Kreuzberger Chronik
Dez. 2001/Jan. 2002 - Ausgabe 33

Jeannette Friese-Perkoff Kreuzberger
Jeanette Friese-Perkoff, Model




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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Johannes Barthelmes

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Eigentlich wollte sie immer schon an die Westküste. Seit sie dieses Lied von Pearl Jam hörte. Immer donnerstags, wenn in Ballenstedt im Jugendclub Disko war. Wenn sie 30 Kilometer durch den Wald fuhren, um ein bißchen etwas vom Paradies abzubekommen, das irgendwo in der Ferne lag, und das von keinem Ort der Welt weiter entfernt zu sein schien als von diesem Wald. Wenn sie 30 Kilometer lang dicht gedrängt in einem alten Wartburg saßen, nur um in der Disko Nirvana, Soundgarden oder eben Pearl Jam zu hören, während sich über ihnen die Glitzerkugel drehte wie die Welt. Seitdem wollte sie an die Westküste. Weil diese Musik von der Westküste kam.

Aschersleben war nicht ganz so weit wie der amerikanische Küstenstreifen und nur halb so weit wie Ballenstedt. 13 Kilometer. Und in Aschersleben gab es eine Zeitung, die kam aus Berlin. Da mußte sie lesen, daß Pearl Jam vor wenigen Tagen im Loft gespielt hatte, in einem kleinen Schuppen für ein paar Mark. Das hatte sie verpaßt. Nirvana würde sie nicht verpassen, das war erst im Sommer. Dann würde sie nach Berlin fahren, sie hatte die Karten schon in der Tasche. Doch das Paradies blieb aus. Nirvana spielte nicht mehr. Ausgerechnet jetzt mußte sich der Gitarrist das Leben nehmen! Für Jeanette wurde immer klarer: Hettstedt war es nicht, Ballenstedt war es nicht, Aschersleben nicht, vielleicht nicht einmal Berlin. Das einzige, was noch half, war die Westküste.

Perkoff
Foto: Johannes Barthelmes
Aber die Chancen standen nicht schlecht. Jeanette war jung, sie sah gut aus, verdiente ihr Geld nicht mehr als Kellnerin, sondern als Model. Aber dann war es doch wieder nur Binz mit seinen Strandkörben und dem schmalen Sandstreifen, die Ostküste der DDR anstatt der Westcoast von Amerika. Immerhin, es war warm, Jörg, ihr Freund, war zu Hause geblieben, die Freundinnen waren lustig, und die Band vor dem Café spielte Jazz, amerikanischen Jazz. Immerhin. Sie tranken ein bißchen, die Sonne schien, manchmal sah die Ostsee aus wie der Pazifik und die Band, die dem Ostseebad auf die Beine helfen sollte, war gut drauf. Jeanette lachte, der mit dem Saxophon lachte zurück, in der Pause hatte sie einen Drink in der Hand, und nach dem Konzert stand Ben neben ihr und fragte, wie der Drink schmecke und ob sie einen Freund hätte. Jeanette lachte und »fand es gut, daß er so direkt war, und daß er mich trotzdem nicht gleich stehen ließ, nur weil ich einen Freund hatte.«

Ben war Amerikaner. Der ließ nicht locker. »Der wußte, was er wollte.« Und außerdem war Ben am gleichen Tag geboren wie sie. 19 Jahre vor ihr, aber am gleichen Tag. Und Ben war Musiker. Und Ben kam von der Westküste. Aber eigentlich lebte Ben in Berlin. Das war praktisch. So trafen sie sich wieder. Und so trafen sie sich auch an der Westküste, als Jeanette im Februar 1998 das Flugzeug bestieg, um ihren Traum zu verwirklichen. Als sie heimkehrte, stand Jörg mit einem Blumenstrauß auf dem Flughafen. Umsonst. »Wir haben die ganze Nacht geheult!«, erzählt Jeanette, lächelt und legt den Kopf auf die Seite, als wäre es eine schöne Erinnerung. »Aber das ging nicht mehr. Der saß immer vor dem Fernseher und sah Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Jetzt war’s eine schlechte Zeit für ihn. Heute noch, hat Jeanette gehört. Und lächelt ein bißchen.

