommernachmittagen aus ihren Wohnungen, um am Stock ein Stück am Ufer entlangzugehen. Und aus dem Urban-Krankenhaus fliehen die Kranken mit ihren Gipsbeinen und den dick umwickelten Köpfen, lassen sich in rollenden Stühlen auf die belebten Gehwege unters Volk schieben. Sie trinken ihren Kaffee auf einem der schwimmenden Lokale oder rauchen in aller Seelenruhe die vom Arzt verbotene Zigarette. Freundlich sieht die Welt aus, an den sonnigen Nachmittagen an den Kreuzberger Ufern.

Nur die Kinder leiden unendlich. Nichts ist gefürchteter, nichts langweiliger als der Sonntagsspaziergang, dieses sinnlose, ziellose, langsame Herumlaufen in der Landschaft. Egal, ob man sie mit Eis oder Kino besticht – sie hängen meist übellaunig auf den Stühlen herum, trotten mit gesenktem Kopf zwanzig Meter hinter den Erwachsenen her, vermissen ihre Lieblingssendung, die gerade im Fernsehen läuft, und nörgeln so lange, bis den nach Entspannung lechzenden Müttern endlich die berühmte Hutschnur platzt und Vater sein Machtwort spricht.

Nichts also ist idyllischer als so ein sommerlicher Sonntagsspaziergang. Die halbe Stadt ist auf den Beinen. Bis die Sonne untergeht und sich die Stadtwanderer wundern, daß ihnen die Knie schmerzen von dem vielen Laufen. Auch Hunger und Durst verspüren sie. Wie schön wäre jetzt ein Stuhl, ein kühles Bier, ein Kuchen oder ein Schnitzel! Nie schmeckt es so gut wie nach den langen Stadtwanderungen. Deshalb kann es spät werden an so einem Sonntag, und während sich allmählich die Lokale füllen und auch die Wirte endlich gute Laune bekommen, machen die Kinder immer längere Gesichter. Weil sie zu Hause bereits ihre dritte Lieblingssendung verpassen. <br>

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