Kreuzberger Chronik
April 2002 - Ausgabe 36

Katharina von Oertzen Kreuzberger
Katharina von Oertzen, Gastronomin




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von Herbert Weser

Titelfoto: Wolfgang Krolow

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»Das ist mein Wohnzimmer«. Die Chefin sitzt mit einem Glas Caipirinha im knautschigen Ledersofa in der Ecke, von der Wand rieselt etwas Licht. Musik und Stimmen im hohen, langgestreckten Raum mischen sich. Auf dem Sofa nebenan haben es sich zwei Freundinnen bequem gemacht, zupfen mit den Fingerspitzen die Seiten der Modezeitschriften, wechseln beim Umblättern manchmal ein paar Worte. An langen Tischen sitzen kleine Gesellschaften, Gläser klirren, man lacht, tafelt und trinkt, rückt Stühle und raucht. »Ich sitze am Abend öfter hier unten, ich fühle mich wohl hier. Auch wenn das eigentlich mein Arbeitsplatz ist, und wenn ich dann doch wieder nach dem Personal sehe und das Personal nach mir sieht. Aber ich habe das hier ja so eingerichtet, wie es mir gefällt.«

Katharina von Oertzen erzählt aus ihrem Leben. Wie es dazu kam, daß sie jetzt hier sitzt, in diesem langgestreckten Raum mit den vielen Leuten. Vier Stunden hat sie erzählt. Sie hätte auch sechs Stunden erzählen können. Aber am Ende sagt sie, ihre Geschichte sei wahrscheinlich langweilig. Und sie sieht den Zuhörer dabei fragend an und hebt die Schultern, als meine sie mit ihrer Geschichte sich selbst.

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Foto: Wolfgang Krolow
Vielleicht ist das auch wirklich eine dieser vielen Geschichten, die einander so ähnlich sind, die alle in Kreuzberg enden und irgendwo im untergegangenen »Wessiland« beginnen, in Erlangen zum Beispiel, in dem Katharina von Oertzen aufwuchs und zur Schule ging, und aus dem sie eines Tages auswandern mußte, weil dieses Wessiland zu klein war, um die großen Träume zu verwirklichen. Selbst, wenn diese großen Träume nur darin bestanden, auf eigenen Füßen zu stehen und vielleicht irgend etwas zu studieren. Dazu mußte man in die große Stadt, und da »München viel zu borniert« war, kamen eben nur »Hamburg oder Berlin« in Frage. Und da fast alle irgendwelche Freunde in Berlin hatten, und weil die meisten dieser Freunde immer gerade eine Wohnung oder ein Zimmer für einen wußten, deshalb kamen eben die meisten nach Berlin.

Katharina verschlug es zunächst in die Wohnung eines Freundes nach Spandau. »Ich wußte ja damals nicht, daß Spandau schon nicht mehr zu Berlin gehört. Jedenfalls nicht nach Ansicht der Kreuzberger.« Trotzdem war es spannend, plötzlich aus der Atmosphäre einer zentralbeheizten deutschen Kleinstadt in die ofenbeheizte Großstadt zu ziehen, sich bei schnodderigen Brennstoffhändlern Holz und Kohlen besorgen zu müssen. Und plötzlich ganz allein zu sein in dieser großen Stadt. Also suchte sich Katharina einen Volleyballverein in Siemensstadt, fuhr ab und zu mit ihrer Wäsche zu Mami nach Erlangen und begann – was sonst – mit einem Politologiestudium, in der Hoffnung, daß dort viel diskutiert würde. Die Hoffnung erfüllte sich, und schon wenige Monate später reiste sie mit neuen Freunden und dem »internationalen Jugendgemeinschaftsdienst« nach Portugal, wohnte in den umfunktionierten Landhäusern enteigneter Großgrundbesitzer und sammelte Salz, um den Aufbau einer neuen, sozialistischen Gesellschaft zu unterstützen.