Jeanette heiratete Ben noch im gleichen Sommer. Ben ist einer, der weiß was er will. Er brachte Jeanette zu sich nach Hause. Sie wollte als Model arbeiten, so wie in Berlin. Aber Amerika war nicht Berlin. Amerika war »schrecklich prüde«. Es war unmöglich, sich nackt fotografieren zu lassen, ohne gleich im Pornogeschäft zu landen. So blieb ihr nichts anderes übrig, als vor den Schülern der Kunsthochschule für 17 Dollar die Stunde Modell zu stehen. Dafür konnte sie ab und zu über die berühmte Haightstreet flanieren, und einmal, »das war lustig«, da verfing sich ein Vogel in ihrem Haar. Und sie hatte geglaubt, jemand wolle sie grüßen, Ben vielleicht, aber da war niemand, und da lachten die Passanten, die ihr entgegenkamen. Das war wirklich lustig.

Sie blieben drei Jahre. Aber Berlin war spannender als die Westküste. Da lernte man auch Menschen kennen. Diesen Typen zum Beispiel, der sie damals im Franz-Club beim Tanzen beobachtet hatte und plötzlich auf sie zukam und fragte, ob sie sich fotografieren lasse. Oder dieser geheimnisvolle »Balto«, der jedes Mal extra aus München anreiste, und der sie gut bezahlte, wenn sie mit ihm ins Theater, in die Clubs und Bars von Berlin ging, um seine »Nudes in Public« zu fotografieren. Kürzlich waren sie im Theater. »Ich war noch nie im Theater, und es war lustig, wie die Leute reagierten. Ich hatte so ein durchsichtiges Kleid an, nichts mehr darunter, gar nichts. Also, in Amerika wäre das undenkbar gewesen.« Die Berliner zeigten sich toleranter, schielten, grinsten, grüßten. »Meistens sind die Models, die so etwas machen, ja nicht so schön wie ich. Und irgendwie ordinär.« Sagt Jeanette und weiß, daß sie recht hat. Aber natürlich hat auch Berlin seine »Banausen«. Diesen älteren Mann mit der Frau am Arm, der im Foyer entrüstet stehenblieb und sagte: »Also, jetzt ziehen Sie doch ihre Frau mal wieder an!« Oder die Frau mit der vielen Schminke, die um die Ehre der Stadt besorgt war: »Das ist eine Schande für Berlin.«

Jeanette lacht viel, wenn sie erzählt. Sie lacht gern. Das lernte man dort im Wald, aus dem sie kam. Auch wenn es nichts zu lachen gab. Oder gerade deshalb. Aber jetzt hat sie allen Grund zum Lachen. Sie hat es in glänzende Magazine geschafft, die Bilder ihres Körpers werden in gut beleuchteten Ausstellungen gezeigt, ihre Stammkunden sind Künstler und richtige Fotografen. Die Zeiten, als ihr die Typen in Unterhosen die Tür öffneten, und als sie nicht mehr wußte, wie sie da wieder rauskam, sind vorbei. Heute melden sich Agenturen, kürzlich war sie in Portugal für einen ehemaligen Penthouse-Fotografen, auf Mallorca war sie auch.

»Aber ich bin auch nicht mehr die Allerjüngste mit 28 Jahren!« Diesen Satz sagen alle Models einmal. Und die Agenturen werden auch immer wählerischer. Sie »messen jede Hüfte und jeden Po mit dem Maßband« aus und trauen niemandem unter Einsfünfundsiebzig. Die großen Mädchen sind Universalmodelle, überall einsetzbar, überallhin vermittelbar, passend für Mode, Akt, Film und Laufsteg. Jeanette fehlen immer ein paar Zentimeter. Aber sie lacht darüber. Warum sollte sie klagen, mit der hübschen Wohnung am Kreuzberg, Blick auf den Fernsehturm und die halbe Stadt, dieses helle Nest im 4. Stock! Mit Ben, dem Musiker von der Westküste. Und den Künstlern hier überall in Kreuzberg. Und mit den vielen Gemüsehändlern!

