Kreuzberger Chronik
Februar 2002 - Ausgabe 34

Die Geschäfte

Solero - halb Spanien im Laden


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von Horst Unsold

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Pablo Neruda schrieb »Spanien im Herzen«. Es war die Zeit des Bürgerkrieges, Dichter und Denker aus aller Welt – der berühmteste unter ihnen war Ernest Hemingway – reisten auf die iberische Halbinsel und solidarisierten sich mit den spanischen Revolutionären. Ein halbes Jahrzehnt nach dem Bürgerkrieg fuhr auch der Politologie- und Soziologiestundent Ralph Bruhne nach Spanien, um über den Wechsel von der Diktatur zur Demokratie zu recherchieren. Er blieb vier Jahre in Sevilla und Madrid und schrieb seine Diplomarbeit, um anschließend das Studieren an den Nagel zu hängen. Stattdessen eröffnete er am Mehringdamm ein kleines Geschäft. Er wollte ohnehin etwas »Handfesteres«. Dem Geschäft gab er den Namen Solero.

Die Idee mit dem Geschäft war gut. Aber selten gibt es gute Ideen, an denen nicht auch der Zufall beteiligt wäre. In diesem Fall führte der Zufall den deutschen Studenten zu den kleinen spanischen Handwerksbetrieben, zu den Kunsthandwerkern fern der Küste im ausgetrockneten Hinterland, oder zu den Drechslerwerkstätten von Toledo. Ganze Dörfer leben hier vom Ton und vom Töpfern, aber sie leben eher schlecht als recht. Warum also sollte, sagte sich Ralph Bruhne, nicht eine Hand die andere waschen? Was sprach dagegen, ein kleines Geschäft in Berlin zu eröffnen, und jene schönen, kleinen Dinge, die hier so wenige Peseten kosten, nach Deutschland zu bringen und für ein paar Peseten mehr weiterzuverkaufen?

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Sie begannen mit Fliesen und Terrakottaprodukten. Dicken, schier unzerbrechlichen Tonfliesen, mehrfach gebrannt, handbemalt, strahlend von leuchtend mediterranem Blau und kräftigem Ocker. Fliesen, die Licht auch in die dunkelsten Häuser im grauen Berliner Winter zu bringen schienen. Sie stammen aus einer kleinen Werkstatt in der Nähe von Sevilla und sind angefertigt nach traditionellen maurischen Motiven, die man in den alten Rathäusern und noch älteren Kirchen ganz Spaniens zusammengesucht hat. Selbst nach hundert Jahren sollen sie nichts von ihrer Leuchtkraft einbüßen.

Ebenso kommen die dicken Vasen, die Krüge, die Schüsseln aus dem hellen, lehmfarbenen Ton ausschließlich aus den kleinen Produktionsstätten im trockenen Spanien und sind durch keine anderen Händlerhände gegangen als die des Herrn Bruhne. Was er einkauft, lagert er in kleinen Depots vor Ort, bis er genug »zusammengefunden« hat, um den nächsten LKW nach Deutschland zu schicken. Immer wieder macht er sich selbst auf die Reise, und immer wieder ist er auf der Suche nach irgendwelchen ausgefallenen Wünschen seiner Kunden, die irgendwann in seinem Laden stehen und plötzlich beginnen, von einem Bett zu erzählen. Einem Bett, das einmal in einer Pension auf Ibiza stand, und in dem die Urlauberin so wunderbar schlief, daß sie von der Idee, sie benötige dringend ein solches Bett, nicht mehr loskommen kann. Bruhne hat das Bett aufgetrieben. Er treibt so ziemlich alles auf, was es in Spanien gibt. Bruhne hat seine Mitarbeiter vor Ort, seine Detektive. Und er hat ein dickes Buch, in das er seine Bestellungen schreibt.

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Foto: Nikolaos Topp
Es gibt Dinge, die verkaufen sich zu jeder Jahreszeit. Die sind einfach genial. Das tönerne Tapasgeschirr zum Beispiel, diese kleinen, tonfarbenen Schüsselchen und Schälchen, die man auf die Herdplatte stellen, in den Ofen schieben und in die offene Flamme halten kann, in denen man kocht, warmhält und serviert zugleich. Oder die Bilderrahmen. Ein paar Meter weiter, in der Bergmannstraße, kosten sie das doppelte. Es gibt kaum einen Rahmen, den es nicht gibt. Und wenn es ihn noch nicht gibt, dann wird es ihn bald geben. Die Drechsler in Spanien arbeiten auch auf Bestellung.

Die gewaltigen Blumentöpfe für 60 Mark allerdings haben ihre Saison im Frühjahr, dagegen sind die Kerzenständer, die Lampen, die Spiegel, all die kleinen Wohnaccessoires, etwas für den Herbst. Wenn sich der Mensch »zurückzieht und einrichtet für den Winter«. Überhaupt ist der Herbst keine schlechte Zeit für einen spanischen Laden. Wenn die Berliner schon wieder einige Wochen zurück sind aus dem Urlaub und sich plötzlich an irgend etwas erinnern, das sie dort in Spanien gesehen, aber dann doch nicht mitgenommen haben. Dann machen sie sich auf die Suche. Und dann sind sie bei Solero an der richtigen Adresse. Bei Solero mit seinen spanischen Detektiven, die im Herbst auf Arbeit warten, weil »nach den Ferien die Zahl der Suchaufträge immer rasant steigt!«

Solero ist eine spanische Botschaft. Im Geschäft liegen zwischen den häuslichen Accessoires die spanischen Kekse, die spanische Schokolade und »Turron«, was etwa wie türkischer Honig schmeckt. Es gibt gefüllte Oliven, Anchovis, Fischkonserven … – all das, was sich auch im Supermarkt von Madrid oder Barcelona findet. Fächer für die Berliner Flamencotänzerinnen und Kastagnetten für die Berliner Flamencotänzer. Und es gibt Wein – denn was wäre Spanien ohne seinen Wein! Im Regal stehen die beliebten Sorten wie Albali’s Gran Riserva und Pata Negra, aber die Detektive dringen bis in die dunkelsten und feuchtesten Weinkeller der Rioja vor, um dem Kunden zu jener Flasche Wein zu verhelfen, die er seit seinem nächtlichen Besuch in einer Tapasbar in Madrid für den besten Wein seines Lebens hält.

Selbst jenem unglücklichen Urlauber, der während seines Spanienbesuchs von einem akuten Rheumaanfall hingestreckt wurde, konnte der kleine Laden am Mehringdamm helfen. Als Ralph Bruhne das gesuchte Wundermittel endlich ausfindig gemacht hatte, war der Kunde derart glücklich, daß er gleich 20 Dosen des spanischen Rheumasprays in dem Laden am Mehringdamm bestellte.

Die Idee mit Solero war gut. So gut, daß der Geschäftsgründer nun bereits an eine Filiale in Mitte oder Prenzlauer Berg denkt, mit einer typischen spanischen Cafébar, abendlichen Veranstaltungen und einem größeren Angebot auf mehr Quadratmetern. Dem Mehringdamm aber möchte er die Treue halten, auch wenn die alte Parade- und Geschäftsstraße in mageren Zeiten wie diesen viel von ihrem einstigen Glanz verloren hat. Und die Bergmannstraße ist ein Stück zu weit entfernt, von dort verirrt sich keiner hierher. Wer hierherkommt, der kommt nicht per Zufall. Der weiß Bescheid. Der weiß, daß man im Solero halb Spanien finden kann.

Das Geschäft gibt es nicht mehr. <br>

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