Kreuzberger Chronik
April 2002 - Ausgabe 36

Die Literatur

Horst Evers: Ich war der Appendix


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von Horst Evers

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… Ein Taxi bringt mich zum Urbankrankenhaus. Die Frau an der Notaufnahme mustert mich.

»Name?« – »Horst E …« – »Wohnort?« – Berlin, Wr …« – »Telefon?« – »030 …« – »Krankenkasse?« – »Technik…« – »Beruf?« – »Äääh …« – »Gut. Hier lesen Sie es sich nochmal durch, ob alle Angaben stimmen, und dann unterschreiben.«

Ich las mir das Formular durch, tatsächlich alle Angaben zu meiner Person stimmten. Wie machte sie das bloß? »Ähm Kennen Sie mich irgendwoher?« – »Nee, woher denn?« – Na, weil hier alle Angaben zu meiner Person richtig sind, obwohl ich die Sätze gar nicht zuende sprechen …« – »Hören Se mal, ich sitz hier seit 15 Jahren inner Aufnahme. Da kennt man mit der Zeit seine Pappenheimer. Und ihre Versichertenkarte, die sie zu Hause in der linken Schreibtischschublade unter den Kontoauszügen vergessen haben, müssen Sie auch noch irgendwie hierherschaffen.« Ach so, na da wußte ich doch wenigstens wieder, wo sie liegt. Ich war beeindruckt. Ein gutes Gefühl, in den Händen von echten Profis zu sein.

Der Aufnahmearzt kam gleich zur Sache. »Haben Sie Schmerzen?« – »Ja.« – »Na, dann legen Sie sich doch mal hin, so schlimm ist das doch noch gar nicht.« Dann drückte er auf den Blinddarm und ich hatte das Gefühl mein Bauch würde explodieren. »Sehen Se, das sind Schmerzen.« – »Das is ja klassisch bei Ihnen, ein richtiger Lehrbuchappendix. Dann drückte er wieder drauf. »Toll. Einfach toll. Genau da, wo ein akuter Appendix sein soll. Sagen Sie, darf ich das meinen Studentinnen zeigen?« Ich dachte, was soll schon sein? Wenn ich doch so einen Lehrbuchappendix habe, so ein Geschenk der Natur, darf ich mich nicht der Wissenschaft verschließen. Was sollte schon passieren? Kurz darauf erschienen drei Studentinnen, die jede nochmal auf den Schmerzpunkt drückten.

Als ich einigermaßen wieder bei Besinnung war, faßte ich mir endlich ein Herz. »Herr Doktor, werde ich durchkommen?« – Diesen Satz wollte ich schon immer mal sagen. »Ach son Appendix. So schlimm ist das doch nicht. Den kratzt zur Not auch noch der Pförtner mit dem Löffel raus!« Das war ein Medizinerwitz. Medizinerhumor ist zumeist etwas sperrig und wenig erfolgreich, was allerdings auch am Publikum liegt. In der Regel totkranke Patienten, wie ich. Diesen Pförtner-Blinddarmwitz sollte ich übrigens in den nächsten drei Stunden bis zur Operation noch 37mal hören. Er ist ist sehr beliebt im Urbankrankenhaus.

Die Pfleger spielen mittels Schingschangschong aus, wer mich hochfahren muß. Der Verlierer ist stinksauer und fährt mich, um die Schwestern zu beeindrucken, freihändig hoch. Die Stationsschwester sieht traurig aus. Ich glaube, sie hat sogar kürzlich geweint. Vermutlich Liebeskummer. Ich frage sie, ob sie mal auf meinen Blinddarm drücken will, damit sie auf andere Gedanken kommt. Sie drückt, ich schreie auf, und für einen Moment hat sie ihren Kummer vergessen.

3 Stunden später werde ich zum OP gefahren. Der Pfleger sagt, die OPs sind unten im Parterre, damit der Weg zum Landwehrkanal kürzer ist, wenn mal was schiefgeht. Dann lachen wir beide gelöst. Zur Belohnung fährt er mich diesmal mit den Händen. Im OP stellt mir der Anästhesist ungefähr 200 Fragen über Allergien, Krankheiten oder Operationen. Von wegen, ob ich die schon mal gemacht habe. Nachdem ich 40mal nein gesagt habe, sage ich einfach mal ja, um glaubwürdig zu bleiben. Daraufhin bricht eine relative Panik aus, und der Chirurg fragt mich, wer denn die Herztransplantation vorgenommen hätte. Ich gestehe kleinlaut, daß ich jetzt auch mal einen Scherz gemacht hätte. Dann lache ich ansteckend, und der Chirurg weist den Anästhesisten an, mich sofort einzuschläfern.

Ich bin schon im Wegdösen, als der Chirurg mich nochmal beruhigen will. »Keine Angst son Appendix ist keine große Sache, ich habe eine große Berufserfahrung, ich stehe schon seit 30 Jahren unten an der Pforte …«

(Entnommen aus: Horst Evers, »Die Welt ist nicht immer Freitag«, Eichborn, Berlin 2002) <br>

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