Die Gemüsehändler. Die Händler der Wendezeiten. Sie haben eines Tages Jeanettes Leben verändert. Ohne sie wäre Jeanette vielleicht ein anderer Mensch. Hätte eine Figur wie so viele in Hettstedt, viele dort im Harz. Hettstedt, irgendwo zwischen Eisleben und Aschersleben. Eisleben, weil der Winter dort in den Tälern so lange hängenbleibt, und Aschersleben, weil sie dort hinten in den Bergen einmal Holz zu Kohle und Erz zu Eisen brannten. Seit der Wende aber bleibt nicht einmal mehr Asche übrig. Seit der Wende sind viele aus den Dörfern des Harzes ausgewandert. Gekommen ist kaum jemand.

Nur die Gemüsehändler. Und Jeanette, die bis zum Jahr 1989 nichts so sehr liebte wie den Speckkuchen ihrer Großmutter, die in der Schulpause Speckbrote mit Senf aß – genau die gleichen Brote wie ihre Schulfreundin Christiane Gerbot, die jetzt im Fernsehen die Nachrichten ansagt und es noch viel weiter gebracht hat als sie – diese Jeanette verliebte sich augenblicklich unsterblich in Papayas, Kiwis und Mangos. Denn den Harz mit seinem düsteren Gipfel, den sie schlicht und nüchtern Brocken nennen, weil er sich 300 Tage im Jahr in Wolken und Nebel hüllt, den Harz mit seinem großen Wald und den wenigen Straßen und der schmalen Spur der Eisenbahn, den Harz mit seinen eigentümlichen Holzfällernaturen und mürrischen Hüttenarbeitern, diesen Harz vergaß man im Sozialismus gern, wenn es darum ging, die Menschen mit Obst und Gemüse zu versorgen. Deshalb jubelte man dort besonders laut, als eines Tages die Mauer fiel, und noch heute feiert man in einem winzigen Harzdorf mit dem Namen Elend nicht den Tag der Einheit, sondern den 9. November, den Tag des Mauerfalls.

Perkoff als Kind
Foto: Privatarchiv Friese-Perkoff

Auch Hettstedt mit seinen 20 000 Einwohnern und dem Walzwerk, in dem die Hettstedter arbeiteten, erlebte seine kurze Zeit des Aufschwungs. Jeanette war plötzlich nicht mehr die einzige, die mit einem Auto von der Schule abgeholt wurde, das sich der Vater ein halbes Leben lang zusammengespart hatte. »Die Wende war das beste, was passieren konnte!«, sagt Jeanette. »Niemand in Berlin kann sich vorstellen, was das für uns dort am Ende der DDR bedeutet hat!«

Zwei Jahre später – Jeanette war längst zur überzeugten Vegetarierin geworden, der Rausch der Glückseligkeit war verflogen, die ersten Arbeitslosen standen auf der Straße –, da entschloß man sich, etwas für Hettstedts Attraktivität zu tun. So kam es im Sommer 1992 zur ersten Wahl der »Miß Hettstedt«. Jeanette witzelt darüber, aber es war ein großer Tag, vielleicht der zweitwichtigste in ihrem Leben. »Ich werde in die Hettstedter Chronik eingehen!«, lacht sie. Wenn sie heute zu Besuch in die alte Heimat kommt, dann begrüßt man die erste und wahrscheinlich einzige Miß Hettstedt aller Zeiten mit einer Zeitschrift in der Hand. Sie haben sie wieder mal entdeckt. Es entgeht ihnen nichts in Hettstedt, nicht in »Penthouse« und nicht in »Coupé«. Hettstedt sucht noch immer den Anschluß. Den Jeanette gefunden hat.

Natürlich, es hätte alles auch ganz anders kommen können. Sie hatte schon ihre Lehre hinter sich. Als Restaurantfachfrau, oder anders gesagt: als Kellnerin. Nicht im Ratskeller Schmargendorf, »das war das beste Haus am Platz«, sondern in einer der beiden Bierkneipen. Sie hätte weiter Bier austragen können, die ganze Nacht, weil die Leute viel Bier trinken in Hettstedt. Sie hätte auch weiter Speckbrot essen können. Weiter Pearl Jam in der Disko hören. Und sie hätte bei ihrem alten Freund bleiben und weiter Gute Zeiten, schlechte Zeiten sehen können. Ein Leben lang. Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Wie so viele in Hettstedt. Aber sie hat es eben nicht getan. Sie hat sich irgendwann für bessere Zeiten entschieden. <br>

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