Mit einer Kommilitonin aus dem Allgäu zog sie schon ziemlich nahe an Kreuzberg heran, wohnte in Tempelhof im Erdgeschoß, konnte durch die Toilettentür in den Garten und saß abends immer öfter an einem Ort in der Nähe der Marheineke-Markthalle, an dem sich die Allgäuer trafen. An einem Ort, den sie »Locus« nannten und der einer der ersten Orte war, an denen man Weizenbier bekam. »Die Zugereisten richteten sich ja damals überall ihre heimischen Ecken ein, es gab da die süddeutsche, die westfälische, sogar die bayerische Fraktion …«

In dieser immer als Kollektiv verstandenen Kneipe – »es konnte sich doch niemand vorstellen, daß eine Kneipe nach rein kapitalistisch-unternehmerischen Prinzipien funktionieren könnte« – verdiente sich Katharina neben dem Studium ihr erstes Geld. Stand nächtelang hinter dem Tresen, und es wurde getrunken und politisiert.

Das war 1983. Und bis 1983 war das vielleicht wirklich eine dieser typischen Kreuzberger Geschichten. Aber Katharina von Oertzen steht heute noch hinter dem Tresen dieses »Locus«. Sie hat die Kneipe gekauft und sich ihr Wohnzimmer eingerichtet darin. Weil Sepp und Bisam, die beiden Allgäuer, irgendwann doch wieder Heimweh bekamen, weil ihnen das preußische Flachland zu flach war. Weil sich zuerst einmal dieser Typ namens »Wolle« von allen möglichen Leuten Geld lieh, um sich in den Laden einzukaufen, weil dann auch Katharina irgendwo Geld auftrieb,um sich einzukaufen, weil dann Wolle wieder ausstieg und andere einstiegen und wieder ausstiegen – bis am Ende eine übrigblieb. Katharina. »Wenn ich etwas mache, dann richtig.«

Wenn sie heute in Berlin unterwegs ist und an einer neuen Kneipe vorbeikommt, schaut sie sich die ganz genau an. Sie könnte wahrscheinlich vorhersagen, ob der Laden läuft oder nicht, sie weiß, worin eigentlich das Erfolgsrezept der »Ankerklause« liegt und weshalb im Sommer die Leute mit ihren Gläsern bis auf die Brücke hinaus stehen. Ob Katharina von Oertzen in Portugal Salz sammelt, in Siemensstadt Volleyball spielt oder in Kreuzberg eine Kneipe übernimmt, sie spielt mit vollem Einsatz. Auch in Las Vegas, der Weltstadt des Frühstücksbüffets – »da gibt es ja überall, an jeder Ecke, Frühstück!« –, schrieb sie zwei Wochen lang ihr Tagebuch nicht mit Zahlenkolonnen bis 36 voll, sondern mit Speisekarten. »Ich habe da seitenweise nur Frühstücksangebote notiert.« Jetzt gibt es auch bei ihr ein amerikanisches Frühstück – mit Eiern und Speck, Muffins, Kaffee – »allem Ungesunden, das man sich vorstellen kann.« Damit ist sie eine echte Alternative im alternativen Gesundheitsapostelbezirk.

Sie ist eine leidenschaftliche Gastronomin geworden, sie philosophiert über das Aussterben der Berliner Eckkneipen, die alle noch Familienbetriebe waren, wo die Wirte selbst hinter dem Tresen standen und ihr Bier billig verkaufen konnten. Erzählt von Männern und Frauen, die ein Leben lang und 16 Stunden am Tag die Hand am Zapfhahn hatten. »Die einzigen, die das heute noch machen, sind unsere türkischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Davor ziehe ich den Hut.« Sie erzählt von den Zeiten, in denen Kultur darin bestand, am Tresen zu stehen, zu trinken und zu diskutieren. Und davon, daß dieses uralte Konzept inzwischen von den Lokalen mit Erlebnischarakter und Events wie »happy hour« und Jazzfrühstück und Lesungen überholt wurde, und daß das »locus« eigentlich schon längst aus der Mode ist.

