Kreuzberger Chronik
April 2002 - Ausgabe 36

Die Freizeit

Karaoke


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von Hans W. Korfmann

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Man kann überall singen. Beim Geschirrspülen, beim Putzen, auf dem stillen Örtchen. Das erleichtert das Gemüt und die Arbeit. Man kann aber auch im Hinterhof am Mehringdamm 32 singen. Bei »Tim’s Karaoke«, und zwar auf »koreanisch, chinesisch und japanisch«, wie es auf dem Schild zwischen dem Finanzamt und dem Waschsalon steht. Damit man unter den vielen Klingeln an der Tür des Mietshauses auch die richtige drückt, hat Herr Kim sein Namensschild rot unterlegt. An der grauen Eisentür mit den aufgeklebten Buchstaben »Eintritt 10 DM« muß man ein zweites Mal klingeln. Nach der doppelten Schleuse öffnet jedoch keine Barbusige in rauchigem Bariton, sondern eine kleine Koreanerin mit feiner, dünner Stimme. Wahrscheinlich Herr Geon-Koo Kim’s Tochter. An den Tischen sitzen auch keine tätowierten Seemänner auf Landgang, sondern kleine, asiatische Familiengesellschaften. Sie kauen Erdnüsse und trinken Alkoholika, springen ab und zu auf, um einen Verwandten oder Bekannten am Nebentisch mit enthusiastischem Händedruck, einer tiefen Verbeugung und einem breiten Lächeln zu begrüßen, das Europäern wie ein Grinsen erscheint. Die Damen und Herren sind in Abendkleidung, bis auf einen kleinen Chinesen, auf dessen weißem T-Shirt die drei Buchstaben »KBC« stehen, was »Karaoke Berlin Club« heißen könnte. Aber nicht alle sitzen an den Tischen, eine Frau fehlt.

Sie steht gerade auf der Bühne, ist stark geschminkt, könnte aus der chinesischen Oper kommen, trägt dazu den unsterblichen Mireille-Mathieu-Schnitt, ein Nadelstreifjackett und die Linke lässig in der Hosentasche. Sie singt ihr Lied mit strahlendem Lächeln, immer genau einen Halbton zu tief. Das stört niemanden, da ohnehin niemand zuhört. Doch kaum ist der letzte falsche Ton verklungen, ertönt von allen Tischen ein exotischer Beifallssturm.

Kim’s Karaoke ist kein Karaokelokal im Fernen Osten, an dem jeden Abend die gleiche Show läuft. Es ist etwas besonderes. Das Karaokelokal im Hinterhof am Mehringdamm ist womöglich der einzige Ort auf der Welt, an dem sich das strahlendste Lächeln der Sänger ohne die geringste Scham auch mit den falschesten Tönen paart. Deshalb ist es eine Topadresse – sowohl für aktive Sänger als auch für passive Zuhörer. Vorausgesetzt, man besitzt asiatisches Toleranzvermögen und britischen Humor.

Dann ist dieser koreanische Tom Waits, der gerade die Bühne betritt, ein einmaliges Erlebnis. Mit schweren Schritten, das müde Haupt gesenkt, betritt er die Bühne, greift im Vorbeigehen nach dem Mikrofon, das neben dem Textbildschirm hängt, und schweigt gesenkten Hauptes. Plötzlich aber reißt er den Kopf hoch, blickt ins Publikum. Das Publikum kaut Erdnüsse. Tom aber macht weiter, und Tom singt kein Lied von Waits, er singt ein Lied von Jones. Kein Wolf heult herzzerreißender, es gibt nichts Traurigeres auf der Welt als einen Koreaner, der ein Liebeslied von Tom Jones oder Elvis Presley singt. Tom verschlingt fast das Mikrofon, krümmt sich unter der unsichtbaren Last des Schicksals, blickt schmerzverzerrt zur Decke mit der Diskoglitzerkugel im Erdgeschoß des Hinterhofs, aber das Leid, es will kein Ende nehmen, »and ti i i i i ime goes by y y y y y so slowly i ji ji ji ji ji«. Am Ende verbeugt sich Tom bis zum Boden und sagt mit tonloser Stimme: »Thank you.«

Das alles findet der durchschnittliche Kreuzberger äußerst amüsant. Im Gegensatz zu den kleinen Toms und Mireilles, denen es nicht nur ums Vergnügen, sondern auch ein bißchen um die heimische Tradition geht. Doch sind alle lange genug in der Stadt, um nicht gleich böse zu werden, wenn dann drei blonde deutsche Mädchen auf die Bühne springen, die am nächsten Tag offensichtlich schulfrei haben, und plötzlich »Schuld war nur der Bossanova« grölen und kichern, daß einem das Herz schmerzt. Die Familien an den Tischen applaudieren den deutschen Gastgebern höflich, als hätte einer der ihren gesungen, und sie lächeln sogar ein bißchen. Sie lächeln immer. Und niemand weiß, was sie dabei gerade für Pläne schmieden. <br>

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