Kreuzberger Chronik
Februar 2002 - Ausgabe 34

Essen, Trinken, Rauchen

Das Bahnhofslokal ohne Bahnhof


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von Johann von Lorenz

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Sie stehen die ganze Nacht da, die drei Schwarzen der Jazzband in ihren roten und gelben Jacketts und mit den großen Krawatten. Die Figuren mit den farbenfrohen Lasuren erinnern an Jahre, als Berlin noch eine richtige Stadt und so ein Bahnhof noch ein Bahnhof war, mit dampfenden Lokomotiven und Lokalen, die die ganze Nacht ausschenkten.

Vogt’s Bierexpress am Mehringdamm ist für die Reisenden der U6 und U7. Für die, welche morgens in aller Frühe noch einen Kaffee brauchen, bevor sie nach Lichtenberg auf die Baustelle fahren, oder für solche, die gerade erst heimkommen von der Nachtschicht in der Kneipe oder der Fabrik. Niemand außer Vogt’s Bierexpress hat geöffnet um diese Zeit, selbst die berühmte »Curry 36« hat irgendwann vor dem Morgengrauen doch noch dicht gemacht. Und während man dort gerade das schäumende Putzwasser in den Gully kippt, gibt es im Bierexpress schon »Frühstück ab 6 Uhr«. Das große für 8 Mark 50.

Doch zwei Drittel der Gäste haben noch keinen rechten Appetit auf Frühstück. Neben einem zusammengekringelten Dackel auf einem Kissen sitzt das Dackelherrchen und blickt müde in einen der drei Fernseher, die schon um sechs Uhr morgens für Unterhaltung sorgen. Vor dem Dackelbesitzer steht ein Aschenbecher und eine schaumlose Pfütze Bier. Die Kundin an der Bar hat zwei Hocker zusammengeschoben, die Beine ausgestreckt und einen Dornkaat in der Hand. Nur das letzte Drittel der Besucher, ein müder Mann mit der morgendlichen BZ vor sich, löffelt lustlos mit dem Plastiklöffel sein Ei aus dem hellblauen Plastikeierbecher.

Die drei Gäste haben sich gut verteilt, sie bilden das größtmögliche rechtwinkelige Dreieck im Raum, der nicht nur den Charakter, sondern auch die Größe einer Bahnhofshalle hat. Nicht dicht gedrängt wie sonst in Kreuzberg, sondern im losen Arrangement stehen die hölzernen Tische mit den kleinen Plastikblümchen in Vogt’s Bierexpress, weit genug auseinander, um Platz für Koffer, Hutschachteln und Jausenkörbe zu lassen. So wie damals, als es noch richtige Reisende gab, noch den Personenzug, den Eilzug, den Schnellzug und den Express, der fast vergessene Orte wie Westerland, Buchen und Wittenberge ansteuerte.

Nur noch die alten Kurswagentafeln erinnern an die fernen Ziele. Vielleicht hat man sie aufgehängt, weil man Tapete sparen wollte. Deshalb steht auch die Wand hinter dem Tresen voll mit Bismarck, Gin, Korn und Klarem, all den altgedienten deutschen Männerseelentröstern. Aber vielleicht ist es doch eine Ideologie, die dahintersteckt, vielleicht kämpft man mit diesem Museum gegen das Vergessen. Vielleicht hat der alte Vogt einmal eigenhändig die bunt glänzenden Emaillereklamen abgeschraubt, die nun die restlichen drei Wände des Bahnhofslokals ohne Bahnhof füllen und für Produkte werben, die es längst nicht mehr gibt: »Dr. Mampes bittere Tropfen« oder »Teeschmitt, gegründet 1830«, oder die »Flaschenbiere von Adelung & Hofmann« und »Sunlicht« mit der Waschmagd vor der schäumenden Waschschüssel. Der Wegweiser über der Tür weist nicht mehr »Zum Luftschiff-Landeplatz« am Ende des Mehringdamms, sondern in den Untergrund des Berliner U-Bahnnetzes.

Vogt’s Bierexpress hat es nicht eilig mit dem Fortschritt. Es geht ohnehin alles seinen unaufhaltsamen Gang. Und während der Mann mit dem Dackel neben sich müde in den Fernseher blickt, wo morgens um sechs eine schöne Blonde ins blaue Wasser der Karibik springt, eilen draußen vor der verregneten Scheibe Beamte zum benachbarten Finanzamt, Arbeiter und Angestellte zur U-Bahn, verschwinden im Schacht, um ihrem Tagewerk nachzugehen – tagaus, tagein … <br>

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