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»Fast live dabei« - Endspiel im »locus« Foto: Privatarchiv ?locus

Aber die Frau aus Erlangen gibt so schnell nicht auf. Sie macht weiter, auch wenn beide Beine im Gips stecken. So wie damals, als die Jungs, mit denen sie nachmittags Fußball spielte, bei ihr klingelten. »Kann der Teeny runterkommen?« Sie brauchten dringend noch einen Mann, und zur Not nahmen sie auch ein Mädchen. Mutter von Oertzen verwies über die Sprechanlage auf die Gipsbeine ihrer Tochter, aber die Tochter wollte wenigstens zusehen gehen. »Und dann hab ich da im Tor gestanden und gehalten, was das Zeug hielt! Natürlich sind wir eine Woche später nur noch mit ein paar Krümeln Gips in den Mullbinden beim Arzt angekommen.« Die Jungs jedenfalls mochten die kleine Katharina. Sie sagten auch nicht die Teeny, sondern der Teeny. Das war eine Auszeichnung. Katharina war es recht. Sie konnte mit Mädchen damals auch nicht viel anfangen. »Die quatschten immer nur über Jungs. Aber mit den Jungs konnte man sich schon über so ein paar Themen unterhalten.«

Erst irgendwann in Berlin änderte sich die Einstellung zu den Mädchen. Da lief ihr eines Tages Beate über den Weg. Eine verheiratete Frau. Auch Katharina wohnte bei ihrem Freund, und bis dahin »hätte eigentlich eine verheiratete Frau mit Kind aus mir werden müssen. Aber es gibt eben Begegnungen, die sind um ein Vielfaches intensiver …« – Und das war so eine Begegnung. »Eigentlich wieder so eine typische Berliner Geschichte. In meinem Erlangen jedenfalls kann ich mir das schwer vorstellen.«

Beate blieb nicht die einzige Begegnung der anderen Art in Katharinas Leben, und jetzt muß sie also dem Finanzamt erklären, daß das eine eheähnliche Beziehung sei, die sie da schon seit zehn Jahren mit einer Freundin führe. Auch den Finanzbeamten, der partout irgendwelche Überweisungen sehen will, muß sie fragen, ob der eigentlich seiner Frau das Haushaltsgeld aufs Konto überweise oder vielleicht doch eher am Frühstückstisch rüberschiebe. Er wollte sich darauf nicht einlassen, das sei nicht dasselbe. Aber Katharina bestand darauf, daß es dasselbe sei. Sie bestand so lange darauf, bis er resigniert die Aktentasche schloß.

Katharina von Oertzen pflegt eine Art sportlichen Ehrgeiz. Amateursportlichen Ehrgeiz. Der ist, im Gegensatz zu dem der Profisportler, weniger verbissen. Sie ist zufrieden, wenn sei beim New York Marathon der Gay-Games nach fünf Stunden ins Ziel kommt. »Immerhin ist das die zweitgrößte Sportveranstaltung der Welt.« Sie mußte auch nicht so ein berühmter Sportreporter werden wie Harry Valerien, obwohl sie immer davon geträumt hat, als sie noch mit ihren Jungs im Hof kickte. Sie war schon damit zufrieden, als sie sich 1986 – »Politik und Fußball waren noch unvereinbare Gegensätze!« – im politisch korrekten Kreuzberg traute, einen gigantischen Gebrauchtfernseher ins Lokal zu stellen. Als sie ihr eigenes aktuelles Sportstudio am Marheinekeplatz einrichtete. Mit Erfolg. Zum Endspiel mußte sie Eintrittskarten ausgeben, auf denen stand »Fast live dabei!« Und die taz schickte einen Fotografen, um die volle Bude zu fotografieren.

»Wahrscheinlich ist das eine langweilige Geschichte!«, sagt Katharina von Oertzen, und dann erzählt sie von dem Siegelring mit dem Wappen der von Oertzens und dem einstigem Gutshaus in Vorpommern, das sie nach dem Fall der Mauer gesucht und gefunden hat. Von Sydney, San Francisco und Amsterdam, von der alten »Ente«, die sie in Südtirol stehen hat, oder von der Mutter, die manchmal daheim in Erlangen ganz stolz davon erzählt, daß ihre Tochter »eine Kneipe in Kreuzberg« hat. Und manchmal, wenn sie ganz besonders stolz auf ihre Tochter ist, sogar »ein Restaurant in Kreuzberg«. <br>

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